Buen Camino! – zu Fuss und im Bus

Von Silvia Schaub
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Die Strecken auf dieser Wander-Kulturreise im Norden Spaniens sind gelegentlich etwas anspruchsvoller, meist aber leichtere Wege von höchstens zwei Stunden am Stück. Bilder: Silvia Schaub

Wer den Jakobsweg nicht nur zu Fuss erwandern will, findet mit der Wander-Kulturreise von Eurobus die perfekte Formel. Die schönsten Strecken werden zu Fuss zurückgelegt, der Rest im komfortablen Deluxe-Bus.

Bill aus Nashville Tennessee hängt gerade seine frischgewaschenen Socken und Hosen an die Wäscheleine, als wir in Hontanas an seiner Pilger-Unterkunft vorbeiwandern. Mit dem Pilgergruss «Buen Camino!» ist man schnell im Gespräch, und ebenso schnell streckt er uns seine Füsse entgegen: Alles voller Blasen! Trotzdem strahlt der weisshaarige Amerikaner. Sein Kollege, ein Koreaner, lacht mit. Seine Füsse sehen nicht viel besser aus.

Solch Ungemach hat uns bisher nicht ereilt. Aber wir sind auch eben erst in den Jakobsweg eingestiegen und nicht wie Bill schon seit den Pyrenäen auf dem Camino Francés unterwegs. Vor allem aber machen wir nicht auf Hardcore. Das heisst: Die schönsten Strecken gehen wir zu Fuss, die längsten – und oft auch unattraktiven – verbringen wir in komfortablen Sitzen eines Deluxe-Cars von Eurobus. Pilgern für Warmduscher könnte man das nennen. Uns gefällt die Bezeichnung «Genuss-Pilger» besser. Denn auf dieser Reise geht es nicht nur ums Wandern, sondern auch um die Kultur.

Wanderschuhe schnüren und los gehts

Tags zuvor sind wir vom nordspanischen Pamplona aus Richtung Westen gestartet und wurden mit einem «Guete Morrrrrge» von Car-Chauffeur Urs Zingg begrüsst. Auf der Anhöhe «Alto del Perdón» begegnen uns die ersten Pilger in Form eines Denkmals aus windgebeugten Gestalten und Reittieren. Doch tatsächlich sehen wir auch echte Pilger, die bereits zur frühen Morgenstunde unterwegs sind. Bei der romanischen Kirche Santa María de Eunate mit den 33 Torbögen erfolgt unser Pilger-Einstieg. Wanderschuhe schnüren und los gehts bis nach Puente la Reina mit der romanischen Bogenbrücke – eine Pflichtstation für Pilger, da sich hier vier Pilgerwege zum Camino Francés vereinen. Verlaufen können wir uns nicht, denn alle paar Meter leuchtet uns das Jakobswegzeichen, ein gelbes Signet mit einer Muschel auf blauem Grund, entgegen.

Bis zur nächsten Wander-Etappe in Juan de Ortega erwartet uns zur Erholung eine Ladung Kultur. Dank unserer Tourguide Laura erfahren wir viel Wissenswertes über Land und Leute, Pilgerrituale und Geschichte. Erst machen wir Halt in Laguardia, einem der schönsten Dörfer Spaniens, dann bringt uns Laura in Santo Domingo de la Calzada das «Hühnerwunder» und seine Legende näher. Immer wieder passieren wir auf der Fahrt versteckte Dörfchen mit sehenswerten Kirchen und reizvollen Landschaften, die einen kurzen Zwischenhalt lohnen.

Genau diese Mischung aus Wandern und Kultur hat Anita aus Köln dazu bewogen, diese Reise zu buchen. «Den ganzen Jakobsweg würde ich nie ablaufen», meint sie, «besonders wenn uns Chauffeur Urs Zingg auf der Autobahn darauf hinweist, dass der Jakobsweg nicht nur durch idyllische Gegenden führt, sondern manchmal auch entlang von vielbefahrenen Strassen.» Der Luzerner, der seit 37 Jahren seinen Job mit viel Leidenschaft ausübt, verspricht: «Auf unserer Reise wandern wir nur auf den schönsten Streckenabschnitten.»

In der Tat führt uns das nächste Teilstück durch lauschige Waldwege und über weite Felder, vorbei an knorrigen Eichenbäumen, mystischen Steinkreisen und lieblichen Schäfchenherden, bis nach Agés. An der Spitze der Gruppe gibt Caspar aus Muttenz das Tempo vor. Der ehemalige Lehrer fühlt sich in seinem Element. Eigentlich hatte er vor, nach seiner Pension den ganzen Jakobsweg abzulaufen. «Doch als ich die Diagnose Parkinson erhielt, musste ich meinen Wunsch begraben», bedauert er. Nun freut er sich, dass er auf dieser Eurobus-Reise die Highlights des Jakobsweges erleben kann. Zum Beispiel am nächsten Tag nach einer Führung durch die Stadt Burgos mit ihrer prächtigen Kathedrale im Zuckerbäckerstil, die seit 1984 Weltkulturerbe ist.

Es steht ein Teilstück auf der Meseta an, dieser kargen und fast baumlosen Hochebene ab Burgos Richtung León. Gut, dass wir im Herbst unterwegs sind. Die Hitze muss hier im Sommer gnadenlos sein. Die Wanderstrecken sind gelegentlich etwas anspruchsvoller, meist aber leichtere Wege von höchstens zwei Stunden am Stück. Wem auch das zu viel ist, kann sich vom Bus zur nächsten Station bringen lassen. Doch die Teilnehmenden scheinen das Gruppenerlebnis beim Wandern und den Austausch untereinander zu geniessen. Dennoch kann jeder auch mal alleine Fuss vor Fuss setzen und ein bisschen in den Pilger-Groove eintauchen. Bis zum Flow reicht es aber nicht, dazu sind die gelaufenen Etappen dann doch zu kurz.

Hier legt jeder Pilger einen symbolischen Sünden- oder Sorgenstein ab

Dafür können wir am nächsten Tag etwas Pilgerluft schnuppern, als wir in Rabanal del Camino das Albergue del Pilar besuchen. Diese Pilgerunterkunft liegt kurz vor Foncebadón, dem höchsten Punkt auf dem Jakobsweg. Wir sind froh, müssen wir nicht in den 30er-Zimmern übernachten, sondern dürfen uns in 4-Sterne-Hotels ins Bett legen. Aber ein Ritual lassen wir uns trotzdem nicht nehmen, als wir zum Cruz de Ferro, dem Eisenkreuz auf 1504 Metern hochwandern. Hier legt jeder Pilger einen symbolischen Sünden- oder Sorgenstein ab.

Je näher wir Santiago de Compostela kommen, umso mehr Pilger kreuzen unsere Wege und umso häufiger sind die Strassenmasten mit Stickern von Taxi-Unternehmen beklebt. Kein Wunder, sind doch die Pilger teilweise schon Wochen unterwegs und spüren allmählich die lange Lauferei. Dass sie ihr Ziel finden, haben sie übrigens José López Valiña zu verdanken, den wir in O Cebreiro, dem Dorf mit den typischen Pallozas (runde Keltenhäuser) und der präromanischen Kirche aus dem 9. Jahrhundert treffen. Er lief in den frühen 1980er Jahren den gesamten Pilgerweg mit seinem Onkel Elías ab, der die ursprüngliche Route in Stand setzte und sämtliche Signete anbrachte. «Ohne meinen Onkel wäre der Weg nicht so, wie er heute ist», meint José stolz. Mittlerweile ist der Jakobsweg für die ganze Region ein wichtiger touristischer Faktor geworden. Zwar versuchen die meisten Pilger mit möglichst wenig Geld über die Runden zu kommen, «aber viele der Dörfer an der Route wären ohne die Pilger verlassen», erklärt uns Laura.

Und dann sehen wir sie endlich, die Kathedrale von Santiago de Compostela. Wir sind nach einer letzten Etappe durch duftende Eukalyptus-Wälder auf dem Monte do Gozo, dem «Berg der Freude», angekommen. Weit unten in der Ebene ragen ihre Türme empor und mögen wohl so manchem Pilger zu Tränen rühren. Erst recht, wenn sie dann vor der mächtigen Kathedrale stehen. Auch uns lässt der Ort nicht unberührt, auch wenn wir uns nicht als wirkliche Pilger bezeichnen. Aber vielleicht bekommt der eine oder andere doch die Lust, den Jakobsweg oder zumindest Teile davon, in längeren Laufetappen unter die Füsse zu nehmen.