Unten am Strand im erweiterten Wohnzimmer

Von Annina Steffen
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Sie habens im Blut, die Cariocas, das Jonglieren mit dem Fussball – wie hier am Strand von Ipanema. Bilder und Videos: Edelweiss / Loren Bedeli

Buntes Treiben, herzliche Menschen und traumhaft vielseitige Kulissen: das ist Brasilien. Ein Besuch in Rio de Janeiro, Petrópolis und Búzios.

Rio, die Wunderbare – so wird die Millionenstadt an Brasiliens Ostküste lieblich von ihren Bewohnern, den Cariocas, genannt. Wunderbar ist sie allemal! Wunderbar bunt und wunderbar vielfältig, wunderbar herzlich und kontrovers. Eine Stadt, in der man locker zwei Wochen verbringen kann und sie immer wieder neu entdeckt und ein neues Gesicht zu sehen bekommt – von Langeweile keine Spur.

Rio ist vieles, aber sicherlich nicht grau – nicht einmal bei Wolken und Regen verliert die Metropole ihren bunten Glanz. Die Stadt ist voller Strassenmalereien. Ein besonderes Highlight ist der Olympic Boulevard wo man eines der grössten Graffiti der Welt bestaunen kann. Das übergrosse Wandgemälde mit dem Titel «Ethnicities» wurde für die Olympiade in Rio vom Brasilianischen Künstler Kobra gemalt; seine  farbenfrohe Graffiti zieren Mauern rund um den Globus.

Der Karneval wird nicht umsonst in einem Atemzug mit Rio de Janeiro genannt. Die Stadt lebt für die fünf glücklichsten Tage des Jahres. Obwohl man das mit den fünf Tagen nicht so genau nimmt, denn gefeiert wird über Wochen. Der Karneval ist aber viel mehr als nur Party, Samba und bunte Federn. Für viele Cariocas ist er das Lebenselixier und das Einzige, wofür sie morgens aufstehen. Ist der Karneval vorbei, wird bereits der nächste geplant.

Was viele nicht wissen: Der wahre Karneval ist ein hart umkämpfter Wettbewerb, wo es ähnlich wie beim Fussball ums Gewinnen der liebsten Sambaschule geht – vor allem aber geht es um Stolz, Ruhm und Ehre. Denn es sind hauptsächlich die Bewohner der ärmeren Favelas, die in den Karneval-Aktivitäten eine Beschäftigung finden, die sie auch finanziell unterstützt. Wer Rio nicht während des Karnevals besucht, sollte unbedingt eine Sambaschule wie zum Beispiel «Mangueira» besuchen und in die Welt des Karnevals eintauchen.

Rios Nachtleben ist bunt und laut und findet oftmals auf der Strasse statt.

Was man tagsüber in der Sambaschule gelernt hat, setzt man am besten gleich abends auf den Prüfstand. Rios Nachtleben ist bunt und laut und findet oftmals auf der Strasse statt. Die Cariocas treffen sich an der Copacabana und Ipanema, musizieren, singen, trinken und lachen. Die Atmosphäre ist fröhlich und unkompliziert – hier wird gelebt! Einheimische vermischen sich mit Touristen, schöne Männer bringen neugierigen Touristinnen das Tanzen bei und erklären mit Händen und Füssen wie man Caipirinha mixt – den Wahren, versteht sich.

Diesen findet man übrigens an jeder Strassenecke, gerne auch mal im ein-Liter-Plastikbecher – und auch so schmeckt er himmlisch gut! Wenn sich das Fest an der Strandpromenade dem Ende zuneigt, zieht man weiter nach Lapa. Hier reiht sich eine Bar an die andere. Ein beliebter Spot für Einheimische und auch Touristen ist das Rio Scenarium. Auf drei Etagen wird getanzt und gelacht – hier feiern jung und alt gemeinsam das Leben!

Hoch über den Wolken

Rio de Janeiro bietet sich regelrecht an, von oben gesehen zu werden. Umgeben von hunderten von lieblich geformten Hügel liegt die Cidade Maravilhosa – die wunderbare Stadt – eingebettet, ja schon fast umarmt von prachtvollen Erhöhungen. Zuckerhut und Corcovado sind nur die bekannten Namen unter ihnen. Es ist zwar kein Geheimtipp, aber man kann Rio nicht besuchen, ohne den Cristo Redentor (Christus, der Erlöser) aus nächster Nähe gesehen zu haben.

Auch wenn man Cristo Redentor schon unzählige Male auf Fotos gesehen hat – die Faszination der Besucher ist gross.

Alleine die Fahrt mit der gemütlich tuckernden Zahnradbahn durch die Tijuca-Wälder bis hoch auf den Corcovado ist ein Erlebnis. Auch wenn man die berühmteste Christusstatue der Welt schon unzählige Male auf Fotos und Videos gesehen hat; steht man vor ihr, ist sie Faszination pur. Die mächtige Statue lässt einem den Atem stocken. Die Aussicht auf die beiden Schwester-Strände Ipanema und Copacabana ist fantastisch. Genau gegenüber liegt der Pão de Açúcar. Die beiden Sehenswürdigkeiten lassen sich problemlos an ein und demselben Tag besichtigen. Den Zuckerhut erreicht man ganz einfach mit der Gondel. Legt man den Besuch auf den späten Nachmittag, wirft die Nachmittagssonne ein warmes, goldenes Licht auf die Stadt. Lässt man sich zu einem erfrischenden Caipirinha verführen, wird man mit einem der spektakulärsten Sonnenuntergänge belohnt.

Der Strand als Erweiterung des Wohnzimmers

Wer das Strandleben nicht erlebt hat, war nie in Rio. Denn hier passiert das wahre Leben, hier ist man am Puls der Carioca. Am authentischsten erlebt man das Tun am Wochenende, wer es beschaulicher mag, wählt einen Wochentag. Die Show namens Leben, die einem hier geboten wird, ist faszinierend – quasi ein Museum des bunten Treibens. Sehen und Gesehen werden ist hier das Motto und dies zieht sich durch alle sozialen Schichten. Und zu sehen gibt es an Rios Strände so einiges. Spaziert man dem Ipanema-Strand entlang, wechselt das Szenario alle paar Meter.

Denn Rios Stände werden durch sogenannte «Postos», zu Deutsch Bademeister-Türme, in verschiedene Abschnitte unterteilt. Jeder Posto hat seine eigene Atmosphäre und jeder Carioca weiss haargenau, an welchem Posto sich die Models sonnen, wo die Sportlichen ihre Muskeln zur Schau stellen, wo die Kiddies herumrennen und wo man Ruhe (wenn man von Ruhe sprechen kann) findet. Rios Lebensstil versteht man, wenn man sich an einem der zahlreichen Barracas, einer einfachen Standbeiz, niederlässt, sich einen Klappstuhl mietet und das Geschehen auf sich wirken lässt. Es ist wahrhaftig fantastisch. Was um einen herum passiert, ist schwer in Worte zu fassen, eigentlich nichts Spektakuläres, nichts Grosses – einfach das Leben, das in seiner simplen aber perfekten Gesamtheit an diesem Fleck Erde passiert. Man trifft sich zum Plaudern, Baden, Spielen, Aerobic, Essen, Trinken, Arbeiten oder einfach Beobachten und Geniessen.

Während man im kleinen Klappstuhl die Menschen beobachtet, sorgen die fleissigen Jungs der Barracas den ganzen Tag lang für ihrer Gäste Wohl. Alle paar Minuten wird einem charmant, aber ohne aufdringlich zu wirken, ein riesiges Angebot an Speisen und Getränken angeboten. Hungern muss an der Ipanema und Copacabana keiner. Auch das Angebot der fliegenden Strandverkäufer reicht von gegrilltem Käse über Sandwiches, gebratene Scampi bis hin zu den typischen Tapioca – ein aus Maniok-Wurzel gefalteter Crêpe mit Füllung. Sei es ein Caipirinha oder ein Acai – hier lässt man es sich gut gehen. Omnipräsent ist – der Ruf ist Tatsache – der Fussball.

Hunderte Bälle fliegen durch die Luft, sodass man den Ball dem jeweiligen Spieler gar nicht mehr zuordnen kann. In kleinen Kreisen versammelt, schicken Jung und Alt, Mädchen und Jungs während Stunden den Fussball durch die Runde. Ein Talentscout würde vor Glück jubilieren: manches Mädchen jongliert die Bälle besser als unsere Nati-Kicker.

Das Schönste hier ist aber etwas anderes: der Strand ist der demokratischste Ort Rio de Janeiros. Es wird vergessen, woher man kommt, wie viel Geld man hat und ob man in der ersten Reihe Ipanemas oder am Hügel einer Favela lebt: der Strand gehört allen! Der Strand ist die Erweiterung des Wohnzimmer der Cariocas!

Erfrischendes Petrópolis – Raus aus der Stadt

Hat man genug von der Hitze in der Grossstadt, erreicht man innert einer Stunde in den Bergen über Rio de Janeiro die erfrischende Kleinstadt Petrópolis. Die «Imperial City» gilt unter den Cariocas als populärer Sommerurlaubsort. Die saftig grüne Landschaft und die frische, schon fast kühle Luft erinnert an eine Ruheoase im Südtirol. Kein Wunder, die Stadt mitten in üppiger Natur wurde einst von Tiroler Einwanderern gegründet. Auch die Bauten erinnern an eine europäische Kleinstadt.

Nur 75 Kilometer ausserhalb von Rio: die Kleinstadt Petrópolis.

Es wirkt absurd, dass diese ganz andere Welt nicht einmal 75 Kilometer von der heissblütigen Sonnenstadt Rio de Janeiro entfernt ist. Früher war die Kleinstadt noch Farmland, später errichtete Kaiser Dom Pedro Paläste und allerlei Prachtbauten, die dem gemütlichen Ort einen kaiserlichen Charme verleihen. Seine Sommerresidenz ist heute eine der Hauptattraktionen der Stadt.

Neben kulturellen Highlights und vielen interessanten Museen, lohnt sich auch ein Besuch in der ältesten Bierbrauerei Brasiliens. Die Cervejaria Bohemia nimmt einen auf einer interaktiven Tour durch die alte Brauerei mit auf eine spannende Zeitreise in die Geschichte des Biers. In Petrópolis lässt sich auch die Natur herrlich erkunden. Wanderausflügen, Mountain Bike-Touren bis hin zu Kajak- und Rafting-Trips werden hier angeboten – ein abgeschiedenes, kühles Paradies inmitten waldiger Hügel.

Búzios – Entspannen fernab der Grossstadt

Bei einer Rundreise um Rio de Janeiro sollte man sich das kleine Paradies Búzios nicht entgehen lassen. Die von Rio rund drei Stunden entfernte Peninsula ist das Zuhause von einer Vielzahl von Stränden, welche als die Schönsten Brasiliens gehandelt werden. Ein mehrtägiger Trip in das östliche Strandparadies lässt einen in gemächlicher Atmosphäre die Ruhe und Schönheit der Natur geniessen. In Búzios ist Geniessen und Zurücklehnen angesagt.

Und das lässt sich hier keiner zweimal sagen. Bis in die 60-er Jahre war der kleine Ort ein Fischerdorf. Heute geniessen vor allem südamerikanische Touristen, aber auch heimische Wochenend-Pilger, die Sonne – den Fischerdorf-Charme hat Búzios nie verloren. Auch der mediterrane Touch der portugiesischen Vorfahren ist noch deutlich zu sehen. Die schmalen Pflastersteinstrassen und die malerischen Uferpromenaden in Búzios erinnern an einen verträumten Ferienort in Südfrankreich. Die Peninsula ist voller kleiner hübschen Pousadas, die charmantere Version von Ferienhotels und Ressorts. Wer gerne gut isst, schmucke Boutique-Hotels schätzt und auf feine Infusion-Küche steht, wird Búzios lieben. Am besten erkundet man die Halbinsel während einer Trolley-Tour quer über die Peninsula.

In Búzios ist Geniessen und Zurücklehnen angesagt.

Im kleinen offenen Bus kann man sich bei toller Aussicht und Wind im Haar einen guten Überblick über die kleine, aber doch verwinkelte Halbinsel verschaffen. Ein Höhepunkt ist die atemberaubende Aussicht vom Aussichtspunkt Mirante de João Fernandes. Ein weiteres Highlight und sehr aussergewöhnlich ist die im südlichen Teil gelegene und von Felsen umgebene Praia do Forno. Der Namen des “Backofen-Strandes” kommt nicht von ungefähr: Der Sand an der kleinen Bucht ist so dunkelrot, dass er sich durch die Sonne wie ein Ofen aufheizt. Praia do Forno ist einer der einsamsten Strände in Búzios und umgeben von Felsen, Höhlen und natürlichen Warmwasserbecken, die sich erkunden lassen. Ein herrlicher Tagesausflug bietet ein Bootstrip durch die unzähligen Buchten rund um Búzios.

Auf dem Boot werden einem – wie könnte es anders sein – Caipirinha serviert, man kann schnorcheln, sich sonnen oder einfach die paradiesischen Strände vom Wasser aus bestaunen. Hält das Boot an, docken immer wieder kleine Holzboote an, die den geniessenden Touristen frisch geröstete Cashews, Cocktails in einer ausgehöhlten Ananas oder Shrimp-Spiesse anbieten. Vollgetankt mit Sonne und guten Vibes macht ein Spaziergang an der pittoresken Orla-Bardot-Promenade den Nachmittag perfekt. Freundlich grüssen einen die schon fast echt wirkenden Bronzeskulpturen von drei glücklichen Fischern aus der Vergangenheit. Sich in einem der hübschen Kaffees hinsetzen, der Meeresbrise lauschen und das Ankommen der Fischerboote beobachten, was will man mehr? Vielleicht einen Sonnenuntergang. Und zwar einer der schönsten, den Brasilien zu bieten hat. Am Hafen von Porto do Barra, abseits des Trubels verwandelt sich der lebendige Hafen mit Kaffees, Bars und kleinen Geschäften in der Abenddämmerung zu einem Treffpunkt von Sonnenuntergangs-Anbetern. Das Pier wird zum Spektakel eines atemberaubenden Sonnenuntergangs, der einen perfekten Tag im verträumten Fischerort auf magische Weise abrundet.