Wenn Legenden in die Jahre kommen

Von Bernd Linnhoff
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Ein bisschen Botox? Ein Schuss Collagen? Facelifting? Unser Autor macht sich Gekanken über alternde Ikonen wie das Raffles Hotel in Singapur.

«Sir!», sagt der Mann in der weissen Uniform sehr bestimmt, «ich darf Sie darauf aufmerksam machen, dass wir nicht gerne ungefragt fotografiert werden.» «Sorry», sage ich verwundert und schaue auf die gelbe Schützenschnur über seiner rechten Brust und auf die schwarze Schärpe. Wenn schon nicht Ausstellungsstück, so scheinen mir die Pförtner am Raffles-Hotels in Singapur doch Teil einer forcierten Inszenierung, die den kolonialen Charme der Nobelherberge einfrieren soll.

Wann wird Nostalgie skurril?

Südostasiens Hotellegenden kommen in die Jahre. Was tun? Ein bisschen Botox? Ein Schuss Collagen? Facelifting? Oder doch gleich der operative Rundschlag mit Skalpell? Das Mandarin Oriental in Bangkok, das Eastern & Oriental in Penang, das Raffles in Singapur – alle blicken auf 130 Jahre Erfolg zurück oder sogar mehr. Aber Alter allein ist kein Verdienst, ich weiss das von mir.

Also: Wie rettet man Ambiente, Atmosphäre und Glanz des britischen Kolonialismus hinüber in eine digitale Moderne, in eine zunehmend virtuelle Realität? Geht das überhaupt? Die heutigen Eigentümer versuchen es zumindest.

Das Mandarin Oriental, über Jahrzehnte die Nr. 1 der Welt, schenkte sich zum 140. Geburtstag in diesem Jahr eine vorsichtige, geglückte Generalüberholung. Ich geniesse es, durch die Salons zu wandern, die den Literaten mit Fernweh gewidmet wurden: W. Somerset Maugham, Rudyard Kipling, Noel Coward, Graham Green. Sie alle schlugen auch im Raffles auf. Wie später Marlon Brando, Elizabeth Taylor, John Lennon.

Doch was kann die nächste Reisegeneration mit diesen Namen anfangen und was mit kolonialem Charme?

13 Stockwerke hoch ist der neue Flügel des Eastern und Oriental Hotel auf der malaysischen Insel Penang. «Sarkies» heisst das Restaurant im neuen Teil, zu Ehren der vier armenischen Brüder, die das Hotel 1887 bauten. Zwei Jahre später schufen sie auf einem sandigen Strandstück Singapurs die nächste gastliche Stätte: Eben das Raffles, benannt nach Sir Thomas Stamford Raffles, dem Entdecker und Gründer Singapurs.

Die Immobilie steht heute allerdings, ohne sich auch nur einen Meter gerührt zu haben, mitten im Stadtstaat; überragt von jüngeren Wolkenkratzern, der Ozean ist nur zu ahnen. Wie üblich in Singapur, wurde das Meer nach und nach mit Sand aufgefüllt, um Land zu gewinnen.

Ein Hoch auf Ngiam Tong Boon

Legenden brauchen Zeit zur Reife, Hotels können Geschichte schreiben und Geschichten. Weltläufige Schluckspechte kennen Ngiam Tong Boon und halten ihn in Ehren. 1915 erfand der chinesische Bartender in der Long Bar des Raffles den Singapore Sling. Da die Rezeptur des fruchtig-aromatischen Cocktails nicht überliefert wurde, hier die heutige Version laut Raffles:

  • 3 cl Gin, 1,5 cl Cherry Brandy
  • 1 ½ BL Triple Sec (im Raffles: Cointreau)
  • 1 ½ BL Bénédictine
  • 1 cl Grenadine oder Granatapfelsirup
  • 1,5 cl Limettensaft
  • 1 Dash (Spritzer) Angosturabitter
  • 12 cl Ananassaft im Cocktail-Shaker auf Eis geschüttelt und in ein mit Eiswürfeln gefülltes Gästeglas abgeseiht

Auf der Suche nach der Rezeptur des Erfolgs

Kein noch so berühmter Drink hält ein Hotel am Leben; auch die Beförderung zum «Nationalen Denkmal» 1987 war für das Raffles mehr Image- als Wachstumstreiber. Ausstellungen, hochkarätige Shows und Shops gehören längst zum modernisierten Konzept des Hotels, doch auch Entertainment und Merchandising bleiben allenfalls flankierende Massnahmen.

In diesen Tagen geht es um mehr. Es geht um die Existenz. 2017 wird das Raffles in drei Phasen renoviert, beginnend mit den Einkaufsarkaden ab Januar. Es folgen Lobby und Hauptgebäude, ehe das Hotel Ende nächsten Jahres komplett schliesst und die 103 Suiten in Angriff nimmt. Geplante Wiedereröffnung: Mitte 2018.

«Nach unserer reichen Historie schlagen wir dann ein neuen Kapitel auf», sagt Diana Banks, Vize-Präsidentin von Raffles Brand, «und nach einer sensiblen Überarbeitung bieten wir unseren Gästen das, was sie erwarten und schätzen.» Doch was ist das konkret?

Vielleicht die gelungene Verschmelzung von Herkunft und Zukunft. Das jedenfalls hoffen Südostasiens Hotellegenden. Um als Klassiker der Moderne in einem knüppelharten Wettbewerb zu bestehen. Allein in Thailand sind derzeit 74 Hotels mit insgesamt 15'200 Zimmern in Planung oder Bau, die bis spätestens Ende 2019 eröffnet werden sollen.