Die kleine Insel mitten in den Alpen

Von Silvia Schaub
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Im Sommer locken 180 Kilometer Wanderwege, spektakuläre Klettersteige und Canyoning-Touren ins Kleinwalsertal. Im Winter bietet das mit Oberstdorf verbundene Skigebiet insgesamt 49 Liftanlagen und 130 Pistenkilometer an. Bild: kiragrafie

Das Kleinwalsertal sei die schönste Sackgasse Österreichs – und noch dazu die erfolgreichste Destination im Alpenraum. Wie schafft es diese kleine Region, so gut ausgelastet zu sein? Wir wollten es genauer wissen und schauten vorbei.

Es braut sich etwas zusammen über dem Widderstein. Dunkle Wolken umtanzen den Gipfel, dazu dumpfes Donnergrollen. Dann ein erster Blitz, der uns definitiv zur Eile mahnt, als wir vom Hochtannbergpass im Vorarlberg den steilen Weg Richtung Kleinwalsertal hochkraxeln.

Auf diesem Weg sind vor über 700 Jahren einst auch die Walser gewandelt, als sie neues Land suchten. Doch plötzlich reisst die Wolkendecke auf und das nahende Gewitter verzieht sich wieder. Also gehen wir schnellen Schrittes zur Oberen Gemstelhütte. Mathias Fritz empfängt uns vor seiner Hütte in urchigen Lederhosen und einem herzhaften Lachen. In der warmen Stube der Hütte stärken wir uns für den Abstieg ins Tal.

Mathias Fritz, der Wirt in der Oberen Gemstelhütte, hält Ausschau. Bild: SC

Die «Brotzeit» für drei Personen mit Wurst- und Fleischwaren, Käse und Schmalz reicht locker für doppelt so viele Leute. Dazu ein «Russ» – Weissbier mit Limo – und schon gehts bergab nach Mittelberg, vorbei an den typischen Walserställen. Das Dörfchen ist eines der drei Gemeinden im Tal, in dem 5000 Menschen leben und doppelt so viele Gästebetten für Touristen angeboten werden. Heute gilt die Tourismusdestination laut einer Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts BAK Economics als die erfolgreichste im ganzen Alpenraum – nicht zuletzt dank den Walsern.

Sie sind schon ein besonderes Völkchen, diese Walser – erfinderisch, verschmitzt, manchmal auch dickköpfig, aber vor allem stolz auf ihre Herkunft. Die Verwandtschaft mit der Schweiz ist denn auch heute noch hörbar, wenn die Walser untereinander sprechen. Das hört sich fast an wie Walliser Dialekt. «Wir haben wohl eine Lautverschiebung nicht ganz mitbekommen», meint Stefan Heim schmunzelnd, der uns am nächsten Tag auf eine Tour auf den Spuren der Walser mitnimmt. Neues heisst Nüüs, können wird zu chönna und Eis zu Iisch.

«Önsche Walser Chuche»

Speziell ist auch die Lage dieses Tals. Denn aufgrund fehlender Strassenverbindungen zum übrigen Staatsgebiet ist das zum Vorarlberg gehörende Tal noch heute nur über deutsches Gebiet via Oberstdorf erreichbar – ausser eben man geht den Weg wie einst die Walser über den Widderstein. Als das Kleinwalsertal ab dem Jahr 1453 Österreich zugesprochen wurde, kam es zu seinem Sonderstatus und gilt noch heute als die «schönste Sackgasse Österreichs». Erst der vor 127 Jahren abgeschlossene Zollanschlussvertrag machte ihnen das Leben wieder einfacher und führte zu einem wirtschaftlichen Aufschwung.

Blick auf Hirschegg im Kleinwalsertal. Bild: Dominik Berchtold

Das Walsertal hat seinen Gästen nicht nur viel Geschichte und eine bezaubernde Bergwelt mit dem Walmendingerhorn, Kanzelwand, Ifen und Gottesacker aus Schrattenkalk zu bieten, die sowohl im Sommer wie auch im Winter besuchenswert sind. Auch kulinarisch besinnen sich die Walser auf ihre Wurzeln. Das Tal trägt mit seinen Wild- und Rindspezialitäten auch das Label GenussRegion Österreich.

Eine Handvoll Küchenchefs hat sich zudem zur «Önsche Walser Chuche» zusammengetan. Sie wollen ihr kulinarisches Erbe mit «regionalen Produkten zeitgemäss, innovativ und authentisch» umsetzen. Einer davon ist Jeremias Riezler von der Walser Stuba in Riezlern. «Ich bin ein reinrassiger Walser», meint der Koch mit der kecken Mütze auf dem Kopf, «deshalb kommt bei mir nur das auf die Karte, alles was man bei guter Sicht vom Grossen Widderstein aus sieht». Radikal regional nennt er sein Konzept.

«Regionalität und Authentizität» sind Worte, die Elmar Müller, Pressesprecher von Kleinwalsertal Tourismus, oft in den Mund nimmt, um den Erfolg der Region zu begründen. «Wir lieben, was wir machen und stehen dazu.» Und das spürt man, wo immer man auch hinkommt. Vor allem aber ziehen alle am gleichen Strick. Die Tourismusorganisation ist die einzige in Österreich, die genossenschaftlich organisiert ist. Rund 600 Leistungsträger im Tal – von der Skischule über Restaurants bis zum Zimmervermieter – können sich aktiv und gleichberechtigt einbringen. «Als Genossenschaft arbeiten wir nicht gewinnorientiert, sondern setzen unseren Gewinn immer zum Wohle der Mitglieder ein», erläutert Müller. «Damit ist jeder auch ein Botschafter für unser Tal.»

So konnte sich das Kleinwalsertal insbesondere für Familien, aber auch Freundschaftverbünde als Ganzjahres-Destination positionieren, mit leicht stärkerem Sommer. Im Sommer locken 180 Kilometer Wanderwege in allen Höhenlagen, spektakuläre Klettersteige oder aufregende Canyoning-Touren. Im Winter bietet das mit Oberstdorf verbundene Skigebiet mit fünf unterschiedlichen Bergen insgesamt 49 Liftanlagen und 130 Pistenkilometer an. Schon seit mehr als 15 Jahren besteht die Walser/Allgäu Card, mit der jeder Nächtigungsgast gratis Bus fährt und einige Infrastruktur vergünstig nutzen kann. Im Sommer sind zusätzlich die Bergbahnen von rund der Hälfte der Gastgeber inbegriffen.

Im letzten Tourismusjahr verzeichnete das Kleinwalsertal mit rund 1,7 Millionen Übernachtungen ein Plus von 4,8 Prozent. Zwar ist die Aufenthaltsdauer im Saisonjahr 2017 leicht gefallen, sie beträgt aber immer noch erstaunliche 4,98 Tage.

So schön sehen die alten Walserhäuser aus. Bild: SC

Statt die Nächtigungszahlen weiter in die Höhe zu treiben, setzen die Kleinwalsertal-Touristiker vermehrt auf regionale Wertschöpfung und Nachhaltigkeit. Dazu wird in Kürze das Projekt «Natur bewusst erleben!» gestartet. «Der Freizeitdruck auf die Natur wird immer grösser. Wir wollen Einheimische und Gäste so informieren, dass gefährdete Bereiche nicht noch grösserem Druck ausgesetzt werden», erklärt Elmar Müller.

Eine weitere grosse Herausforderung ist aktuell – wie in anderen Destinationen auch – die Mitarbeitergewinnung. Mit dem Bau von Personalwohnungen, Mitarbeiterangeboten wie Kinderbetreuung oder Nutzung der Infrastruktur wollen die Kleinwalsertaler gute und motivierte Mitarbeiter ins Tal holen. Denn, so ist klar für Elmar Müller: «Nur so sind wir für die Zukunft gerüstet.»