Konzil statt Konsum

Von Silvia Schaub
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Wer nur zum Schnäppchenjagen nach Konstanz reist, verpasst einiges. Die lebensfrohe Stadt am Bodensee trumpft in den Gassen mit einer reichen Geschichte auf.

Ulrich von Richental hätte nur ein mildes Lächeln übrig, wenn er den vorweihnächtlichen Stau in Richtung Konstanz sehen würde. All diese Schnäppchenjäger aus der Schweiz, die sich möglichst einen Parkplatz in der Innenstadt sichern wollen, würden ihn wohl ziemlich kalt lassen. Ein solches Gedränge ist für den Chronisten aus dem Mittelalter nichts Ungewöhnliches. Dank seinen Aufzeichnungen wissen wir, dass schon zur Konzil-Zeit vor nunmehr 600 Jahren die Menschen – damals zwar zu Fuss oder allenfalls zu Pferd – nach Konstanz strömten. Über 70'000 sollen es gewesen sein, die die Bischofsstadt am Bodensee mit ihren damals rund 6000 Einwohnern während 4 Jahren aus allen Nähten platzen liess. Sie kamen freilich nicht zum Einkaufen, sondern wollten am Puls der Geschichte sein, sollte doch ein neuer Papst gewählt (das einzige Mal auf deutschem Boden), die Einheit der Kirche wieder hergestellt und Ketzer (wie Jan Hus oder Hieronymus von Prag) verurteilt werden.

Statt sich also ins Shopping-Getümmel zu werfen, kann man derzeit dieser Geschichte während des Konzil-Jubiläums besonders intensiv nachspüren. Zum Beispiel mit Gudrun Schnekenburger auf einem Rundgang durch die Altstadt. Sie weiss einiges zu erzählen, etwa über die Frauen und das Liebesleben während des Konstanzer Konzils. Sie weiss auch, wo sich die Konstanzer «Reeperbahn» befand, heute der Beginn der Unteren Laube und dem Rheinsteig. «Hier lebten die Hübschlerinnen im städtischen Frauenhaus», berichtet die Stadtführerin. Womit sie die vielen Liebesdienerinnen meint.

Eine Chronik wie eine Klatschspalte

Über 700 waren es, wie Ulrich von Richentals Aufzeichnungen belegen. Diese liest sich übrigens wie eine Mischung aus Facebook-Einträgen, Stadt-Marketing und Klatschspalte. Der Sohn einer Patrizierfamilie hat das Grossereignis mitsamt seinen Alltagsgeschichten fein säuberlich niedergeschrieben. Er notierte genau, wer mit wie viel Gefolge anreiste, wo welches Ritterturnier stattfand, was welche Gäste als Speisen vorgesetzt bekamen und wer mit wem verbandelt war. Von der Chronik gibt es noch 16 Abschriften. Die wohl schönste liegt im Rosgartenmuseum auf – ein dicker Schmöker mit wunderschönen Farbillustrationen.

Ein wichtiger Ort war das Münster, das bis heute das Stadtbild von Konstanz prägt. Während des Konzils wurde das höchste Gebäude der historischen Altstadt als Tagungsgebäude genutzt. Spannend ist es, mit Münstermessmer Konrad Schatz hinter die Kulissen zu schauen und den Dachstuhl zu besteigen, bis hinauf zum Glockenturm. Abends wird auf dem Platz davor schon mal ein theatralischer Augenschmaus serviert: Das Theater Konstanz verwandelte diesen Sommer den Münsterplatz in eine Benediktinerabtei und führte Umberto Ecos Roman «Der Name der Rose» auf.

Vor 600 Jahren kamen die Besucher auch übers Wasser. Über 150 Frachtschiffe segelten, ruderten oder staken damals von einem Hafen zum anderen. Diese Lädinen (alemannisch: Lädi für Last, Ladung) transportierten bis zu 100 Tonnen an Gütern für die tägliche Versorgung. Keine Halluzination ist es, wenn im Hafen plötzlich ein solches Schiff vor Anker liegt. Die «St. Jodok», eine originalgetreu nachgebaute Lädine, sticht während der Sommermonate mit Passagieren als Ladung in See.

An die Zeit zwischen 1414-1418 erinnert auch die Imperia im Hafen von Konstanz, ein imposantes, schönes, pralles Weib. Neun Meter gross ist die Statue und dreht sich unbeirrt um sich selbst. Sie hat allerdings nicht wirklich mit dem Konzil zu tun, sondern entspringt der Fantasie von Honoré de Balzac, der mit seiner Erzählung „Die schöne Imperia“ der Stadt ein literarisches Denkmal setzte. Als der Künstler Peter Lenk in den 1990er Jahren die Statue schuf, waren die Konstanzer anfangs nicht begeistert über diesen sündigen Leuchtturm, der auf den Händen die karikierten Abbilder eines Kaisers und eines Papstes hielt. Inzwischen sind die Einwohner stolz auf dieses Monument, erinnert es doch an eine Zeit, als die Stadt Weltgeschichte schrieb – und nicht nur der Shoppingmöglichkeiten wegen Leute aus allen Himmelsrichtungen anzog.