Karriere

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«Auch wenn es Führung keineswegs immer erleichtert: Es braucht auch ein paar Leute mit Ecken und Kanten. Sonst macht das Ganze keinen Spass.» Cartoon: Silvio Erni

Runde und Eckige

Von Felix Frei

Hier kommt, geschätzte Führungskräfte, eine Anregung zum Start in die neue Woche, zur Reflexion Ihrer Führungsprinzipien.

Nein, ich werde mich nicht blamieren und versuchen, etwas über Fussball zu schreiben, obwohl sogar ich weiss, dass das Runde ins Eckige muss. Vielmehr rede ich hier von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern: Es gibt solche, die im Laufe der Jahre vom betrieblichen Fluss der Dinge rund und glatt geschliffen wurden, und es gibt solche, die haben und behalten ihre Ecken und Kanten.

Meine These lautet: Die Zahl der Runden hat eher zugenommen. Eckige gibt es immer weniger. Und diese Entwicklung ist ungesund.

Natürlich kann ich diese These nicht durch Zahlen belegen. Es ist eine empfundene Entwicklung, und vielleicht erleben Sie das ähnlich: Immer seltener treffe ich schräge, aber dennoch akzeptierte und respektierte Persönlichkeiten an, sei es auf Mitarbeiter- oder auf Managementstufe.

Zur Illustration des Vermissten eine kleine Geschichte aus einem Projekt von vor über dreissig Jahren (keine Angst, Geschichten von vor dem Zweiten Weltkrieg erzähle ich keine). Es war in einem technologisch sehr anspruchsvollen Unternehmen, in dem auch enorm grosse Teile überholt werden mussten. Im Bereich der Galvanik stiess man da auf manchmal fast unlösbare Probleme. Ein Mitarbeiter mit einem Schnurrbart wie Salvador Dalí war unter anderen dafür verantwortlich. Wenn nun so ein Problem auftauchte, setzte er sich hin, legte die Beine auf den Tisch und dachte nach. Das konnte zwei bis drei volle Schichten dauern. Plötzlich stand er dann auf und sagte: So machen wir es. Und es klappte. Wo liesse man heute noch einen Mitarbeiter drei Tage wort- und bewegungslos, ohne Papier und Bleistift und auch ohne PC, nachdenken?

Das Hohe Lied der Diversity

Interessant ist ja, dass die Entwicklung hin zum normierten Mainstream (nirgends wird man runder geschliffen!) gesamtgesellschaftlich zu beobachten ist: Alle Kinder müssen die gleichen Zähne haben. Zwischen in und out wird in allen Lebensbelangen messerscharf unterschieden. Autos sehen innerhalb jeder Preisklasse absolut identisch aus. Ausserdem machen alle Unternehmen – und alle mit dem Ziel, besonders zu sein! – genau das Gleiche. Unbeeindruckt davon aber wird, auch dies in schöner Einheitlichkeit, das Hohe Lied der Diversity gesungen: Plötzlich bereichern Frauen jedes Managementteam, nun ist die Zusammenarbeit zwischen verschiedensten Nationen plötzlich nicht mehr ein sprachlicher und kultureller Hindernislauf, sondern nichts als inspirierend. Plötzlich erkennt man, dass ältere Menschen Erfahrungen haben, die ihnen in der Rolle als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mitunter enorm nützlich sind.

Ich habe, Sie werden sich nicht wundern, erhebliche Zweifel, ob man daran glauben soll, dass dieser Storch Kinder bringt. Wehe, wenn sich die Frauen nicht dem männlichen Spiel anpassen. Unerwünscht, wer sich in der Globalisierung nicht primär amerikanisch benimmt. Unerhört, wenn Erfahrene ihre Erfahrungen als Argumente gegen den neusten Change einbringen. Nein – alle Steine sollen, bitte schön, weiterhin einheitlich rund geschliffen sein. Notfalls können wir sie ja andersfarbig bemalen.

Sicherlich wird alles einfacher so. Aber wird es auch besser? Die Schwierigkeit ist, dass ein Profit von Vielfalt, ein Nutzen aus den Eckigen nur um den Preis zu erzielen ist, dass man sich immer wieder an ihren Ecken und Kanten stösst. Die Eckigen sind nur «lustig», solange man Abstand zu ihnen hat. Mein vorgängig geschilderter Dalí gefällt Ihnen bestimmt. Aber was hielten Sie von ihm, wenn Sie ihn täglich so dasitzen sähen, während Sie selbst völlig gestresst wären?

Die Vorteile der Eckigen

Zudem geht es ja nicht nur darum, dass wir Runden uns ein paar Eckige zur allgemeinen Erbauung und Anregung halten sollten. So wie ein exotisches Haustier. Es geht darum, dass auch wir uns (wieder) etwas mehr Ecken und Kanten erlauben sollten – sei es als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder als Führungskräfte. Wohl wissend, dass wir uns so nicht überall beliebt machen würden.

Dass die Eckigen anstossen, wissen Sie selbst. Darüber muss ich mich also nicht auslassen. Deshalb will ich mich darauf beschränken, Ihnen ein paar Vorteile schmackhaft zu machen, wenn Sie sich auch mal auf Eckige einlassen (und überdies auch sich selbst ab und an ein paar Ecken gestatten):

  • Zunächst können Sie kein besseres Gesellenstück Ihrer wahren Führungskunst abliefern, als wenn Sie es schaffen, so einen richtig knurrigen, knorrigen, kantigen Mitarbeiter zumindest so weit zu führen, dass er auch seine produktiven Seiten zeigt. Nehmen Sie es also als sportliche Herausforderung.
  • Weiter gewinnen Sie neue Ideen und Einsichten, sei es, weil der Eckige, wie unser Dalí, tatsächlich kreativ ist oder weil seine spinnerten Ideen zumindest Sie kreativ anregen können.
  • Nicht selten tragen die Eckigen unabsichtlich dazu bei, die Runden zusammenzuschweissen. Im schlechtesten Fall als gemeinsames Feindbild. Im besseren Fall aber darüber, dass die Runden vermehrt miteinander kommunizieren, da sie das Abweichende der Eckigen gemeinsam irgendwie verarbeiten müssen.
  • Die Eckigen liefern in jedem Fall die besseren Geschichten als die Runden. Wer möchte schon ein Buch lesen, in dem nur lauter runde Figuren auftreten? Und gute gemeinsame Geschichten sind der Kitt jeder sozialen Einheit.
  • Interessanterweise ist es gerade das Überraschende, das Nicht-Normale, das die Eckigen zu einem seltsam stabilen Element in einer Gruppe oder einem Team werden lässt. Auf ihre Besonderheit kann man sich nämlich verlassen. Das beruhigt.
  • Da sich die Eckigen zumindest in gewissen Punkten hart an der Grenze des Zulässigen bewegen, ist genau damit für alle anderen die Grenze jederzeit deutlich markiert. Das wiederum macht deren Führung für Sie leichter.
  • Was schliesslich Ihre Führung auch nicht wenig erleichtert, ist, wenn Sie selbst ein paar Ecken und Kanten haben. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können sich daran orientieren, und sie können sich darauf einstellen. Ein Chef, der in allem rund geschliffen ist, mag ein paar Tage bequem sein. Wenig später wird er unwirksam, da unspürbar, da unsichtbar: Nur eine Figur, die sich vom Hintergrund abhebt, wird gesehen. Für die anderen gilt Ottos Spottbild – weisser Adler auf weissem Grund.

Beulen und Schrammen

Zugegeben, all die genannten Vorteile gelten nur, wenn das Eckige nicht nur nervt. Es soll weder rücksichtslos noch zickig sein. Ich rede das Wort weder den Falschen noch den Hinterlistigen, weder den Unehrlichen noch den Charakterlumpen. Mir gefallen einfach die, die ein paar Besonderheiten haben. Die, die man erst näher kennenlernen muss, bevor man sie zu schätzen beginnt. Die, die sich nicht verbiegen lassen, selbst wenn sie deswegen auf manches verzichten müssen. Es lohnt sich, sie zu behalten oder überhaupt erst zu suchen. Die Beulen und Schrammen, die man sich gelegentlich an ihren Ecken und Kanten holt, verheilen bald wieder.

Im richtigen Leben ist es eben doch nicht immer wie im Fussball. Hier zählt es als Treffer, immer mal wieder auch ein paar Eckige zwischen die vielen Runden zu platzieren.