Karriere

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«Werte heissen Werte, weil sie uns etwas wert sind. Was umsonst ist, ist nichts wert. Die Rede ist hier von Werten, nicht von blossen Worten.» Cartoon: Silvio Erni

Werte

Von Felix Frei

Hier kommt, geschätzte Führungskräfte, eine Anregung zum Start in die neue Woche, zur Reflexion Ihrer Führungsprinzipien.

Nicht nur zwischen einzelnen Menschen spielen Werte (über Wertschätzung oder aber Abwertung) eine grosse Rolle. Auch Unternehmen verpflichten sich immer häufiger als ganze Organisation ausdrücklich auf bestimmte Werte. Diese zu respektieren soll Pflicht und Stolz für alle Unternehmensangehörigen sein.

Damit richten die Firmen zumindest an all ihre Führungskräfte, meist aber an alle Mitarbeitenden eine Botschaft, und sie erhoffen sich nicht selten, dass diese Botschaft auch aussen (auf dem Arbeitsmarkt, bei den Kunden, in der öffentlichen Wahrnehmung) gehört und begrüsst wird.

Trotz wohlklingender Worte und meist grafisch ansprechender Aufmachung dieser Werte – zum Beispiel in einem Leitbild – wird aber gar nicht immer klar, was die Botschaft wirklich besagt. Das könnte damit zu tun haben, dass verschiedene Dinge leicht durcheinandergeraten:

Werte heissen Werte, weil sie uns etwas wert sind. Dahinter steht eigentlich ein «Ich will...». Und das, was ich will (oder wir wollen), darf auch etwas kosten. Beispielsweise können wir Mut als Wert postulieren – aber wir müssen dafür mit einer gewissen Risikobereitschaft bezahlen. Oder wir fordern Verbindlichkeit – der Preis heisst Disziplin.

Es kann aber auch sein, dass etwas als Wert genannt wird, das eigentlich ein Grenzwert ist. Dahinter steht eigentlich ein «Du sollst (nicht)...». Ehrlichkeit ist ein Klassiker dafür, der vor allem fordert: «Du sollst nicht lügen». Grenzwerte haben immer ein wenig den Geruch von Moralin.

Bis hierher und nicht weiter!

Vor allem Werte können uns etwas wert sein, weil wir daran glauben, dass wir gerade damit besonders viel Erfolg haben werden. Zum Beispiel, weil wir denken, dass wir mit Mut letztlich mehr gewinnen werden. Oder weil wir überzeugt sind, dass Verbindlichkeit von Kunden geschätzt und honoriert wird.

Vor allem Grenzwerte können aber auch einfach eine moralische Entscheidung beinhalten: Bis hierher und nicht weiter! Wir versuchen alles, um Erfolg zu haben – aber nur bis zum Punkt, wo wir ehrlich bleiben können. Unabhängig davon, ob uns jemand beim Lügen erwischt oder nicht. Auch dann, wenn dadurch unser Erfolg geschmälert wird.

Ob Werte oder Grenzwerte: Ihre explizite Nennung durch (in der Regel) das oberste Management kann entweder die gelebte oder aber eine gewünschte Kultur im Unternehmen zum Ausdruck bringen. Dies muss klargestellt werden: Andernfalls resultiert ein Verlust an Glaubwürdigkeit. Denn wenn man etwas als Wert deklariert, ohne es klar als Soll zu bezeichnen, dann wird als unglaubwürdig verstanden, wenn das Ist im täglichen Erleben spürbar davon abweicht.

27 Werte kann sich eh keiner merken

Also – eine wertebasierte Führung muss deutlich machen, was sie anstrebt:

  • «Wir wollen...» oder «Du sollst (nicht) ...»?
  • Werte, um Erfolg zu haben, oder Erfolg, ohne Werte zu verletzen?
  • Ist oder Soll?

Wenn das geklärt ist, stellt sich die Frage: Warum gerade die Werte, die wir auf unsere Fahne schreiben? Warum nicht andere?

Hier können folgende Überlegungen und Anregungen hilfreich sein:

Es macht keinen Sinn, 27 Werte aufzuzählen. Die kann sich eh keiner merken. Ich fürchte, dass selbst in unseren kulturellen Breitengraden kaum jemand alle zehn Gebote aufzählen kann. Und was man nicht im Kopf hat, wird einen auch kaum bewusst lenken.

Es macht keinen Sinn, für ein Unternehmen Dinge mit grossen Worten als Wert zu formulieren, die eigentlich schon das Zivil- oder Strafgesetzbuch von uns allen verlangt (z.B. «Wir betrügen unsere Kunden nicht»).

Es macht wenig Sinn, Werte hervorzuheben, die im eigenen Kerngeschäft gar nicht wirklich gefragt sind – oder höchstens bei einem kleinen Teil der Mitarbeitenden oder Führungskräfte (z.B. Kreativität bei einer Buchprüferfirma).

Es macht wenig Sinn, Werte zu fordern, die für jedes beliebige Unternehmen wertvoll oder sogar einfach unumgänglich sind (z.B. Kundenorientierung oder Profitabilität).

Es macht hingegen viel Sinn, jene (wenigen) Werte zu formulieren, deren Befolgung oder Nicht-Befolgung einen klar erkennbaren Unterschied für das Unternehmen machen – und zwar einen Unterschied, der plausibel macht, dass die Unternehmensleitung wirklich hinter den deklarierten Werten steht.

Leitlinie für Ihr Handeln

Nur ein Unternehmen, das so gewonnene Werte deklariert, wird sie auch führungsmässig umsetzen. Für die einzelne Führungskraft – für Sie also! – hat das den Vorteil, dass Sie eine Leitlinie für Ihr Handeln in Zweifelsfällen haben. Für all jene Dinge, die nicht durch Prozesse und Reglemente und Gepflogenheiten geregelt sind. Das müsste Ihnen eigentlich viel wert sein!

Übrigens: Wissen Sie, ob sich Ihr Unternehmen auf Werte verpflichtet hat? Können Sie sie auswendig aufzählen? Haben sie Ihnen im Führungsalltag schon einmal geholfen? Glauben Ihre Vorgesetzten mit Überzeugung daran?

Und was würden Ihre Mitarbeitenden auf diese Fragen antworten?