Karriere

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«Nun bleiben wir aber mal gaaaaanz sachlich!!!». Cartoon: Silvio Erni

Emotionen und Gefühle

Von Felix Frei

Hier kommt, geschätzte Führungskräfte, eine Anregung zum Start in die neue Woche, zur Reflexion Ihrer Führungsprinzipien.

Es zählt zum Klischee des smarten Managers, dass er (kaum je sie!) in der Lage ist, seinen Job völlig emotionslos zu machen: cool, sachlich, analytisch entscheidend, innerlich unbeteiligt. Ein wenig wie James Bond halt.

Glauben Sie daran? Vermutlich nicht. Ich tippe eher darauf, dass auch Sie die wenig überraschende Erfahrung machen, dass Manager Emotionen haben und sich davon durchaus auch steuern lassen.

Aber wäre es denn wünschenswert, wenn das Klischee stimmen würde? Oder wenn Sie ihm näherkämen? Man könnte es meinen, denn sehr oft vernimmt man die Aufforderung «Nun wollen wir doch mal ganz sachlich bleiben!» oder man erhält den Ratschlag «Lassen Sie sich nicht von Ihren Gefühlen leiten!»

Sachlichkeitsfetischismus

Gestatten Sie mir eine kleine Lehrstunde in Sachen Psychologie und Hirnforschung rund um Emotionen und Gefühle – sozusagen als kleines Plädoyer gegen jeden «Sachlichkeitsfetischismus»:

  • Unser Gehirn ist extrem eng mit unserem ganzen Körper verflochten. Es überwacht all seine Funktionen und registriert ganz schnell, wenn etwas nicht okay ist. Denken ist eine kleine Nebenbeschäftigung des menschlichen Gehirns. Hauptbeschäftigung des Gehirns ist auch beim Menschen – wie bei jedem Tier – das Aufrechterhalten der körperlichen Funktionen.
  • Das Gehirn sucht unablässig nach bedeutsamen Informationen – in unserem Körper und in unserem Umfeld. Diese Informationen werden fortwährend bewertet. Und blitzschnell löst das Gehirn die erforderlichen Reaktionen aus. Gefahr zum Beispiel lässt unser Gehirn unseren Körper auf Flucht oder auf Angriff vorbereiten. Dazu gehören (leider) viele Dinge, die bei einem Tier Sinn machen, für uns aber eher lästig sind: Sofortiger Durchfall etwa erleichtert einem Tier das Davonrennen, bei uns ist das kurz vor der entscheidenden Präsentation vor dem obersten Management eher unerfreulich. Dass das Herz sofort auf Hochdruck arbeitet, erleichtert einem Tier sowohl Flucht wie auch Angriff. Bei uns führt es aber zu einem roten Kopf, der unsere Angst für jeden sichtbar macht (und damit noch verschlimmert). Handschweiss, trockener Mund, vielleicht sogar zitternde Hände – man kann das alles physiologisch gut begründen; erfreulich ist es dennoch nicht.

Auf Emotionen angewiesen

  • Interessanterweise ist es nun aber so, dass nicht nur das Gehirn den Körper anweist, bestimmte Dinge zu tun. Sondern das Gehirn «liest» dann diese Körperzustände zurück. In der Psychologie sagt man deshalb: Wir rennen nicht davon, weil wir Angst haben; sondern wir haben Angst, weil wir davonrennen! Emotionen sind das, was der Körper ausdrückt. Und Gefühle sind unsere bewusste Wahrnehmung dieser Emotionen. Auf seine Gefühle zu achten heisst also, sehr viel mehr Informationen zu nutzen, als wenn man bloss rational überlegen würde.
  • Nun könnte man meinen, dieses Mehr an Informationen sei nur störend. Das mag es auch manchmal sein. Aber: Wenn jemand aufgrund einer ganz bestimmten Hirnverletzung keine Gefühle mehr wahrnimmt, dann ist er zwar nach wie vor ein sozial verträglicher und vernünftiger Mensch, aber – er kann keine Entscheide mehr treffen. Nicht einmal mehr die einfachsten! Er wägt «rational» ab, bis zum Sanktnimmerleinstag, sieht tausend Argumente dafür und dawider, aber kann sich zu keinem Entscheid durchringen.
  • Emotionen drücken aber nicht nur Bewertungen von Situationen aus (die wir dann als Gefühle bewusst wahrnehmen und als Grundlage von Entscheidungen zwingend brauchen), sondern sie kommunizieren auch gegen aussen: Dass man uns Ärger, Wut, Freude, Angst, Überraschung, Ekel und so weiter buchstäblich ansieht (und zwar kulturübergreifend gleich!), ist für die menschliche Kooperation und die Gestaltung sozialer Beziehungen lebenswichtig. Kurzum: Menschsein ist existenziell auf Emotionen und Gefühle angewiesen. Wenn sie jemand komplett zu verbergen oder zu verfälschen versucht (was letztlich nur sehr, sehr gute Schauspieler tatsächlich können), ist er kein authentischer Mitspieler mehr. Und wir erleben ihn dann auch als nicht authentische Persönlichkeit.

Um vernünftig zu entscheiden

Auf die Führung übertragen, heisst dieser arg verkürzte Exkurs in Psychologie und Hirnforschung Folgendes:

Emotionen zuzulassen und Gefühle zu zeigen, ist für Sie und für andere wichtig. Ihre zwischenmenschliche Kommunikation kann nur funktionieren, wenn die emotionale «Tonspur» zum Film passt. Wenn Sie sich oder andere dazu nötigen, Emotionen und Gefühle nicht zu zeigen, dann schüren Sie Missverständnisse (was Machtmenschen natürlich gezielt zu nutzen wissen).

Auf Ihre eigenen Gefühle zu achten brauchen Sie, um vernünftig (!) entscheiden zu können. Zwar genügt es keineswegs, nur aus dem Bauch heraus zu entscheiden. Denn nur, wenn der Kopf die Fakten und Argumente kennt, kann der Bauch Wertvolles zur Entscheidungsfindung beisteuern.

Gefühle zu zeigen heisst nicht, unbeherrscht Ausbrüche von Wut oder Zorn zuzulassen. Man kann auch auf eine anständige und nicht verletzende Weise kundtun, wie einem zumute ist – und das gehört sich auch. Und wenn die Emotionen einmal doch übergekocht sind, so kann und soll man sich auch entschuldigen.

Am allerwichtigsten aber sind Emotionen und Gefühle für die Gestaltung von Beziehungen – und genau das ist ja Führung vor allem anderen. Ob die Chemie zwischen den Beteiligten spielt, dürfte insgesamt für eine erfolgreiche Zusammenarbeit noch wichtiger sein als die Frage, ob die besten Fachkräfte am Tisch sind. Das zeigt sich auch in der Stimmung in einem Führungsgremium. Sollte da bei Ihnen nie gelacht werden, so haben Sie ein ernsthaftes Problem. Zwar braucht kein Führungsteam die Atmosphäre eines feuchtfröhlichen Stammtisches. Aber wenn nie gelacht wird, dann gilt höchster Alarm!

Kurzum: Sagen Sie nie wieder zu jemandem «Nun wollen wir doch mal schön sachlich bleiben!». Aber merken Sie sich: Wenn das ein anderer sagt, dann wissen Sie, jetzt ist man dabei, genau das unter den Teppich zu kehren, was das eigentliche Thema wäre. Und so erweisen sich sogar noch verbotene Emotionen als nützliche Hinweisschilder. Wenn man sie zu lesen weiss.