Karriere

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«Es würde Ihnen gut anstehen, nicht nur davon zu reden, was Sie ändern wollen. Sondern auch von dem, was Sie bewahren wollen. Und warum.» Cartoon: Silvio Erni

Bewahren

Von Felix Frei

Hier kommt, geschätzte Führungskräfte, eine Anregung zum Start in die neue Woche, zur Reflexion Ihrer Führungsprinzipien.

Wandel ist die einzige Konstante. Wer sich nicht ändert, geht unter. Wir müssen anders, besser, schneller werden. Die Konkurrenz schläft nicht. Blablabla.

Sie kennen dieses Lied zur Genüge. Ich auch. Manchmal singe ich es sogar selber.

So richtig es auch sein mag: Trotzdem sollten wir uns einmal darauf besinnen, was eine wirklich gute Innovationskraft ausmacht. Wir können dabei von der Natur lernen. Immerhin hat die Evolution auf dieser Erde eine ziemlich beeindruckende Vielfalt von Lebewesen hervorgebracht. Langsam beginnen die Biologen besser zu verstehen, wie die Evolution dies macht. Eines ihrer Geheimnisse besteht darin, auf höchst kluge Weise Bewährtes zu bewahren und in veränderten Umständen wieder zu verwenden. – Sie glauben gar nicht, was alles Sie und ich mit jeder Amöbe gemeinsam haben! Und mit den Schimpansen sind wir zu 99 Prozent genetisch identisch. 99 Prozent Bewahren und 1 Prozent Innovation hat den Sprung zum Menschen geschafft – doch eine bemerkenswerte Leistung, nicht?

Zugegeben, der Trick besteht darin, das richtige eine Prozent zu erneuern! Und dabei haben wir es in Unternehmen schwerer als die Natur, die sich einfach ein paar Milliönchen Jahre Zeit nehmen kann, um auszuprobieren, was sich denn so bewährt. Andererseits aber können wir – anders als die Natur – den Innovationsprozess bewusst, überlegt und gezielt angehen.

Mal ganz unter uns

Haben Sie sich schon mal überlegt, was Sie bei all den Änderungen, denen Sie sich ständig unterziehen müssen und die Sie vielleicht selber vorantreiben, sorgfältig bewahren müssten?

Ich weiss: Der Zeitgeist schätzt es gegenwärtig nicht besonders, wenn jemand diese Frage stellt. Und ich will Sie ja auch nur dazu anstiften, sich das mal zu überlegen. Gehen Sie mit Ihren Erkenntnissen also nicht gleich hausieren. Sonst heisst es, der Müllermeier wehrt sich in 99 Prozent der Fälle gegen jede Veränderung. Der ist einfach ewiggestrig. So einen können wir nicht gebrauchen!

Aber hier, unter uns, können wir uns die Frage ja dennoch mal stellen. Und dann sehen wir, dass es gar nicht so einfach ist, das zu Bewahrende richtig zu erkennen. Was könnte es bei Ihnen sein?

Eine Liste zur Anregung

Hier ein paar mögliche Kandidaten:

  • Sie sind selber auf dem richtigen Stuhl.
  • Sie haben die richtigen Leute um/unter sich.
  • Sie haben eine gute Unternehmenskultur.
  • Ihre Kommunikationspolitik ist vorbildlich.
  • Bei Ihnen kann man auf eine weiterführende Art konstruktiv streiten.
  • Querdenker werden bei Ihnen für ihre Kreativität geschätzt.
  • Sie verfügen über wertvolle Traditionen im Unternehmen.
  • Der Umgang zwischen den Menschen ist bei Ihnen von Offenheit und Respekt gekennzeichnet.
  • Sie kennen Ihre Kunden.
  • Sie wertschätzen das Know-how auch Ihrer ältesten Mitarbeitenden.
  • Ihre Produkte sind gut und auf dem Markt gesucht.
  • Bei Ihnen hat man Prozesse und Kosten im Griff.
  • Sie kennen Ihre Stärken (oder wenn Sie es lieber hören: Ihre Kernkompetenzen).
  • Erfahrung zählt bei Ihnen.
  • Ihre Organisation ist flach und schlank und setzt auf viel Eigenverantwortung.
  • Bei Ihnen stellt ein neuer Manager nicht zwingend gleich mal alles auf den Kopf.
  • Ihre Chefin hat ein klares strategisches Ziel vor Augen.
  • Bei Ihnen anerkennt man, dass die Büroklammer abschliessend erfunden ist.
  • Usw.

Verwenden Sie so eine Liste als Ihre persönliche Checkliste. Was sind die «Standbeine», die Ihnen Stabilität geben – auch in Zukunft? Welches «Sprungbein» verhilft Ihnen zur Innovation? Und welches Bein ist zu wackelig, als dass Sie sich künftig darauf verlassen könnten?

Meine Liste dient natürlich nur als Anregung. Sie müssen sie auf Ihren eigenen Bedarf zuschneiden, ändern, ergänzen, konkretisieren.

Bevor Sie die Liste abschliessen, machen Sie bitte noch einen kleinen Test: Wenn unter «Bewahren» fast nur Dinge stehen, die Sie betreffen oder Sie verantworten, und unter «Ändern» fast nur die Belange von anderen – dann gehen Sie doch einfach nochmals über die Bücher. Denn sonst wäre Ihre Liste ein wenig wie die Unschuldsbeteuerungen der Manager der Tabakindustrie: Leicht zu verstehen, aber kaum zu glauben!

«Why not»-Haltung

Wenn Ihre Liste aber gut bedacht ist und Ihnen (und anderen) klar geworden ist, was Sie auch für die Zukunft bewahren müssen, dann prüfen Sie Ihre Change-Projekte darauf hin, ob sie dies faktisch auch respektieren. Wenn nicht, riskieren Sie nämlich, vor lauter Change-Begeisterung Ihr Tafelsilber zu verscherbeln. Das wäre doch schade!

Und noch etwas: Es würde jedem Change-Manager (und überhaupt jedem Manager) gut anstehen, nicht nur darüber zu reden, was er verändern will, sondern ausdrücklich klar zu machen, was er (zumindest vorläufig) bewahren will. Und warum.

Dann wäre es nämlich – trotz Zeitgeist – möglich, die für jedes Unternehmen absolut überlebenswichtige Frage nach dem Bewahrenswerten zu stellen und zu diskutieren – ohne deswegen gleich als Verhinderer oder Bremser verschrien zu werden.

Als Nebenwirkung dieser Medizin verspreche ich jedem Change-Manager, dass es den Menschen nachher viel leichter fällt, eine «Why not»-Haltung gegenüber dem wirklich innovativen einen Prozent zu entwickeln. Wenn in der Evolution nämlich immer alle statt eines gelassenen «Why not?» ängstlich «Yes but» gesagt hätten, würden wir wohl immer noch auf den Bäumen hocken und uns gegenseitig lausen.