Nach Kolumbien? Sofort wieder!

Von Nina Wild
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Dieser fantastische Ausblick eröffnet sich Kolumbien-Besuchern, wenn man die 750 Treppenstufen auf den Fels von Guatapé aufgestiegen ist. Alle Bilder: Nina Wild

Es gibt viele gute Gründe, das südamerikanische Land zu bereisen – Pablo Escobar gehört nicht dazu.

«Ich hasse Narcos», beginnt Hector, Guide von Free Walking Tours Bogotà die «Peace and War»-Stadtführung durch die Hauptstadt seiner Heimat Kolumbien. Die bekannte Netflix-Serie Narcos, in der es um die Machenschaften des berüchtigten Drogenbosses Pablo Escobar geht, hat regelrecht für einen Hype gesorgt. Das Problem ist, dass sie nicht nur viele Unwahrheiten über die kolumbianische Geschichte verbreitet, sondern auch die Taten von Escobar verharmlost.

Nun laufen Touristen durch die Strassen und tragen T-Shirts mit dem Gesicht von Pablo darauf. Kann das deren Ernst sein? Dieser Mensch ist in Kolumbien für sehr viel geflossenes Blut verantwortlich und hat diesen Hype einfach in keinster Weise verdient. Die Bevölkerung versucht die Jahre, in denen sie terrorisiert wurde, hinter sich zu lassen und möchte für das wahrgenommen werden, was ihre Heimat wirklich ist: ein einzigartiges und wunderschönes Reiseland, das für seine Vielseitigkeit gefeiert werden sollte.

Daily Life mitten in Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens.

Als ich im März in Kolumbien ankam, wurde ich freundlich willkommen geheissen – stolz sind die Einheimischen auf ihr Land und freuen sich über jeden, der es bereist. Dabei versuchen sie stets, einem den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten und mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Die Leute helfen auch, wenn etwas schief geht – das durfte ich am eigenen Leib erfahren. Mit einem Argentinier plante ich von der wunderschönen Kolonialstadt Cartagena einen Ausflug für eine Nacht auf die Halbinsel Barú, die südlich der Stadt an der Karibikküste liegt. Das Ticket für die Busfahrt lösten wir für die Hin- wie auch für die Rückfahrt bei einem, sagen wir mal, Koordinator für Transporte. So müssen wir uns am nächsten Tag nicht mehr um die Rückfahrt kümmern, dachten wir.

Nach einer Nacht in der Hängematte für zwei Franken, nur zwei Meter vom paradiesischen Sandstrand entfernt, traten wir die Rückreise an. Wir begaben uns an den Ort, den wir vereinbart hatten. Das Problem: vom erwarteten Kleinbus war nichts zu sehen. Und als wir bei anderen Reiseleitern nachfragten, kannte keiner das Unternehmen, über das wir das Ticket kauften. Alle anderen Busse waren bereits besetzt.

Wir riefen die Nummer auf dem Billett an, sie gaben uns nur schwammige Antworten und dass sie nicht garantieren können, ob wir an diesem Tag noch zurück nach Cartagena kommen. Und wir seien ja selber schuld, wenn wir am «falschen» Ort stehen. Wir waren verzweifelt, denn wir beide hatten bereits Weiterflüge gebucht. Das sah man uns wohl an. Einer der anderen Reisebusse nahm uns – obwohl er schon brechend voll war – mit und brachte uns kostenlos zurück in die Stadt.

Die Kolonialstadt Cartagena ist längst kein Geheimtipp mehr und bekannt für ihre farbigen Häuser.

An wunderbaren Landschaften mangelt es Kolumbien nicht. Da liegt etwa einer der schönsten Strände, den ich jemals gesehen habe. Cabo San Juan del Guia heisst der Ort, der an der Karibikküste liegt – entweder mit dem Boot über riesige Wellen und tobendes Wasser oder nach einer etwa eineinhalbstündigen Wanderung durch den Nationalpark Parque Tayrona zu erreichen.

Ich nächtigte erneut in einer Hängematte – nebst dem Campingplatz die einzige Möglichkeit – und verbrachte die drei Tage ohne Internet – das kennt man dort hoffentlich noch lange nicht – und liess die Natur auf mich wirken.

Ein wahres Naturparadies erwartet einem in Cabo San Juan del Guia.

Weiter beeindruckten mich die 60 Meter hohen Palmen in Salento im Süden des Landes in der Kaffeeanbauregion. Sie wirken surreal, so als knickten sie in Kürze um, weil die Stämme so dünn sind. Umgeben von saftig grüner Landschaft, in allen möglichen Grüntönen, schiessen die Palmen in den Himmel. Die Salento-Palme ist der Nationalbaum von Kolumbien.

Im Gespräch mit den Kolumbianern

Unweit von Salento befindet sich Jardin, ein kleines, farbiges Kolonialstädtchen, wo sich die Cowboys abends mit ihren Pferden am Hauptplatz brüsten und man mit den Kolumbianern bei einer Tasse Kaffee ganz leicht ins Gespräch kommt.

Doch es geht noch besser: In der Nähe der Stadt Medellín befindet sich der Fels von Guatapé, von won man nach 750 Treppenstufen – klingt schlimmer, als es tatsächlich ist – einen fantastischen Ausblick über die zerklüftete Landschaft geniesst. Zugegeben, der Stausee ist zwar künstlich erschaffen worden, mutierte aber dennoch zu einem Highlight meiner Reise.

Wer sagt, Palmen können nicht 60 Meter hoch sein?

Farbenfroh, modern, grün, fortschrittlich, pulsierend, künstlerisch – willkommen in Medellín. Diese Stadt ist unglaublich faszinierend. Einst das gefährlichste Viertel der Stadt, entwickelte sich La Comunidad 13 zu einem der friedlichsten Orte. Bunte Graffitis zieren die Mauern, freistehende elektrische Rolltreppen sind dort das Fortbewegungsmittel. Hip-Hop Musik klingt aus den Boxen, die jungen Leute tanzen Breakdance.

Für Ruhesuchende gibt es Gondelbahnen, die zu Naturpärken direkt neben der Stadt schweben. Für Nachtschwärmer unzählige Tanzlokale im Viertel El Poblado. Für Shoppingqueens genügend Einkaufszentren in der ganzen Stadt. Und für Foodies – wie in ganz Kolumbien – herzhaftes, traditionelles Essen wie Empanadas oder Arrepa von Strassenständen. Kolumbien, du hast mir so gut getan.

Im Stadtteil La Comunidad 13 in Medellín - der früher zu den gefährlichsten im ganzen Land zählte -sind die Mauern mit farbenfrohen Graffitis geschmückt und es herrscht friedliche Stimmung.

In fünf Wochen durfte ich viel vom Land kennenlernen und immer wieder wurde mir durch Gespräche bewusst, wie die Gesellschaft noch heute unter der Vergangenheit leidet und die ganzen Drogenmachenschaften und Gewalttaten vergessen will. Ich meine, es ist nichts falsch daran, sich mit der Geschichte Kolumbiens auseinander zu setzen, bevor man das Land bereist – sie gehört dazu und das wissen auch die Kolumbianer. Aber dann bitte richtig und nicht nur wegen einer gehypten Netflix-Serie.

Happy me – in Kolumbien zu reisen, ist wunderbar!