Karriere

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Glückwunsch zum neuen Job! Aber können Reiseunternehmen die Stellen einfach und auch wie gewünscht besetzen? Und was braucht es, um als attraktiver Arbeitgeber angesehen zu werden? Bild: AdobeStock

«Unternehmen müssen sich auf veränderte Ansprüche bei der Arbeitnehmerschaft einstellen»

THEMA FACHKRÄFTEMANGEL: Aktuell sind wieder mehr Stellen in der Reisebranche ausgeschrieben. Gibt es dafür auch genügend Bewerber ? Im Teil 2 dieses «Themenkreises» zum harten Wettbewerb um Fachkräfte fragt Travelnews bei vier Schweizer Reiseunternehmen nach.

Nach den vielen Hiobsbotschaften über Corona-bedingten Stellenabbau in der Reisebranche im vergangenen Jahr ist in den vergangenen Wochen aufgefallen, dass wieder deutlich mehr Stellenangebote - auch im Newsletter von Travelnews - vorhanden sind. Die Frage ist nun: Können die Stellen auch ohne übermässigen Aufwand und mit genügend qualifizierten bzw. passenden Personen besetzt werden? Die Konsequenzen des «Brain Drain» aufgrund der grössten Tourismuskrise aller Zeiten haben Travelnews bereits letztes Jahr beschäftigt, nun wollten wir wissen, welche Effekte schon jetzt spürbar sind und wie mit der Sorge um einen Fachkräftemangel umgegangen wird.

Wir haben dafür an verschiedenen Orten angefragt. In diesem Artikel sind die Antworten von vier grossen Schweizer Reiseunternehmen - DER Touristik Suisse, Globetrotter Travel Service, Hotelplan Suisse und TUI Suisse - vermerkt. In zwei weiteren Beiträgen geht es um die Sicht zur Problematik bei zwei Tourismusschulen sowie bei Stellenvermittlerin Christina Renevey von Travel Job Marketing in Zürich.


«Besonders für Kaderstellen gehen ausgezeichnete Bewerbungen von erfahrenen Branchenfachkräften ein.»

Andrea Schmid, Director HR, TUI Suisse

«Aktuell bemerken wir keinen gravierenden Fachkräftemangel. Die Stellenangebote sind bei uns zurzeit überschaubar, weshalb der Ausblick für die Zukunft schwierig ist. Für unsere aktuellen Vakanzen erhalten wir gute Bewerbungen, darunter auch ehemalige Mitarbeitende, welche erfreulicherweise zurückkehren. Besonders für Kaderstellen gehen ausgezeichnete Bewerbungen von erfahrenen Branchenfachkräften ein. Einen künftigen Fachkräftemangel schliessen wir dennoch nicht aus. Wir glauben fest daran, dass sich die Situation rund um Corona verbessern wird und die Arbeit wieder attraktiver wird. Zudem arbeitet TUI stetig daran sich, als attraktivster Arbeitgeber im Tourismus durchzusetzen.

Schon vor der Pandemie nahm das Interesse an einer Lehre im Tourismus ab. Leider bestärkt das die Pandemie weiter. Für diesen Sommer konnten wir fünf von insgesamt acht Lehrstellen besetzen.

Wie so vieles, findet auch bei uns das Recruiting digital und virtuell statt. Zuvor sahen wir dem relativ skeptisch entgegen, wir wurden aber durchaus positiv überrascht. Dank der Kamera können Emotionen auch virtuell übermittelt werden. So funktioniert der Austausch erfreulich gut. Natürlich ersetzt das kein persönliches Treffen, jedoch möchten wir die virtuellen Gespräche zukünftig für erste Bewerbungsgespräche in Betracht ziehen. Im Übrigen bemerken wir bei den Bewerbern eine sehr positive Einstellung gegenüber der Branche und die Leidenschaft für unsere Produkte ist deutlich spürbar.

Es gibt viele Mitarbeitende, die weiterhin an die Branche glauben, diese bleiben dem Tourismus auch treu. Andere sehen das Risiko höher und versuchen sich neu zu orientieren. Obwohl das schon vor der Pandemie so war, wurde es jetzt natürlich bekräftigt. Sobald sich die Pandemie legt und Reisen wieder vollumfänglich möglich ist, wird die Attraktivität am Arbeitsmarkt für den Tourismus erneut steigen.»

«Durch die Unsicherheit über die Zukunft unserer Branche werden wir möglicherweise noch das eine oder andere Talent an eine andere Branche verlieren.»

Walter Jung, Director HR, Hotelplan Suisse

«Der Fachkräftemangel ist ein wichtiges Thema und wir stellen teilweise eine Abwanderung unserer Mitarbeitenden in andere Branchen fest. Wir sind derzeit verschiedenste Initiativen am Prüfen, um als Arbeitgeber noch attraktiver zu werden, so dass mögliche Talente bei uns bleiben und wir auch neue Mitarbeitende von uns als Arbeitgeber überzeugen können. Zudem werden wir auch zukünftig Lernende ausbilden. Die Ausbildung neuer Fachkräfte ist uns als Unternehmen äusserst wichtig.

Am Montag, 2. August 2021, starten 13 Lernende bei der Hotelplan Group. Der Ausschreibungsprozess für Lehrstellen im nächsten Sommer ist initiiert. Wir gehen davon aus, dass wir im nächsten Sommer rund 20 neue Lernende bei uns begrüssen werden.

Hinsichtlich der aktuell freien Stellen: Die Qualität der Bewerbungen, die wir erhalten, ist gut und wir sind überzeugt, für die ausgeschriebenen Stellen auch passende Mitarbeitende zu finden. Jedoch stellen wir fest, dass die Anzahl eingehender Bewerbungen pro ausgeschriebene Stelle momentan tiefer ist als noch vor der Corona-Pandemie.

Als Hotelplan Gruppe versuchen wir, ein attraktiver Arbeitgeber zu sein, faire Löhne zu bezahlen sowie ein motivierendes Umfeld mit einem angenehmen Arbeitsklima zu schaffen. Die Coronakrise ist aktuell wahrscheinlich die grösste Ursache, warum man sich eher gegen eine Anstellung in der Reisebranche oder für eine Umschulung entscheidet. Bei branchenunabhängigen Funktionen wie zum Beispiel in der IT, im Marketing oder dem HR kann das Thema Lohn eine zusätzliche Rolle spielen, da wir da mit allen möglichen Unternehmen im Wettbewerb stehen. Erfreulicherweise entscheiden sich viele Bewerbende für uns.

Durch die Unsicherheit über die Zukunft unserer Branche, welche insbesondere durch die Coronakrise verursacht wurde, werden wir möglicherweise noch das eine oder andere Talent an eine andere Branche verlieren. Eine vor wenigen Wochen durchgeführte Mitarbeiterumfrage zeigt jedoch, dass unserer Mitarbeitenden sehr gerne in unserer Branche arbeiten, unserem Unternehmen gegenüber enorm ‹committed› sind und in absehbarer Zukunft daran nichts ändern möchten.»

«Wir arbeiten wir stets an unseren Arbeitsbedingungen, etwa in Form von flexiblen Arbeitsmodellen.»

Markus Flick, Sprecher, DER Touristik Suisse

«Dem Erhalt und auch Ausbau der Arbeitgeberattraktivität messen wir eine hohe Bedeutung zu – Zielgruppe bilden hier gleichermassen die bestehenden Mitarbeitenden wie auch potenzielle neue Kolleginnen und Kollegen. Wir stellen uns dem zweifellos vorhandenen Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte mit verschiedenen Massnahmen. Beispiele sind attraktive Arbeitszeitmodelle, gute ‹Fringe Benefits›, eine angenehme Unternehmenskultur und Arbeitsatmosphäre, die Ausbildung junger Talente oder attraktive interne und externe Weiterbildungsmöglichkeiten.

Am kommenden Montag beginnen bei uns 18 neue Lernende, für 2022 schreiben wir in diesen Tagen 38 neue Lehrstellen aus.

Bei den offenen Stellen erhalten nun mehr Bewerbungen von erfahrenen Reiseexpertinnen und Reiseexperten, als dies vor der Pandemie der Fall war. Es bewerben sich auch weiterhin viele Quereinsteigende.

Ursachen für den Fachkräftemangel sehen wir im demografischen, gesellschaftlichen und technologische Wandel, welcher die Tourismusbranche vor ständig neue Herausforderungen stellt. Dieser Wandel beeinflusst, ebenso wie die Pandemie auch, die Bindung von Talenten und Fachkräften. Der Strukturwandel in der Reisebranche ist auch relevant, aber eben nicht einziger Faktor.

DER Touristik Suisse begegnet dieser Herausforderung auf vielfältige Art und Weise. Einerseits setzen wir uns sehr für die Ausbildung der Talente von morgen ein und wollen möglichst vielen von ihnen anschliessend eine Festanstellung im Unternehmen ermöglichen (in diesem Jahr 29). Auch entwickeln wir unseren Rekrutierungsprozess ständig weiter, die Optimierung unserer Karriereseite sei hier beispielhaft genannt. Zudem arbeiten wir stets an unseren Arbeitsbedingungen, etwa in Form von flexiblen Arbeitsmodellen. Schliesslich schreiten die Planungen, unseren Mitarbeitenden die Fernarbeit an einem touristischen Ziel für einen bestimmten Zeitraum zu ermöglichen, voran.»

«Ein attraktiver Arbeitgeber muss neue Anforderungen berücksichtigen.»

Sandra Studer, Sprecherin, Globetrotter Travel Service

«Der potenzielle Fachkräftemangel ist auch für Globetrotter ein äusserst wichtiges Thema. Einerseits sind Abgänge wieder zu besetzen, und auf der anderen Seite kommt eine Generation nach, die teilweise andere Anforderungen an einen Arbeitgeber respektive ans Arbeitsumfeld stellt: Nachhaltigkeit, flexible Modelle, Selbstbestimmung, um nur ein paar zu nennen. Ein attraktiver Arbeitgeber muss diese Anforderungen berücksichtigen. Beim Globetrotter Travel Service wird dies bereits heute wo möglich umgesetzt. Mit flexibleren Arbeitsmodellen und modernen Organisationsformen mit mehr Selbstbestimmung kann man dem Fachkräftemangel begegnen.

Aktuell haben wir keine Lehrstellen ausgeschrieben. Falls sich die Branchensituation in den nächsten Monaten entspannt, werden wir im 2022 eine erneute Ausschreibung prüfen.

Über aktuelle Erfahrungen mit Bewerbern und Bewerberinnen zu sprechen, ist noch zu früh, da unsere Vakanzen erst seit einer Woche aufgeschaltet sind.

Der Strukturwandel in der Reisebranche spielt hinsichtlich dem Fachkräftemangel natürlich auch eine nicht unerhebliche Rolle.
Aber mit Innovation, Flexibilität und offenen Ohren für neue Anforderungen können wir dem Wandel begegnen.»

(JCR)