Weisse Weihnacht in Bangkok

Von Bernd Linnhoff
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Die wahren Tempel stehen in Bangkok derzeit in der Einkaufsmeile. Alle Bilder: Faszination Fernost/B. Linnhoff

Ein christliches Fest unter Buddhas Augen. Kommerz und Sanuk. Doch es gibt Momente, da möchte man dem Little Drummer Boy die Jingle Bells um die Ohren hauen. Weihnächtliche Eindrücke aus Thailands Hauptstadt.

Wenn in Mitteleuropa schon im Oktober erste Anzeichen auftauchen, dass es in zwei Monaten etwas zu feiern gibt, beginnt auch in den Tropen das Warten aufs Christkind. Obwohl Jesu Geburt eher nicht zu den buddhistischen Feiertagen zählt, unterscheidet sich die Vorweihnachtszeit in Bangkok kaum von der im katholischen Köln.

Hier wie dort stehen die wahren Tempel in der Einkaufsmeile, hier wie dort stürzen sich Einheimische und Besucher mit religiösem Eifer in die Kathedralen des Konsums. Im Kaufhaus Emporium an Bangkoks Sukhumvit Road hing am riesigen Kunststoffbaum die feine Zeile:

Lieber Weihnachtsmann, es reicht, wenn Du Deine Kreditkarte unter den Baum legst.

Das ist direkt und so ehrlich wie ein von Tiffany & Co. gesponserte Chistbaum auf dem Vorplatz, mit freiem Blick auf den Schriftzug Cartier. Die Thailänder nehmen alles volley, was Geselligkeit, Sanuk (Freude am Leben) und Profit verspricht. Stille Nacht, Shopping lacht.

So mancher Expat wird in diesen Wochen sentimental. Kindheitserinnerungen schiessen hoch; in den Pubs werden sie sentimental geflutet. Viele ihrer Erinnerungen, das hören wir heraus, sind positiv, andere unvergesslich. In den Supermärkten liegen Adventskalender aus, und die thailändisch-deutsche Landhaus-Bakery in Bangkok liefert Christstollen und Lebkuchen dazu.

94,4 Prozent der Thailänder kennen den Begriff Weihnachten.

Wie das Magazin Thaizeit herausfand, kennen erstaunliche 94,4 Prozent der Thailänder den Begriff Weihnachten. Sie wissen, dass das Fest mit geschmückten Bäumen verbunden ist und Santa Claus eine Rolle spielt, und sie verbinden mit den christlichen Feiertagen Geschenke und Grusskarten, Frohsinn auch und Rentiere. Das Jesuskind hingegen wird nicht erwähnt.

Über Weihnachten und Neujahr fahren 41,8 Prozent der Thais in die heimischen Provinzen, 19,5 Prozent dinieren daheim mit ihrer Familie. 15,4 Prozent gehen aus – die Zahlen wurden vor der Pandemie ermittelt – und 38,4 Prozent entspannen sich in den eigenen vier Wänden.

Frosty, the Snowman bei 30 Grad

Ich sitze gerne draussen vor dem Au Bon Pain in der Thonglor Road, und das nicht nur zur Weihnachtszeit. Das Café steht in einer Ladenzeile, die mit McDonald`s beginnt und beim Villa Supermarkt endet. Am frühen Abend gibt es keinen attraktiveren Laufsteg fürs Augen-Jogging. Hunderte flanieren hin und immer auch her; bei schwarzem Kaffee und Mandelcroissant nehme ich entspannt die Parade ab.

Das Café Au Bon Pain in der Thonglor Road: ein guter Platz fürs Augen-Jogging.

Aus den strategisch dicht platzierten Lautsprechern quillt ohne Unterlass Musik, die ein Mensch ausgesucht hat, der gut daran tut, anonym zu bleiben.

Er kennt nur zwei musikalische Zyklen. Von März bis September rieselt das Great American Songbook auf mich herab, mit Interpreten wie Kitty Wells, Frank Sinatra, Perry Como. Begnadete Künstler in der Blüte ihrer Arterienverkalkung. Ich mag sie, doch sie waren schon erwachsen, als ich noch kurze Hosen trug.

Spätestens Anfang Oktober stellt der mysteriöse Tonmeister (es kann keine Frau sein, Frauen sind flexibler) um auf Automatik: Bis Mitte Februar erduldet eine unschuldige Zuhörerschar fortan eine überschaubare Playlist von Weihnachtsliedern, auch sie aus dem ganz alten Regal. Mindestens zweimal pro Stunde tänzelt Rudolph, das rotnasige Rentier, frohgemut durch den Gehörgang. Keine Droge verstört das Hirn nachhaltiger als Frosty the Snowman von Jimmy Durante oder White Christmas im Winter Wonderland von Bing Crosby bei 30 Grad und Sonnenschein. Schon lange vor der Heiligen Nacht möchte man dem Little Drummer Boy die Jingle Bells um die Ohren hauen, die Jinger Bens, wie die Thais sagen.  

Let it snow, let it snow, let it snow

Etwa 85 Prozent der Thailänder kennen Schnee nur von Bildern. Also ist die Faszination gross; gross genug, um auch bei hohen Aussentemperaturen Geschäft zu versprechen. «Was wäre, wenn?» haben sich ein paar Künstler gefragt. Was wäre, wenn wir einige typische Bangkoker Strassenszenen in frischen, sauberen Schnee einhüllen? Ihre Postkarten, Wand- und Tischkalender trafen einen Nerv und wurden zum Verkaufsschlager.

Bangkok im Schnee: die Postkarten sind ein Verkaufsschlager.

Doch es gibt auch echten (Kunst-)Schnee in der Stadt. In der «Snowtown» nämlich, durchaus hoch gelegen. Im fünften Stock des Kaufhauses Gateway feuern fleissige Kanonen die weisse Pracht auf vermummte Bangkokians. Erst shoppen, dann Schlitten fahren. Kommerz und Sanuk – das ist Weihnachten in Bangkok.