Karriere

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«Wenn alle bei Ihnen jammern, heisst das noch lange nicht, dass die Lage schlecht ist. Vielleicht sind einfach Sie attraktiv für Jammerer.» Cartoon: Silvio Erni

Schlechte Stimmung

Von Felix Frei

Hier kommt, geschätzte Führungskräfte, eine Anregung zum Start in die neue Woche, zur Reflexion Ihrer Führungsprinzipien.

Seit Längerem verfolgt mich ein Phänomen – nicht immer, aber immer öfter: Ich bin bei irgendeinem Kunden und treffe dort auf dem Flur den einen oder die andere aus dem Kader, den/die ich kenne. Führungskräfte also, mit denen ich in dem Moment nicht verabredet bin, so dass man nur ein bisschen Smalltalk macht. Binnen weniger Minuten sagt mir diese Führungskraft, meist mit besorgter Miene, die Stimmung im Unternehmen sei schon seeehr schlecht. Ich frage dann nach, was wie wo wann. Dann lautet die Präzisierung in aller Regel, generell sei die Stimmung schlecht. Die Ursache liege bei der obersten Führung (sprich: Geschäftsleitung), weil die ja nichts entscheide oder warum auch immer. Und nein, in seinem/ihrem eigenen Team sei die Stimmung ansonsten sehr gut.

Mich erinnert das an Untersuchungen, die gezeigt haben, dass mehr als 80% der Autofahrer überzeugt sind, sie würden besser als die allermeisten anderen fahren. Oder dass fast 90% der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in einem Unternehmen von sich sagen, ihre Leistungsbereitschaft und ihre Leistung lägen deutlich über dem Durchschnitt in dieser Firma ...

Wie kann es sein, dass in der ganzen Firma die Stimmung schlecht ist – ausser gerade im Team jener Führungskraft, die ich zufällig auf dem Flur treffe – und das noch jedes Mal, egal, mit wem ich spreche?

Vier beliebte Mechanismen

Betrachten wir einmal die Psychodynamik hinter diesem Phänomen. Sie verbindet vier beliebte psychologische Mechanismen:

  • Verantwortungsabschiebung: Sollte etwas nicht gut sein, dann sind die da oben (in der Geschäftsleitung) verantwortlich. Mit mir hat das nichts zu tun.
  • Erfolgsselbstzuschreibung: Meine eigene Führung ist super. Deshalb ist in meinem Team die Stimmung ja auch gut – trotz der schlechten Grosswetterlage in der ganzen Firma.
  • Versteckter Appell: Lieber Unternehmensberater, du bist ja sicher grad auf dem Weg zum CEO oder in die GL. Bitte mach doch denen mal Dampf unterm Hintern, sodass ab morgen alles besser wird.
  • Mitleidserheischung: Siehst du eigentlich, wie schwer wir es hier haben? Tja, es wäre schon alles anders, wenn ich in der GL wäre ...

Irgendwie bezweifle ich, dass dies die reifen Reaktionsweisen einer Führungskraft sind, wie man sie im Management erwartet. Insbesondere, da jede Führungskraft von sich behaupten würde, sie würde nie jammern. So wie ja auch nie jemand Gerüchte weiterverbreitet...

Weder Gesundbeten noch Rosamalen

Natürlich dient Jammern primär der eigenen Psychohygiene. Aber das gibt Führungskräften noch nicht das Recht zu jammern, denn als Führungskraft hat man eine Verantwortung für die Stimmung im Unternehmen. Stimmungen werden beeinflusst dadurch, ob jemand die Stimmung als gut oder eben als schlecht «besingt». Stimmungen werden sogar dadurch geschaffen.

In Grenzen natürlich, denn ich mag den amerikanischen «Yes, we can»-Gesundbetungsstil nicht, bei dem Menschen auch bei einer Krebserkrankung oder sonst einem schlimmen Ereignis primär die Chancen und Herausforderungen sehen sollen. Was Mist ist, ist Mist. Fertig. Ich will also weder aufs Gesundbeten noch aufs Rosamalen hinaus. Aber eben auch nicht aufs Krankjammern und Schwarzmalen.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dürfen meines Erachtens immer und überall ihre eigene Stimmung akkurat so beschreiben, wie sie sie empfinden. Aber nur ihre eigene. Nicht die Stimmung des «man» oder – als ob sie es beurteilen könnten – die Stimmung «aller». Führungskräfte dagegen sind in einer Rolle. Immer. Das schliesst ein, dass sie nicht einfach jedem gegenüber sagen können, was sie jetzt grad finden. Sondern sie müssen sich im Klaren darüber sein, dass die eigenen Äusserungen Führungswirkung haben. Und die haben sie zu verantworten. Denn mit ihren Äusserungen zur Stimmung prägen Führungskräfte eine Stimmung aktiv mit.

Auch wenn ich nun ein wenig mit dem Moralinzeigefinger gewedelt habe: Es gibt nicht nur aus der Optik von «oben» Argumente gegen diese Jammerei. Ich bin überzeugt, dass jammernde Führungskräfte immer auch selbst unter den Kollateralschäden ihrer Jammerei leiden. Sie merken nur nicht, dass sie einen Teil der schlechten Stimmung, die sie wahrzunehmen glauben, selbst erzeugt haben. Aber sie finden sich dann wieder in der Rolle des vergeblichen Trösters. Und genau das müsste nicht sein, wenn sie nicht ständig schlechte Stimmung herbeireden würden.

Da hört der Spass auf

Interessanterweise ist es nämlich so, dass die Stimmung «objektiv» gar nie über längere Zeit bei allen gleichermassen schlecht sein kann. Zwar besingt man durchaus gerne gemeinsam, was alles zu beklagen sei – aber dieses solidarische Klagen wirkt schon fast wie ein Stimmungsaufheller! Freilich gilt dies nur unter seinesgleichen. Von seinem Kapitän will man nun wirklich nicht hören, dass das Schiff vermutlich nächstens untergehen werde.

Ich habe mir angewöhnt, mir das Jammern der Führungskräfte auf dem Flur mit einem höflichen Seufzer anzuhören – und es dann gleich wieder zu vergessen. Früher fragte ich manchmal explizit nach, ob ich denn nun mit dem CEO (oder sonst einem Angeklagten) reden solle. Die Antwort war ausnahmslos: Nein, nicht nötig. Was besagt: Du willst mir doch nicht etwa den Anlass meines Jammerns wegnehmen? Nee, würd ich nie tun!

Ich hoffe, solche Führungskräfte haben wenigstens das Talent der Handwerker und Bauern, die seit jeher gelernt haben zu klagen, ohne zu leiden. Aber ich habe auch da meine Zweifel.

Was ich jedoch befürchte, ist, dass es den Dauerjammerern irgendwann geht wie dem Spassvogel, der immer wieder «Feuer, Feuer» schreit. Wenn es dann wirklich mal brennt, dann hört keiner mehr auf seine Hilferufe.

Und da hört der Spass eben auf. Wenn eine oberste Führung angesichts eines dauernden, unspezifischen, undifferenzierten, nicht belegten Jammerns so weit ermattet, dass sie nichts mehr von der Stimmung im Land wissen will, dann nimmt ein Unternehmen echten Schaden.

Führungskräfte täten also gut daran, die Stimmung bei ihren Leuten sorgfältig zu beobachten. Wenn sie ein Absinken der Stimmung feststellen, dann sollten sie sich fragen, was sie dagegen tun können. Wenn sie selbst nicht mehr weiterwissen, so müssten sie der Sache so weit auf den Grund gehen, dass sie nachher wüssten, zu wem sie gehen und was sie von dem fordern sollten, um die Stimmung wieder zu verbessern.

Die Stimmung im Land wird nicht vom Bundesrat gemacht. Aber der Bundesrat ist die Projektionsfläche für alle Klagen am Stammtisch.

Im Unternehmen ist das analog. Nur ist da nicht vorgesehen, dass Sie als Führungskraft am Stammtisch sitzen.