Warum der gedruckte Reiseführer immer noch nützt

Von Andreas Güntert
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Neue Facetten dank dem Print-Reiseführer in Valencia – zu Lebensweisen, Sprachschatz und Orten abseits der hauptsächlichen Trampelpfade. Bilder: Internaut

Im Zeitalter von Tripadvisor scheint der gedruckte Reiseführer überflüssig. Ist das wirklich so? Ich bin mit Print-Führern losgezogen in zwei Städte. Fazit: Der Reiseführer in Buchform sollte nicht abgeschrieben werden.

Wann hast Du zum letzten Mal einen gedruckten Reiseführer in der Hand gehalten? Ich vermute einmal, dass das länger her ist. Bei mir jedenfalls ist es so. Oder war es mindestens.

Denn kürzlich wollte ich es noch einmal wissen: Ist es wirklich so, dass die Infos im gedruckten Reiseführer stets veraltet sind? Dass Tripadvisor, Google Maps, Yelp & Co immer besser und schneller informieren?

Zwei Reiseführer im Praxis-Test. Jawohl, Print kann immer noch mithalten.

Verliert das Offline-Buch jedes Rennen gegen Online-Tools, weil man sich im Netz jede Information jederzeit auch im Netz beschaffen kann?

Ein Thema, das man mal testen müsste, dachte ich mir. Und dann habe ich es getan.

Gedruckter Reiseführer im Test in Valencia und Zürich

Jüngst gab ich also dem gedruckten Reiseführer noch einmal eine Chance. Ich bin losgezogen mit einem Print-Exemplar in der einen Stadt, die ich immer besser kennen lernen will: Valencia.

Und ich habe per gedrucktem Reiseführer jene Stadt neu erforscht, die ich zu kennen glaube: Zürich.

(Buch)-Rücken an Rücken: Valencia und Zürich.

Dabei war ich nicht mit einem riesigen Wälzer unterwegs, sondern mit den schmalen Büchlein der Dumont-Direkt-Serie, die auf jeweils rund 120 Seiten mit einem Versprechen antreten:

Schnell und kompakt ins Lebensgefühl einer Stadt einzutauchen.

Warum der Internaut plötzlich offline recherchiert

Es mag merkwürdig anmuten, wenn ein Blogger namens Internaut, der doch sonst immer den Internet-Inhalten zugewandt ist, für einmal ins Print-Universum zurückfindet.

Aber so erstaunlich ist das nicht. Immerhin komme ich aus der Welt des Print, arbeite weiterhin für gedruckte Zeitungen und lese parallel auf Tablets und in der Print-Presse.

Mein Eindruck aus der jüngsten Print-Tour: Der gedruckte Reiseführer hat immer noch seine Vorteile. Und er hält seine Versprechen. Meist jedenfalls.

Vorteil Reiseführer: Neue Gassen, Quartiere abseits der Trampelpfade, Stadt, Land und Leute

In der Zürcher Altstadt hat mir das Buch tatsächlich Gassen gezeigt, die ich noch nicht gekannt habe. Und er hat mich neugierig gemacht auf das Enge-Quartier, das ich bisher viel zu wenig berücksichtigt habe.

Zürichsee: Bekannt. Aber die Quartiere in der Nähe lohnen den (Wieder)-Besuch.

In Valencia hat er mir bezüglich Lebensweise, Sprachschatz und Orten abseits der hauptsächlichen Trampelpfade neue Facetten gezeigt. Er hat mich aber auch zu einem Ort hingebracht, wo der Reiseführer alleine nicht mehr funktionierte. Mehr dazu ganz am Schluss.

Denn jetzt gehts rein in die sieben Felder, wo der gedruckte Reiseführer immer noch einen guten und unverzichtbaren Job macht.

1. Plötzlich dieser Überblick: Ein erster Punkt für den Reiseführer

Natürlich rücke ich nicht mehr mit Faltplänen aus, wenn ich auf City-Tour gehe – viel zu mühsam und bei schlechtem Wetter eine Qual. Da ist mir eine Reise-App wie etwa City-Mapper viel lieber.

Zu Hause aber oder im Hotel geniesse ich es, den Faltplan, den ich ganhz einfach aus dem Reiseführer nehmen kann, auszulegen. Weil es mir den grossen Überblick verschafft.

Kann ich die Orte, die ich besuchen will, sinnvoll in meinen Plan integrieren? Das gibt mir ein besseres Gefühl für den Raum der ganzen Stadt. Ein erster Punkt, der für den gedruckten Reiseführer spricht.

2. Orte finden, nach denen ich nicht gesucht habe

So wie eine Zeitung eine Art Wundertüte für Stories aller Art ist, funktioniert auch ein guter Reiseführer.

Wenn er mir im Text und per Print-Karte einen Überblick zu den einzelnen Quartieren verschafft, kann es sein, dass ich auf Orte stosse, die ich so nicht gesucht hätte per Google Maps. Der Reiseführer ist so also eine Art Gruss aus der City-Küche. Und er macht mir durch die grossräumliche Darstellung Lust auf Sehenswürdigkeiten in der Nähe, die ich en route gleich mitnehmen kann.

3. Infos nicht vom Schwarm, sondern von einem Profi

Klar, wer Tripadvisor richtig nutzt, kann das Optimum aus dieser omninpräsenten Reise-App holen. Der Reiseführer hat aber trotzdem einen Vorteil: Weil er nicht von einem Schwarm von Reisenden stammt, sondern in der Regel von einem einzigen Autoren.

Wenn der Autor aus meiner kulturellen Ecke stammt, kann ich seine Tipps und Vergleiche besser nachvollziehen, als wenn erfahrene und komplett unerfahrene Menschen aus allen Weltgegenden ihre Tipps abgeben.

4. Der Reiseführer als Notizbuch

Was ich als Schreiber natürlich sehr mag: Dass ich eigene Eindrücke, Tipps und neue Adressen gleich ins Buch reinschreiben kann.

Ich bin auch ein Notizbuch: Reiseführer können zur «limited edition» werden.

Natürlich werden Online-Adepten jetzt sagen, dass sie solche Tipps einfach mal kurz in eine Notiz-App eintragen.

Zu diesem Punkt kommen wir jetzt gleich.

5. Diesem Tool geht die Power nie aus

Bis andere Traveller ihre Notiz-App im Smartphone überhaupt aufgestartet haben, ist meine handschriftliche Notiz längst drin in meinem Offline-Tool.

Ein Tool übrigens, dem die Batterie-Power nie ausgeht, das ohne Strom und ohne W-LAN funktioniert und deshalb auch keine Roaming-Kosten verursachen kann.

Im Falle der Dumont-Direkt-Reihe übrigens wiegt der Offline-Reiseführer gerade einmal 186 Gramm. Also weniger als zwei Tafeln Schokolade. Und nur unwesentlich mehr als mein iPhone 8, welches es auf 160 Gramm bringt.

6. Sharing is caring: Tool-Tausch bedenkenlos möglich

Noch ein Vorteil zum Handy: Den Reiseführer kann ich einer neuen Reise-Bekanntschaft auch mal einen halben Tag lang ausleihen. Das würde ich mit meinem Smartphone nicht tun.

Der Preis des Buches, das auch als E-Book erhältlich ist, scheint mir mit einem Betrag zwischen 10 und 13 Euro sehr überschaubar. Wenn man nicht weiss, wie man beispielsweise Zürich günstig bereisen kann, würde das Geld dort nicht mal für vier Tassen Kaffee reichen.

7. Offline gibt die Idee. Online prüft sie

In einer Welt, in der sich Offline und Online begegnen, ist selten nur das eine absolut unschlagbar. So sehe ich das auch beim Thema Reiseführer.

Was im Reiseführer steht, ist natürlich immer mit einem Redaktionsschluss versehen. Will heissen: Preise ändern sich, Besuchszeiten von Museen variieren je nach Saison, Restaurants, Bars können auch mal schliessen. Alles Dinge, die man online locker checken kann.

Im Falle Valencia habe ich das leider nicht ganz optimal angepackt. Bei der Lektüre des Reiseführers fiel mit die Tanz-Bar Radio Transito auf. Beim Besuch dieser Bar de Copas wurde mir perpetuell gute Stimmung zum Sound aus dem Spanien der 80er Jahre versprochen.

Ein Muss für Leute wie mich.

Radio Transito Valencia: Am Nachmittag ist nichts los. Meistens jedenfalls.

Doch als ich am nämlichen Ort erschien, war gar nichts los in dem Schuppen. Die Öffnungszeiten stimmten wohl, aber je nach Wochentag fällt der Besucherandrang komplett anders aus.

Los geht es meistens, wie so oft in Spanien, erst spätnachts. Am Wochenende ist aber manchmal auch schon am Nachmittag Hochbetrieb.

Nachts müsste mehr los sein. Aber man muss auch wissen, wann die Nacht losgeht.

Warum ich das weiss? Weil ich mir danach auf Google die Stosszeiten angeschaut habe, säuberlich festgehalten für jeden Tag und jede Stunde. Das hat mich schlauer gemacht.

Aber es hat nichts geändert an der einen Tatsache: Der Ideengeber war der gedruckte Reiseführer.