Der Wandergott muss ein Koreaner sein

Von Raphaël Surber
geumjeong_busan_HEADER.jpg
Blick vom Geumjeongsan der alten Festungsmauer entlang Richtung Busan. Bilder: Raphaël & Susanne Soo Jin Surber

Millionen schrill-bunt gekleideter Koreanerinnen und Koreaner können nicht irren: Wandern auf der südkoreanischen Halbinsel ist der Hit. 8+ Gründe, warum Sie sich Ihnen anschliessen und sich auf die Wandersocken in Südkorea machen sollten.

1. Keine lange Anreise (vorausgesetzt, Sie sind schon in Südkorea)

Seoul rühmt sich dafür, die einzige Millionenstadt mit angrenzendem Nationalpark zu sein. Tatsächlich ist der Bukhansan National Park bequem mit der U-Bahn zu erreichen. Das macht den Nationalpark aber auch zu einem der meistfrequentierten der Welt. Da Wandern in Südkorea der Volkssport schlechthin ist, steht man hier am Wochenende bei gewissen engen Stellen oder steilen Aufstiegen schon mal Schlange. Wer aber unter der Woche vorbeischaut, kann sich aus einem gewaltigen Netz an Wanderwegen und Gipfeln seine persönliche Route zusammenstellen und nach Lust und Laune wandern – ganz ohne Dichtestress. Auch die meisten anderen Wandergebiete in Südkorea sind einfach und schnell erreichbar.

2. Gipfelstürmer-Erfolgsgarantie

Die Berge Südkoreas sind nicht besonders hoch, daher ist man in maximal 3 Stunden eigentlich immer auf irgendeinem Gipfel (ausgenommen: Hallasan, siehe nächster Punkt). Aber es muss ja nicht immer ein Achtstünder sein. Auch kürzere, zwei bis drei Stunden dauernde Wanderungen bieten in Korea atemberaubende Aussichten und Naturspektakel sowie Kulturerlebnisse (siehe Punkt 5), ob in den Bergen oder am Meer. Mit etwas Glück kann man im Frühling die Kirschbaumblüte in voller Pracht geniessen und im Herbst verwandeln sich die Wälder in ein rot-orange-gelbes Blättermeer, das dem Indian Summer in Kanada in nichts nachsteht.

3. Chacun à sa façon – wie der Franzose sagt

Mit der Gondel rauf und dann gemütlich durch den Wald hinab ins Tal wandern oder doch lieber den höchsten Berg des Landes, den Vulkan Halla (Hallasan), erklimmen? Geht in Südkorea beides gleichermassen – für den Vulkan müssen Sie allerdings auf die Insel Jeju reisen, rund 100 Kilometer südlich der Küste Südkoreas. Dort befindet sich auch der wunderbare Olle Trail, der in 26 spannenden, abwechslungsreichen Abschnitten und 422 Kilometern rund um die ganze Insel führt. Ein gutes Alternativprogramm, für alle, die lieber einfach (mehr oder weniger) geradeaus wandern. Sie müssen ja nicht gleich alle Abschnitte aufs Mal machen.

4. Instant Climbing

Sie mögen es ein bisschen anstrengender? Kein Problem: aus vielen Wanderungen in Südkoreas Nationalparks werden unversehens kräfteraubende Klettertouren. Ohne Vorwarnung, versteht sich. Gutes Schuhwerk sollten sie also auf jeden Fall dabeihaben (oder vor Ort kaufen; siehe Punkt 7). Und wer schwindelfrei ist, hats leichter.

5. Kulturwandern – leicht gemacht

Wandern und Kultur lassen sich in Südkorea exzellent verbinden. Entdecken Sie das traditionelle Südkorea in hübschen Aussenquartieren oder Dörfern, wo so manche Wanderroute ihren Startpunkt hat. Einige der fantastischsten Routen beginnen oder enden ausserdem in prächtigen buddhistischen Klöstern, die sowieso auf Ihre To-Do-Liste gehören. Danach wandert man nicht selten entlang eindrücklicher, uralter aber gut erhaltener Festungsmauern. Oder man stösst mitten im hochgelegenen Nirgendwo auf eine kleine Mönchsbehausung. Das Gute daran: man kann den Mönch dann gleich nach dem Weg fragen, falls die Beschilderung mal nicht so klar sein sollte.

6. Verlaufen verboten

A propos Wegweiser: Die Infrastruktur im Wanderparadies Südkorea ist in einem Top-Zustand. Die Wege sind nicht nur bestens ausgeschildert, sondern auch schön gepflegt. Auch die Anreise ist dank guten Bus- und Metroverbindungen ein Klacks (siehe auch Punkt 1). Nur eines fehlt in der Regel: Verpflegungsmöglichkeiten unterwegs. Nehmen Sie also um Himmels Willen genügend Proviant und Flüssigkeit mit. Und tun Sie es den Koreanerinnen und Koreaner gleich, die sich – Schlag Mittag – irgendwo abseits des Weges ins Gebüsch schlagen, um dort ausgiebig zu picknicken.

7. Vorbereitung? Überbewertet.

Hat’s in Ihrem Reisegepäck keinen Platz mehr für den ganzen Krempel, den man zum Wandern halt so braucht? Kein Problem. An den grossen Nationalpark-Eingängen sind sämtliche Hiking-Ausrüster dieses Planeten mit eigenen Läden vertreten. Sie können hier also alles kaufen, was Ihnen fehlt. Und wenn es der Hiking-Shop nicht hat, dann einer der unzähligen Stände an den Strassen. Dort gibt’s jedes erdenkliche Gimmick – von der kleinen, faltbaren Plastiksitzmatte fürs Picknick über Teleskop-Wanderstöcke bin hin zum Handventilator mit USB-Ladekabel.

8. Begegnungen der dritten Art

Stellen Sie sich vor, Sie haben nach mühsamen Stunden des Aufstiegs endlich den ersehnten Gipfel erreicht und weit und breit ist niemand zu sehen. Wirklich niemand? Tatsächlich «leben» insbesondere im Bukhansan National Park verwilderte Hauskatzen auf den unzähligen Gipfeln. Sie sind zwar meist scheu, erlauben aber unter Einhaltung gebührender Distanz Augenkontakt. Wenn sie nicht gerade durch Wanderer gestört werden, machen sie hier Jagd auf die zahlreichen Vögel, die den Ausblick hinunter ins Tal und die am Horizont schlummernde Grossstadt ebenso geniessen wie Sie. Und sagen Sie jetzt nicht, Sie mögen keine Katzen.

Bonus:

Falls Sie es heil zurückschaffen, gibt es nichts Besseres, als einzukehren und bei einem Koreanischen BBQ mit viel Bier und Soju wieder einigermassen zu Kräften zu kommen. Sie können auch in den verschwitzten Wanderkleidern kommen – das stört hier niemanden. Im Gegenteil, alle wissen, dass Sie es sich (vermutlich) verdient haben.

Wandern macht hungrig: ein ausgiebiges Korean BBQ (am besten Black Pig) lässt einen die Strapazen des harten Tages vergessen. Genügend Soju und Bier tun das ihrige dazu.