Karriere

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Wie hält man Tourismusstudenten und solche, die sich ein Tourismusstudium überlegen, in der grössten Tourismuskrise bei der Stange? Bild: Javier Trueba

«Es wird einen grossen Nachholbedarf geben - weshalb sich das Tourismusstudium lohnt»

THEMA FACHKRÄFTEMANGEL: Aktuell sind wieder mehr Stellen in der Reisebranche ausgeschrieben. Gibt es dafür auch genügend Bewerber ? Im Teil 3 dieses «Themenkreises» zum harten Wettbewerb um Fachkräfte fragt Travelnews bei der IST Zürich und der HFT Graubünden nach.

Nach den vielen Hiobsbotschaften über Corona-bedingten Stellenabbau in der Reisebranche im vergangenen Jahr ist in den vergangenen Wochen aufgefallen, dass wieder deutlich mehr Stellenangebote - auch im Newsletter von Travelnews - vorhanden sind. Die Frage ist nun: Können die Stellen auch ohne übermässigen Aufwand und mit genügend qualifizierten bzw. passenden Personen besetzt werden? Die Konsequenzen des «Brain Drain» aufgrund der grössten Tourismuskrise aller Zeiten haben Travelnews bereits letztes Jahr beschäftigt, nun wollten wir wissen, welche Effekte schon jetzt spürbar sind und wie mit der Sorge um einen Fachkräftemangel umgegangen wird.

Wir haben dafür an verschiedenen Orten angefragt. In diesem Artikel sind die Antworten von den Chefinnen von zwei Tourismus-Ausbildungsstätten - konkret die HFT Graubünden und die IST Höhere Fachschule für Tourismus - vermerkt. In zwei weiteren Beiträgen geht es um die Sicht zur Problematik bei vier grossen Schweizer Reiseunternehmen sowie bei Stellenvermittlerin Christina Renevey von Travel Job Marketing in Zürich.


«Bei den Praktikumsplätzen spüren wir wieder eine erhöhte Nachfrage.»

Nicole Diermeier, Geschäftsführerin & Gesamtschulleiterin, IST Höhere Fachschule für Tourismus

«Das Thema Fachkräftemangel ist selbstverständlich auch für uns als Ausbildungsstätte im Tourismusbereich von höchster Wichtigkeit und wir tauschen uns diesbezüglich eng mit der Branche sowie den Fachverbänden aus. Dies ermöglicht uns, sehr nahe an der Praxis auszubilden, um unsere Abgänger/Abgängerinnen als Tourismus-Fachkräfte für die Anforderungen im Arbeitsmarkt von heute fit zu machen. Generell spüren wir ebenfalls wieder positive Signale bezüglich der Stellenangebote im Tourismus. Diese Rückmeldung erhalten wir auch seitens der Studierenden bzw. Diplomierten. Der Fachkräftemangel scheint sich tatsächlich aufgrund der coronabedingten Umstände akzentuiert zu haben – dies v.a. im Bereich der Hotellerie und Gastronomie, wo dieses Thema auch schon vor Corona hochaktuell war. Ich denke, hier ist v.a. auch die Politik gefordert, die Rahmenbedingungen attraktiv zu gestalten.

Wir spüren ganz stark eine Zunahme der Studierendenanmeldungen für den berufsbegleitenden Kurs. Diese Entwicklung ist nachvollziehbar, da die Studierenden in Krisensituationen jobmässig «on the safe side» sein möchten. Corona hat im Ausbildungsbereich einige Faktoren wie z.B. die Digitalisierung oder das Mobilitätsverhalten beschleunigt und wir nehmen diesen Trend im Rahmen unseres Lehrplans auf. So werden wir in Zukunft – wenn immer möglich – im berufsbegleitenden Studiengang die Abendmodule im Rahmen des ‹Blended Learnings› digital durchführen, sodass die Studierenden nicht extra für diese Lektionen nach Zürich reisen müssen. Das ist auf sehr offene Ohren gestossen. Ebenfalls werden wir den modularen Unterrichtsaufbau weiterentwickeln, um dem Wunsch nach höchstmöglicher Flexibilität nachzukommen sowie vermehrt Themen wie Selbstmanagement/Resilienz, Business Development und Nachhaltigkeit aufnehmen.

In den beiden HF Studiengängen Vollzeit und berufsbegleitend sind wir hinsichtlich Anmeldungen auf Budgetkurs, berufsbegleitend sogar darüber. Der Grundkurs im Herbstsemester 2021 musste aber leider aufgrund von zu wenigen Anmeldungen abgesagt bzw. auf Januar 2022 verschoben werden. Dies ist auf die sehr schwierige Situation in der Reisebürobranche zurückzuführen. Für den Start im Frühlingssemester 2022 haben wir aber bereits eine hohe Anzahl Anmeldungen, sodass der Kurs wie geplant stattfinden kann.

Rund 50 Prozent unserer Abgänger 2021 konnten eine Stelle in der Reisebranche finden. Bei den Praktikumsplätzen spüren wir wieder eine erhöhte Nachfrage. Das freut uns sehr, denn hierfür haben wir uns, gemeinsam mit der Branche, sehr eingesetzt. Wir hoffen, dass dieser positive Trend anhält und wir die Talsohle durchschritten haben. Selbstverständlich kommt es sehr auf die weitere Entwicklung sowie die Restriktionsmassnahmen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie an.»

«Etliche Betriebe suchten noch Praktikant/innen und es gab oft keine mehr.»

Ursula Oehy Bubel, Rektorin & Mitglied der Geschäftsleitung, Höhere Fachschule für Tourismus Graubünden

«Seit etwa Ende Mai/Anfang Juni stelle ich auch viel mehr offene und geteilte Stellen fest, die , etwa auf Linkedin in meinem touristischen und tourismusnahen Netzwerk geteilt werden. Es sind spannende Stellen. In den letzten Wochen werde ich auch oft direkt angefragt von Branchenpartnern, ob ich jemanden kenne, der auf offene Stellen passt. Der Bedarf ist wirklich da. Und wir kommunizieren natürlich genauso: Es gibt einen enormen Nachholbedarf, der gedeckt werden will in den nächsten Jahren, ein Studium ist zum jetzigen Zeitpunkt ideal.

Unsere Studierenden, die eine Praktikumsstelle suchten, waren praktisch alle Ende Juni mit sehr spannenden Stellen ‹versorgt›. Etliche Betriebe suchten noch Praktikant/innen und es gab oft keine Mehr. Dasselbe galt für die saisonalen Stellen für unser Saisonmodell. Dazu gilt es zu sagen, dass unsere Studierenden praktisch alle im Bereich Incoming, Destinationsmanagement, Event & Sponsoring und Marketing/Kommunikation gesucht und gefunden haben. Im Outgoing öffneten sich die Stellen ja erst im Frühsommer, da waren die Studierenden schon fertig mit ihrem Prozess.  

Gerade weil wir breit ausbilden (insbesondere auch auf die eidg. Fachprüfungen im Bereich Marketing, PR und im Event Management) haben die Studierenden in Krisen natürlich die Chance, Stellen in tourismusnahen und anverwandten Branchen zu suchen. Dies ist etwas, was ihnen Flexibilität und Sicherheit bietet – aber natürlich in der Coronazeit dazu führt(e), dass sie auch anderswo eine Stelle fanden. Jedoch stellen wir durchaus auch einen Rücklauf in die Touristik fest, gerade von Studierenden, die nach dem Studium erst die Branche wechselten, aber dann nochmals zurückkehren möchten in die Branche, die sie ursprünglich sehr interessierte.

Wir stellen auch fest, dass viele unserer Studierenden unser Übertrittsprogramm an die FH Graubünden in Anspruch nehmen (dieses Jahr war es rund ein Drittel unserer Absolvent/innen), um sich noch den Bachelorabschluss anzueignen. Es zeigt, dass sie sich bestmöglich ausbilden möchten und somit bereit zu sein, wenn die Arbeitsplatzmöglichkeiten wieder anziehen. Da dieser Entscheid bereits im 2. Studienjahr fällt, gibt es dann dadurch natürlich eine Verzögerung in ihrem «Erscheinen» auf dem Arbeitsmarkt.

Für uns ist es ein sehr wichtiges Thema, der Branche vielseitig qualifizierte Fachkräfte zur Verfügung zu stellen. Unser Saisonmodell bietet den Firmen beste Möglichkeiten, Studierende bereits während dem Studium in verschiedenen Abteilungen Einblick zu gewähren, sie kontinuierlich aufzubauen und auch nachhaltig zu binden. Dieses «Talent-Programm», das sich im Incoming bereits etabliert hat, stellen wir gerne weiteren interessierten Firmen vor. Wir legen auch viel Wert drauf, dass Gastreferenten und -referentinnen aus den verschiedenen Teilen der Branche und auch ausserhalb den Studierenden aus ihren Erfahrungen und auch «Best-Practices» berichten können, sie sind die besten Botschafter und vermitteln das Vertrauen, den Mut und die Innovationskraft, die junge Menschen brauchen, um in der Branche etwas Positives bewirken zu können. Dass Fachkräfte fehlen ist eine logische Folge der Krise, dem damit einhergehenden Sicherheitsverlust sowie der negativen Nachrichten und düster gezeichneten Perspektiven in den Medien.

Wir mussten keine Klasse streichen und starten wie gewohnt mit drei Klassen: Einem deutsch sowie deutsch/englischsprachigen Praktikumslehrgang sowie einem deutschsprachigen Saisonmodelllehrgang. Aber, die Klassen werden etwas kleiner sein als die letzten beiden Jahre, in denen wir Rekordanmeldungen hatten.

Betreffend der Stellensituation der Absolvierenden: Es ist noch zu früh, es abschliessend zu sagen, da bei etlichen der Bewerbungsprozess noch läuft. Einige nutzen die Chance und arbeiten an der Expo in Dubai und holen so die Möglichkeit nach, im Ausland zu arbeiten, von einigen weiss ich, dass sie im Bereich Event/Sponsoring, in der Kommunikation sowie in der Hospitality arbeiten werden. Ein Drittel studiert weiter. Dennoch muss man sagen, es sind noch junge Arbeitskräfte, die auch in den Firmen gefördert und aufgebaut werden wollen. Es wäre illusorisch zu erwarten, dass sie eine erfahrene Fachkraft direkt 1:1 ersetzen können.»

(JCR)