«Viele der schönsten Gärten sind nach Krisenzeiten entstanden»

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Lavendel lockt mit seinem Duft Schmetterlinge in den Garten – und verbreitet einen Hauch Provence. Bilder: J. Noa

Wegen der Corona-Krise bleiben viele Menschen zuhause. Umso wichtiger wird der eigene Garten oder Balkon als Rückzugsort. Ein Gespräch mit der Landschaftsarchitektin Jacqueline Noa vom Zürcher Büro Noa Landschaftsarchitektur über Möglichkeiten, sich im Grünen ein kleines Ferienparadies zu kreieren.

Frau Noa, viele Menschen haben ihre diesjährigen Ferienpläne auf später verschoben. Wie sieht es bei Ihnen aus?

Jacqueline Noa: Mir fällt es auch nicht leicht, meine Reiselust zu unterdrücken. Ich inspiriere mich gern in fremden Ländern. Ich liebe alle Gärten, vom englischen Landschaftspark über französische Barockgärten bis zu den alten persischen Gärten im Iran, die man «Paradaidha» nannte – ein Begriff, der heute als «Paradies» in unsere Sprache überliefert wurde. Ganz besonders inspirieren mich italienische Renaissancegärten mit ihrem mediterranen Flair. Olivenhaine, terrassierte Hänge mit Natursteinmauern und Zypressenalleen in der toskanischen Landschaft – da schlägt mein Herz höher.

Was kann man im eigenen Garten oder auf dem Balkon tun, um sein Fernweh zu stillen?

Genau das ist doch die Aufgabe jedes Gartens: Man will Bilder aufleben lassen, die schöne Erinnerungen wecken. Die Lavendelfelder in der Provence, die Olivenhaine in der spanischen Provinz Toledo! Es gibt viele Möglichkeiten, wie man zuhause ein Mittelmeer-Feeling kreieren kann. Auch wenn viele mediterrane Pflanzen bei uns nicht winterfest sind, lässt sich mit einigen Tricks auch bei uns ein südländisches Flair zaubern.

Wie kann ich mir das konkret vorstellen?

Mediterrane Pflanzen sind wahre Überlebenskünstler, die mit Hitze und Trockenheit gut zurechtkommen. Daher haben sie helle, schmale und oft behaarte Blätter, die eine Verdunstung verhindern und viel Sonnenlicht reflektieren. Oder es sind dickblättrige Pflanzen, die viel Wasser speichern können. Auch schaffen es die meisten Kräuter wie Rosmarin, Salbei, Thymian und Lavendel problemlos über den Winter. Diese lassen sich mit Gräsern, Wolfsmilch und Rosen kombinieren. Mutigere Gartenfreunde können Lorbeer und Feigenbaum ausprobieren. Diese überleben die milden Winter, benötigen sonst aber etwas Schutz.

Aber nicht alle Pflanzen gedeihen in unseren Breitengraden…

Es gibt immer Alternativen. Eine schmalblättrige Oelweide ist äusserst robust und erinnert mit ihrem silbergrauen Laub an einen Olivenbaum. Der Italienische Schneeball ist in der Schweiz ebenfalls winterfest und eignet sich für blühende Dufthecken. Die begehrten Schmucklilien, auch Liebesblumen genannt, lassen sich durch exotisch anmutenden Zierlauch ersetzen. Und statt säulenförmigen Zypressen kann man Säuleneiben, Säulenwacholder oder Scheinzypressen pflanzen.

Worauf muss man beim Gestalten seines Gartens achten?

Auf die Kombination kommt es an. Traumhaft wirkt etwa ein Hain aus Ölweiden, unterpflanzt mit Lavendel und Iris oder Rosen mit Gräsern. Der Clou ist es, helle und silbriglaubige Pflanzen mit dunklen Akzenten zu kontrastieren, also etwa mit Schneeball oder Säuleneiben einzurahmen. Die blauen und weissen Blüten kommen dann perfekt zur Geltung. Aber Achtung: Bei aller Exotik muss das Gartenbild in die Schweizer Landschaft passen – sonst wirkt es gekünstelt und aufgesetzt! Das ist dann die grosse Kunst…

«Einen Garten nimmt man nicht nur mit dem Auge, sondern auch mir der Nase wahr.»

Welche Möglichkeiten hat jemand, der keinen eigenen Garten zur Verfügung hat?

Auch da kann man schöne Stimmungen erzeugen. In einem grossen Topf kommen Lavendel und Iris mit einer Rosmarinweide oder einem Blauregen als Hochstamm gut zur Geltung. Eine Pergola oder ein Balkongeländer kann man mit Wein oder dem romantischen Blauregen beranken. Etwas schwieriger wird es auf der Schattenseite. Hier kann man auf blaue Hortensien in schönen Tontöpfen zurückgreifen.

Welche Rolle spielt die Aussicht, die ja bei uns nicht überall Ferienstimmung vermittelt?

Natürlich beziehen italienische Gärten immer den Hintergrund der Landschaft ins Gartenbild mit ein. Auch wenn der städtische Hintergrund nicht immer so traumhaft ist, kann man mit Hecken, Bäumen und Sträuchern gezielt weniger Schönes abdecken, um den Blick zu lenken und die sehenswerten Aspekte zu inszenieren. Der Rahmen des Gartens ist etwas vom wichtigsten. Zudem lassen sich unerwünschte Einblicke gut mit einer begrünten Pergola oder einem schirmförmigen Baum abhalten.

Was gibt es sonst noch für Möglichkeiten?

Einen Garten nimmt man nicht nur mit dem Auge, sondern auch mir der Nase wahr. Die Orangenblume, ein kleiner immergrüner Strauch, verströmt im Frühjahr einen wunderbaren Duft von Orangenblüten. Abgesehen von Pflanzen verleihen Naturstein- oder Pflaster-Beläge dem Garten Charakter. Immer attraktiv ist das Medium Wasser, etwa ein Seerosenreich oder ein plätschernder Brunnen. Nicht zu unterschätzen ist eine stilvolle Möblierung. Klassische Stühle und Tische aus hochwertigen Hölzern haben definitiv mehr Atmosphäre als billige Plastikmöbel. Und unter einem schönen Sonnenschirm fühlt man sich schon fast wie auf einer fiorentinischen Piazza.

Man benötigt also nicht nur einen grünen Daumen, sondern auch gestalterisches Talent…

Auf jeden Fall, sonst wäre unser Beruf ja überfüssig. Was es vor allem braucht, ist Beobachtungsgabe und viel Liebe. Ein schöner Garten entsteht aus Zuwendung, Fleiss und Geduld. Dafür kann man jedes Jahr von neuem viel Kraft schöpfen, wenn alles aufblüht, duftet und seine volle Wirkung entfaltet.

Zum Schluss, wie gehen Sie persönlich mit der derzeitigen Stimmung um, die von Unsicherheit geprägt ist?

Ich bin optimistisch. Viele der schönsten und eindrücklichsten Gärten sind nach Krisenzeiten in einer Phase der Hochkultur entstanden – ganz besonders die Renaissancegärten in Italien und Frankreich. So gesehen ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt, um etwas Neues anzufangen und positiv in die Zukunft zu blicken!

(VB)