Pandemiealltag im Tauchparadies

Von Anita Suter, Travelcontent
tauch8.jpg
Zuerst im Pool, dann im Meer: Auf den philippinischen Visaya-Inseln wird weiterhin getaucht. Bild: HO

Sie leben den Traum: Schweizerinnen und Schweizer, die sich für ein Leben auf Tauchbasen in wärmeren Gefilden entschieden haben. Vier von ihnen erzählen, wie sie die Pandemie im Ferienparadies erleben.

Zwischen Korallen und exotischen Fischschwärmen lassen sich die Alltagssorgen so gut vergessen wie kaum wo. Der Tauchsport ist auch bei Schweizerinnen und Schweizern beliebt – ob als Gäste oder Instruktoren sind sie an den Küstengebieten dieser Welt anzutreffen. Während mancherorts schon fast wieder «business as usual» herrscht, ist die Lage andernorts prekär. Vier Schweizerinnen und Schweizer berichten aus ihrer jeweiligen Wahlheimat.

Tanja Eichenberger, Ägypten

«Wir konnten unsere Basis schon im Juli wiedereröffnen und haben seither regelmässig Gäste – vor allem auch aus der Schweiz – empfangen» erzählt Tanja Eichenberger, Managerin des Tauchzentrums bei den Extra Divers El Quseir. Nachdem sie den Lockdown im Frühling 2020 in der Schweiz verbrachte hatte, war sie nach eigenen Angaben froh, nach Ägypten fliegen zu können. In die «kleine heile Welt», in der sich die Tauchbasis befinde – nämlich in einer Hotelanlage, gelegen in einer abgeschiedenen Bucht abseits der grossen Touristengebiete. Von Corona kriege man dort fast nichts mit, so die Luzernerin. «Das Feedback von unseren Gästen ist durchgehend, dass sie sich im Resort und beim Tauchen sehr sicher fühlen. Die getroffenen Hygienemassnahmen werden als sinnvoll aber wenig einschränkend empfunden.»

Froh, in Ägypten zu sein: Die Luzernerin Tanja Eichenberger. Bild: HO

«Im Oktober war unsere Basis richtig voll», erzählt Eichenberger. Eine Situation, die sie so selbst nicht erwartet hatte. «Ägypten lebt vom Tourismus, ist auf jeden Gast angewiesen», so die Tauchcenter-Managerin. Und weiter: «Hier gibt es kein Sozialsystem, der Tourismus hilft der gesamten Bevölkerung an der Küste.»

«Viele Menschen haben dadurch leider ihren Job verloren.»

Die meisten anderen Hotels und Tauchbasen in El Quseir seien denn auch noch immer geschlossen, ohne Aussicht auf Öffnung. «Viele Menschen haben dadurch leider ihren Job verloren.» Das Gespräch mit Tanja Eichenberger erfolgte vor dem BAG-Entscheid, Ägypten auf die Risikoländerliste zu nehmen.

Gaby Fahr Lavagnolo, Bali

Bei Gaby Fahr Lavagnolo präsentiert sich die Situation auf Bali so: Ihr Kubu Indah Dive Resort & Spa ist seit April 2020 geschlossen, wann sich das ändert, ist ungewiss. «Es ist alles sehr ruhig geworden hier, viele Geschäfte und Warungs sind geschlossen, die Strände genauso leer wie die Restaurants und Hotels» beschreibt die Resort-Gründerin die Situation vor Ort.

Die Zürcherin Gaby Fahr Lavagnolo betreibt auf Bali ein Tauchcenter. Bild: HO

Die damit verbunden Auswirkungen auf die Einheimischen – viele von ihnen leben vom Tourismus – sind allgegenwärtig: «Kinder und Frauen mit Babies sind wieder vermehrt am Betteln, Viele sind in ihre Dörfer zurückgekehrt und leben aus Kostengründen wieder bei den Familien.» Drei Mal war bereits von einer voraussichtlichen Öffnung Indonesiens die Rede, drei Mal habe sich die Hoffnung zerschlagen. «Das macht einem natürlich schon zu schaffen» sagt sie in Hinblick auf den immer wieder auf die Probe gestellten Optimismus der Einheimischen. Derzeit sei die Rede von einer möglichen, zonenweisen Öffnung im August oder September – allerdings, so die Auslandschweizerin, befänden sich das Resort und die besuchten Tauchplätze ausserhalb der besagten Zonen.

Das aktuelle Leben auf der Trauminsel sei für sie nicht besser oder schlechter als sonst wo auf der Welt, so Fahr Lavagnolo – zwar sei es wärmer als in der Schweiz, doch auch auf Bali herrschten Maskenpflicht und starke Einschränkungen. Hinzu kommt die Ungewissheit im Hinblick auf eine Öffnung der Insel für Touristen.

«Bali ist unser Lebensmittelpunkt.»

Auch Gaby Fahr Lavagnolo und ihr Ehemann Marco waren während des Lockdowns in der Schweiz. «Wir sind mit dem letzten Flieger raus und Anfang Juli mit einem der wenigen direkten Flieger wieder nach Bali zurückgekehrt» lässt sie Revue passieren. Eine Rückkehr in die Schweiz ist für die Zürcherin aber auch in der aktuellen Krisenzeit keine Option: «Bali ist unser Lebensmittelpunkt. Wir haben hier unser Resort, unser Haus mit unseren 8 Katzen, sowie zahlreiche Freunde und Mitarbeitende.» Letztere unterstütze sie mit monatlichen Lebensmittelpaketen und Spenden von Gästen, Freunden und Bekannten.

Chris Heim, Philippinen

Ähnlich ist die Situation auf den vier Tauchbasen der Sea-Explorers auf den philippinischen Visaya Inseln, gegründet von Chris Heim. «Es läuft sehr wenig, denn internationale Touristen können nach wie vor nicht zu uns kommen. Ab und zu dürfen wir einige einheimische Tauchgäste begrüssen» erklärt er die Lage vor Ort. Der lokale Tourismus stehe im Vordergrund, «wir gehen beispielsweise aktiv auf Botschaften und die Expat-Community in Manila und Cebu» zu, erklärt er die Strategie. Zu tauchen sei in der aktuellen Lage eigentlich völlig unproblematisch: «Wir befolgen strikt alle Regeln des Department of Tourism, und so sicher wie unter Wasser ist man momentan ja sowieso nirgends» fügt er an.

Zu Hause auf den Philippinen: Chris Heim (Mitte) lebt seit über 30 Jahren auf den Visaya-Inseln.

Obwohl auf den Visaya-Inseln nur wenige Fälle verzeichnet seien, herrsche auch hier eine nächtliche Ausgangssperre und das Gebot von Social Distancing. «Die Sonne scheint und den Leuten ist das Lachen noch nicht vergangen» erzählt Heim – weshalb er die Pandemie lieber vor Ort als in der Schweiz aussitze. «Wir leben seit 30 Jahren auf den Philippinen, Herz, Familie und Geschäft sind hier – in die Schweiz zurückzukehren kommt gar nicht in Frage» stellt er klar – sporadische «Heimatferien» und Besuche bei Freunden und Familien natürlich ausgenommen. «Und hier können und dürfen wir zum Glück immer noch tauchen», das sei für ihn neben Familie und Gesundheit das Wichtigste. «Ich freue mich bereits auf den nächsten Tauchgang» so der gebürtige Baselbieter.

«Den Leuten ist das Lachen noch nicht vergangen.»

Neben der hohen Arbeitslosigkeit bereiten ihm unter anderem die möglichen negativen Auswirkungen der Krise auf die Unterwasserwelt Sorgen: «Viele Menschen hier leben von der Hand in den Mund. Deshalb wird wieder viel mehr gefischt, wohl auch illegale in den Schutzgebieten.» Diese Befürchtung teilt auch Thomas Meier, General Manager bei Manta Reisen. Beim Tauchspezialisten – der auch Reisen zu Chris Heims Tauchbasen auf den Philippinen vermittelt – weiss man um die Problematik: «Anwohner von Küstengebieten weltweit haben wegen des Reisestillstands erhebliche Anteile ihres Einkommens oder sogar ihre Arbeit verloren», würden sich nun notgedrungen wieder dem Fischfang zuwenden. Ob der mangelnden Präsenz von Touristen und Behörden kommen mancherorts wieder verheerende Methoden wie die Dynamitfischerei zum Einsatz. «Wo der Tourismus achtsam stattfindet, sichert er Arbeitsplätze und Existenzen – und die Bevölkerung ist darauf sensibilisiert, dass ein lebendiger Fisch weit mehr wert ist, als ein toter», so Meier.

Chris Heim ist nach einem kürzlichen Ausflug an zwei besonders für seine Grossfische bekannte Tauchspots zuversichtlich: «Es hat wieder mehr Kontrollen und die dortigen Schutzzonen scheinen auch von den Fischern respektiert zu werden», freut er sich. «Hoffen wir, dass der Albtraum bald vorbei ist.»

Patrick Spitz, Malediven

Um die Fischbestände macht man sich auf den Malediven keine Sorgen, im Gegenteil: «Wir sehen wieder viel mehr Haie an den Riffen» so die Feststellung von Patrick Spitz, Mitbesitzer und Basisleiter des Sea Explorer Dive Centers im Reethi Faru Resort. Das sei eine logische Folge des Lockdowns; die geschlossenen Resorts hatten keinen Bedarf an Speisefisch, somit konnten sich die Bestände frei vergrössern. Spitz spricht von Hunderttausenden von Jungfischen an den Riffen, die wiederum grössere Tiere und in der Folge eben auch die Haie anziehen würden. «Generell ist die Unterwasserwelt bei uns also sehr in Ordnung», fasst der passionierte Taucher zusammen.

Freut sich über Nachwuchs und viele Haie: Patrick Spitz auf den Malediven. Bild: HO

Von April bis Oktober war das Resort geschlossen, seit Dezember verzeichne man wieder eine sehr gute Auslastung. Weil die Malediven seit kurzem auf der Risikoländerliste des BAG stünden, seien die Schweizer Gäste nun leider sehr selten geworden, bedauert der gebürtige Appenzeller.

«Die Zwischenzeit war für uns eigentlich sehr gemütlich. Kein Corona auf der Insel, viel Zeit fürs Tauchen und Schnorcheln – wir haben in einer richtigen «Bubble» gelebt und hatten alles, was wir brauchten», lässt er Revue passieren. Die Lebensmittellieferungen fürs Resort hätten sich allerdings zwischenzeitlich etwas schwierig präsentiert. Und in der Hauptstadt Male sei die Lage weniger entspannt gewesen: «Während des Lockdowns waren die Supermarktregale teilweise leer, es hatte einfach nur noch was es eben noch hatte.» Vor allem Gemüse und Früchte waren rar, die Preise dementsprechend hoch.

«Für mich war der Lockdown fast ein kleiner Segen.»

Just während des Lockdowns ist denn auch Patrick Spitzs Tochter zur Welt gekommen. «Weil ich von Beginn weg so viel Zeit mit der Kleinen und meiner Partnerin verbringen konnte, war der Lockdown schon fast ein kleiner Segen für mich».

Und gleich noch ein Baby hat bei den Sea Explorers während der Krise das Licht der Welt erblickt: «Wir haben die Flaute genutzt, um ein künstliches Riff zu bauen. Vor unserer Insel hatte ein Transportboot eine Metallstruktur verloren – diese haben wir ans Riff gezogen und mit Korallen aller Art bepflanzt. Nach einem halben Jahr erfreut sich das Riff bereits regem Fischtreiben.» Das Projekt geht aber noch weiter: Tauchgäste können sich neu auf dem «Reef Builder Dive» am Bepflanzen beteiligen.