Karriere

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«Wir können den Zeitgeist in einem Wort zusammenfassen: Mehr! Vielleicht täten wir gut daran, uns davon mehr (!) und souverän abzugrenzen.» Cartoon: Silvio Erni

Sich souverän abgrenzen

Von Felix Frei

Hier kommt, geschätzte Führungskräfte, eine Anregung zum Start in die neue Woche, zur Reflexion Ihrer Führungsprinzipien.

Wir können den herrschenden Zeitgeist in einem Wort zusammenfassen: Mehr! Alle Unternehmen wollen mehr Erfolg, mehr Profit, mehr Rentabilität, mehr Kunden, mehr Marktanteil, mehr Effizienz, mehr Kostenbewusstsein, mehr Qualität und vieles andere mehr. (Fast) jeder und jede will mehr Lohn, mehr Anerkennung, mehr Karriere, mehr Kompetenzen, mehr Verantwortung, mehr Status, mehr Prestige, mehr Work-Life-Balance, mehr Wohlstand, mehr Glück – und ebenfalls sicherlich vieles andere mehr.

Als Führungskraft sind Sie an dieser Dynamik gleich mehrfach beteiligt: Als Vorgesetzte/r müssen Sie entsprechende Ansprüche von oben weitergeben und durchsetzen. Als Vorgesetzte/r sehen Sie sich aber gleichzeitig immer auch mit mannigfachen Ansprüchen Ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter konfrontiert. Als selbst ja auch Geführte/r müssen Sie mit den an Sie gestellten Anforderungen fertig werden. Als so genannter Peer stehen Sie (bezüglich beider Rollen) in einem fortwährenden Wettstreit mit Ihren Kolleginnen und Kollegen. Und zu Hause schliesslich werden Sie von Ihrer Familie und Ihrem Umfeld nicht selten auch noch unter Druck gesetzt, mehr zu geben.

Heikle Sache

Im Grunde haben Sie die Wahl: Entweder Sie gehen beim Versuch, all diesen Forderungen nach mehr gerecht zu werden, drauf und fassen zeitgemäss Ihren Burn-out. Oder Sie lernen, sich souverän abzugrenzen.

Abgrenzung kann sich unterschiedlich äussern: Man sagt explizit Nein. Man tut irgendetwas einfach nicht. Man verweigert das Mitmachen. Man beteiligt sich nicht. Man verbittet sich etwas. Man ignoriert etwas oder jemanden. Man stellt sich taub. Man entzieht sich einer Einflussnahme. Man gehorcht nicht. Man begehrt auf und protestiert. Und so weiter.

Freunde macht man sich in aller Regel mit solchem Verhalten nicht. Denn es ist leider eine heikle Sache, sich abzugrenzen. Gar leicht gilt man als unwillig oder unfähig, als Widerständler oder als Uneinsichtiger. Je häufiger man sich abgrenzt, desto mehr wird man in diesem Sinne generell abqualifiziert und entsprechend negativ schubladisiert. Und wenn man es nur sehr selten tut (aus eigener Sicht heisst das vermutlich: zu selten), so reagiert die Umgebung erst recht unwirsch: Was hat er denn auf einmal? Warum reagiert sie nun plötzlich so? – Kurzum: Die Abgrenzung wird wiederum nicht akzeptiert. Man wird vielleicht nicht generell abqualifiziert, im Moment aber sicher nicht ernst genommen, kaum respektiert, sicherlich nicht geschätzt.

Ich habe die Beobachtung gemacht, dass all diese negativen Folgen einer Abgrenzung (meistens) nur dann auftreten, wenn man selbst nicht souverän hinter seiner eigenen Abgrenzung steht.

Fehlende Souveränität

  • Wer nämlich im Innersten ein schlechtes Gewissen hat, dass er sich abgrenzt, der strahlt dies auf eine unmerkliche Weise auch aus. So wie Hunde angeblich aggressiv werden, wenn man vor ihnen Angst hat. (Was ich aus leidvoller Erfahrung selbst nur bestätigen kann.)
  • Wer selbst nicht souverän daran glaubt, dass er sich zu Recht abgrenzt, der neigt dazu, diese Unsicherheit zu übertünchen mit einem umso forscheren Tonfall. Das damit verbundene «Stämpfelen» zeigt der Umgebung, dass die Abgrenzung nicht souverän erfolgt. Und der «ton qui fait la musique» wird dann eher disharmonisch, was den anderen wiederum das Recht gibt, sich über den Abgrenzer zu beschweren.
  • Wer zwar rational überzeugt ist, sich zu Recht abzugrenzen, emotional aber gleichzeitig von all dem Moralin überschwemmt wird, das man ihm in seiner Kindheit eingeflösst hat, der wirkt nicht mehr authentisch. Erkennbar wird das daran, dass er sein abgrenzendes Verhalten begründet und begründet und begründet ... bis man wirklich misstrauisch wird.
  • Wer bei jeder Abgrenzung fürchtet, fortan nicht mehr geliebt zu werden, bringt sich in eine emotionale Abhängigkeit von seiner Umgebung, die souveränes Handeln massiv erschwert, wenn nicht sogar verunmöglicht. Denn gerade für Führungskräfte gilt ja: Führung ist kein Beliebtheitswettbewerb.

Selbstbeobachtung

Für diejenigen, die sich für die psychologische Seite des Themas besonders interessieren: All das eben Gesagte wäre halb so schlimm, wenn wir jederzeit wüssten, was sich in unserem geistigen und emotionalen Haushalt so abspielt. Dies tun wir leider nicht. Wenn wir uns die zum Teil gegenseitigen Kräfte in unserem Denken und Fühlen als geometrische Vektoren vorstellen, die nicht selten in ganz unterschiedliche Richtungen weisen und unterschiedlich stark sind, so wird uns häufig nur die Vektorresultante bewusst. Und für die haben wir dann flugs sehr rationale – freilich keineswegs immer zutreffende – Erklärungen parat.

Bedauerlicherweise hilft es jedoch nichts, sich seiner unbewussten Motive bewusst werden zu wollen. Sie heissen «unbewusst», weil sie unbewusst sind. Wir können uns bestenfalls selbst beobachten und aus unserem Agieren und Reagieren selbstinterpretierend schliessen, was uns wohl so alles (mit-) getrieben hat. Aus einer solchen aufmerksamen Selbstbeobachtung entsteht im Laufe der Zeit Lebenserfahrung. Auf die kann man aber – wenn man sie nicht schon hat – nicht warten, wenn man im aktuellen Fall handeln soll.

Wie also kann man sich souverän abgrenzen?

Lernen Sie zuallererst, sich gegen die eigenen inneren Widerstände gegen das Abgrenzen abzugrenzen. Wenn Sie denken oder empfinden, Sie müssten sich nun gegen etwas oder jemanden «eigentlich» abgrenzen, dann streichen Sie das «eigentlich» und grenzen Sie sich ab. Ziehen Sie erst hinterher Bilanz darüber, welchen sozialen Preis Sie bezahlt haben und wie Sie sich im Ergebnis fühlen.

Machen Sie sich klar, was Ihnen wirklich viel wert ist. Ist es Gesundheit? Wohlbefinden? Bewunderung? Akzeptanz? Ruhe? Erfolg um jeden Preis? Lebensfreude? Raum für Kontakte und eigene Bedürfnisse? – Wie auch immer: Sie werden sich nur dann souverän abgrenzen können, wenn Sie dadurch etwas für Sie Wertvolles gewinnen. Denn es geht um die positive Seite diesseits der Grenze, die Sie ziehen.

Nutzen Sie zum Erlernen des Sich-souverän-Abgrenzens eine Methode aus der Verhaltenstherapie, die Sie ohne Therapeutenkosten ganz allein anwenden können, so genannte «shame exercises»: Zwingen Sie sich, etwas zu tun – in unserem Fall: sich abgrenzen –, obwohl Ihr Innerstes flüstert: «Das darfst du doch nicht!» Sie werden sehen, nach einigen Erfolgen beginnt diese Stimme langsam zu verstummen.

Auf diese Weise – also mittels eines erfahrungsbasierten Systems von checks and balances, sozusagen – lernen Sie nämlich ziemlich rasch, was in Ihrer ganz persönlichen geistigen/emotionalen «Vektorrechnung» zu berücksichtigen ist und was nicht. Denn das ist der Kern meiner Argumentation: Sich souverän abgrenzen ist ein Fall fürs Üben. Wer nicht üben will, lernt nie Velo fahren, Klavier spielen oder schwimmen. Und er wird sich auch nie souverän abgrenzen können.

Beim Üben aber fällt man ab und zu auf die Nase. Erst mit der Zeit wird man «geübter». Was beim Abgrenzen zu Beginn vielleicht «zickig» erscheint, präsentiert sich dann als klare, souveräne Haltung. Das ist das Ziel!

Auch wenn Ihr Chef, Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ebenso wie Ihre Kollegen oder Ihre Familie Sie nicht in jedem Fall zu Ihrer klaren Haltung beglückwünschen werden – Sie selbst werden es.