Karriere

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Fachkräfte werden in der Reisebranche wieder vermehrt gesucht. Hat es genügend Kandidaten oder schreckt die aktuelle Situation Interessenten (und Studierende) ab? Bild: AdobeStock

«Längerfristig gehe ich in der Reisebranche von einem Fachkräftemangel aus.»

Von Jean-Claude Raemy

THEMA FACHKRÄFTEMANGEL: Aktuell sind wieder mehr Stellen in der Reisebranche ausgeschrieben. Gibt es dafür auch genügend Bewerber ? Im Teil 1 dieses «Themenkreises» zum harten Wettbewerb um Fachkräfte fragt Travelnews beim Stellenvermittlungsunternehmen Travel Job Market nach.

Nach den vielen Hiobsbotschaften über Corona-bedingten Stellenabbau in der Reisebranche im vergangenen Jahr ist in den vergangenen Wochen aufgefallen, dass wieder deutlich mehr Stellenangebote - auch im Newsletter von Travelnews - vorhanden sind. Die Frage ist nun: Können die Stellen auch ohne übermässigen Aufwand und mit genügend qualifizierten bzw. passenden Personen besetzt werden? Die Konsequenzen des «Brain Drain» aufgrund der grössten Tourismuskrise aller Zeiten haben Travelnews bereits letztes Jahr beschäftigt, nun wollten wir wissen, welche Effekte schon jetzt spürbar sind und wie mit der Sorge um einen Fachkräftemangel umgegangen wird.

Wir haben dafür an verschiedenen Orten angefragt. In diesem Artikel sind die Antworten von Stellenvermittlerin Christina Renevey von Travel Job Marketing in Zürich vermerkt. In zwei weiteren Beiträgen geht es um die Sicht zur Problematik bei mehreren Schweizer Grossveranstaltern sowie bei zwei Tourismusschulen.


«Seit Frühjahr 2021 hat die Situation umgeschlagen.»

Christina Renevey, Inhaberin, Travel Job Market GmbH

«2020 wurden wir mit Bewerbungen von erfahrenen Fachkräften im Tourismus regelrecht überflutet. Seit Frühjahr 2021 hat diese Situation tatsächlich umgeschlagen. Qualifizierte Mitarbeitende, die während der Corona-Pandemie die Kündigung erhalten hatten, haben sich inzwischen in anderen Branchen neu orientiert. Weitere, v.a. Reisebüro-Mitarbeitende, haben wegen der Kurzarbeit sowie dem mühsamen und arbeitsaufwendigen Dossier-Handling selber gekündigt.

Vor ein paar Wochen erlebten die Reisebüros dank den gelockerten Einreisemassnahmen einen kleinen Buchungsboom und fragten uns nach erfahrenen ReiseberaterInnen an. Die Freude war jedoch von kurzer Dauer und seit dieser Woche merken wir, dass die Reiseunternehmen nach den neusten Schlagzeilen mit ansteigenden Infektionszahlen und erneuten Reiseeinschränkungen wieder mit angezogener Handbremse rekrutieren. Kandidaten, die schon kurz vor dem Vertragsabschluss standen, werden plötzlich wieder hingehalten.

Ebenso stellen wir fest, dass viele ehemalige Reisebüroprofis zögern, bereits wieder in die Touristik zu wechseln. Die Unsicherheit und Angst vor einer nochmaligen Kündigung oder erneuter Kurzarbeit ist nach wie vor gross, zudem geniessen die Mitarbeitenden in anderen Branchen oft angenehmere Arbeitszeiten und eine höhere Entlöhnung. In diesem Sinne stellen wir tatsächlich eine Knappheit an Branchenprofis fest, vor allem für den Reisebüroschalter. Wir setzen hier vermehrt «active sourcing» ein (nicht zu verwechseln mit Head Hunting), d.h. wir versuchen ehemalige Branchenprofis sowie Stellensuchende proaktiv für die offenen Stellen zu gewinnen und warten nicht darauf, dass sie zu uns kommen.

Beliebt sind nach wie vor Positionen in Sales & Marketing, Product Management und Touroperating. Hier gehen bei uns zahlreiche Bewerbungen von Kandidaten ein, die ihre Passion für den Tourismus täglich bei der Arbeit einbringen möchten. Und auch wenn die Nachfrage momentan noch verhalten ist, bin ich sicher, dass diese Positionen bald wieder gebraucht werden und zu besetzen sind.

Längerfristig und über die ganze Branche gesehen gehe ich aber von einem Fachkräftemangel aus. Dies zum einen aufgrund des «Brain Drain», der gerade stattfindet. Zum anderen bereitet es mir Sorgen, dass die Reisebranche 2021 total 70 Prozent weniger Lernende ausbilden wird. Die einzig gute Nachricht: Diesen Lernenden sowie auch Absolventen der Tourismusfachschulen und Quereinsteigern eröffnen sich sehr gute Chancen.»