Karriere

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Voraussichtlich werden 2022 nur rund 60 Personen einen Lehrvertrag in der Reisebranche erhalten. Damit liegt man weiterhin deutlich unter den Vor-Corona-Werten. Bild: AdobeStock

Die Reisebranche sollte mehr Lehrplätze schaffen

Von Jean-Claude Raemy

Auch in diesem Sommer starten wenige Lehrlinge eine Ausbildung in der Reisebranche. Immerhin ist wieder ein Aufwärtstrend zu verzeichnen. Doch es sollten auch wieder vermehrt Angebote geschaffen werden, findet die Ausbildungsverantwortliche des SRV.

Ramona Stutz

Jetzt, da Corona immer mehr in den Hintergrund tritt und die Reise-Nachfrage deutlich an Schwung gewinnt, rückt das Problem des Fachkräftemangels stärker in den Fokus der Reisebranche. Zentral hierbei ist auch die Frage des Branchen-Nachwuchses: Es braucht Lehrlinge!

Nun war Corona bei der Lehrlingssituation in der Reisebranche deutlich spürbar. Im Sommer 2021 starteten nur gerade 38 Lernende ihre Lehre in der Branche Reisebüro; in der Westschweiz gab es gar keinen Lehrgang. Immerhin gab es Hoffnung, dass sich die Situation im darauffolgenden Jahr etwas entspannen würde, indem mehr Betriebe Lehrstellen anbieten würden und auch das Interesse an der Reisebranche wieder steigen würde. Wie präsentiert sich nun also die Situation?

Ramona Stutz, Aus- und Weiterbildungsverantwortliche beim Schweizer Reise-Verband (SRV), erklärt gegenüber Travelnews, dass aktuell 56 Lehrverträge bei den Kantonen registriert sind. «Diese Zahl kann noch wachsen, weil man sich noch bis Ende Mai zu den Branchenkursen anmelden kann», präzisiert Stutz, «wir erwarten, dass bis Ende Monat noch 5 bis 10 Lehrverträge hinzukommen.» Mit etwas mehr als 60 neuen Lehrlingen geht es somit gegenüber dem Vorjahr wieder deutlich aufwärts, doch ist man noch weit entfernt von den präpandemischen Zahlen - noch 2020 begannen über 100 Personen eine Reisebürolehre.

Das Problem in der Romandie hält auch immer noch an. Gemäss Stutz sind 14 Lehrlinge das Minimum für eine eigene Lehrgangs-Klasse. Diese Zahl ist in der Westschweiz noch nicht erreicht, zumal die Romands meist etwas später mit der Ausschreibung der Lehrstellen beginnen; es werde jedoch intensiv daran gearbeitet. Zudem werde auf jeden Fall eine Ausbildung durchgeführt, entweder als «Rumpfklasse» oder in einem gemischten ÜK-Kurs, das müsse zum gegebenen Zeitpunkt definiert werden.

Jugendliche interessiert, Eltern weniger begeistert

Ramona Stutz bilanziert, dass die Lehrlingssituation 2022 also «nicht brillant, aber immerhin wieder besser» ist und setzt nun darauf, dass sich die Situation weiter entspannt und bereits ab 2023 - auch in Zusammenhang mit der Umsetzung des Reformprojekts «Kaufleute 2023» -  wieder normalisiert. Einfach wird das nicht: «Wir hören auch aus anderen, primär kleineren Branchen, dass es momentan vielerorts an guten Bewerbungen für Lehrstellen wie auch allgemein fehlt», erklärt Stutz.

Das Problem ist in der Tat nicht neu: Da die geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge nun alle auf die Pensionierung zugehen, verlassen Jahr für Jahr mehr Personen den Arbeitsmarkt, als solche nachrücken, was den Fachkräftemangel akzentuiert. In der Reisebranche wird man manchmal auch das Gefühl nicht los, dass etwas ältere Jahrgänge übervertreten sind und teils über das Rentenalter hinaus im Job bleiben (was insbesondere bei Firmeneigentümern, welche die Nachfolge nicht früh genug regeln, der Fall ist). In Bezug auf die Lehrstellen ist derweil auch ein erhöhter Konkurrenzkampf feststellbar: Weil die Bewerbungen nicht mehr einfach so einfliegen, setzen diverse Branchen auf intensives «Employer Branding».

In der Reisebranche tun dies die Grossveranstalter auch, welche ohnehin den Löwenanteil der Lehrstellen bieten. Der SRV ist zudem jeweils an den gängigen Berufsmessen präsent. «Wir haben an den jüngsten Berufsmessen durchaus Interesse vieler Jugendlicher an der Reisebranche festgestellt, weshalb man nicht zwingend davon ausgehen kann, dass die Pandemie nun das Interesse an der stark gebeutelten Reisebranche grundsätzlich geknickt hätte», bilanziert Stutz, «allerdings merkten wir bei vielen ebenfalls anwesenden Eltern eine grössere Zurückhaltung gegenüber der Reisebranche.» Des Weiteren stelle Stutz für die Reisebranche wie auch für andere Branchen fest, dass immer mehr Jugendliche nach der obligatorischen Schule oftmals mehrere schulische Weiterbildungen anstreben, statt den Weg der Berufsbildung zu gehen. Was nicht immer nur Vorteile hat, weil ja «Berufserfahrung» auch ein wichtiges Anstellungskriterium ist.

Um all dem entgegenzutreten, müsse die Reisebranche noch verstärkt wieder auf die Vorteile einer Branchenlehre aufmerksam machen. «Mit der KV-Lehre bieten sich viele Möglichkeiten und im Tourismus - der vielfältig und spannend ist und sehr viel Kontakt mit Menschen bietet, was einen wichtigen Skill darstellt - gibt es auch viele Weiterbildungsmöglichkeiten», sagt Stutz, «zudem ist der Zusammenhalt in der Schweizer Reisebranche einzigartig.»

Unabhängige KMU sollen mehr Lehrlinge ausbilden

Konkret wünscht sich Stutz aber auch, dass die unabhängigen KMU auch wieder mehr Lehrlinge ausbilden, und nicht nur die Grossveranstalter. Dass viele Unternehmen das gerade nach den Pandemiejahren nicht so einfach stemmen können, ist ihr auch klar, «doch man sollte sich im ureigensten Firmen- und auch Brancheninteresse die Zeit nehmen, um Nachwuchskräfte auszubilden», so Stutz. Sonst sägt die Reisebranche am eigenen Ast.

Also, Reiseunternehmer: Verweist wo immer ihr könnt auf die guten Seiten der Reisebranchen-Jobs, bildet Lehrlinge aus und fördert diese, kommuniziert deren Erfolge in der Öffentlichkeit, schreibt sie an Programmen ein, welche die Lehre ergänzen und schafft ein Aushängeschild für die Ausbildung im eigenen Betrieb. Bitte schafft ein Lehrstellen-Angebot, um auch die Lehrstellen-Nachfrage zu beflügeln. Davon hängt letztlich auch das Wohlergehen der Reisebranche als Ganzes ab.