Karriere

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Während es in der Bibel heisst, «an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen», gilt im Führungsleben: «An ihren Personalpronomen sollt ihr sie erkennen». Bild: Adobe Stock

Mit spitzer Feder aufgespiesst: «Ich»

Von Felix Frei

Psychologe Felix Frei greift wöchentlich einen zeitgeistigen Begriff aus der Managersprache auf und kommentiert mit böser Zunge.

Es soll ja Menschen geben, die glauben, Cäsar habe den Gallischen Krieg gewonnen. Doch bereits Bertolt Brecht sinnierte, ob der Feldherr nicht wenigstens einen Koch dabeigehabt habe. Heutzutage hätte Cäsar natürlich ein Managerseminar absolviert und daselbst gelernt zu sagen: «Mein Team und ich haben den Galliern eins aufs Dach gegeben.» Einzig bei der Aussprache würde ihm vielleicht der Fauxpas unterlaufen, «mein», statt «Team» zu betonen.

Personalpronomen wird im Deutschunterricht ganz offensichtlich viel zu wenig Aufmerksamkeit – Pardon: Achtsamkeit – geschenkt. Denn im Führungsalltag lauern hier gewaltige Probleme – Pardon: Herausforderungen. Wenn die Führungskraft «Wir müssen besser werden!» sagt, dann heisst das ja: «Ihr müsst besser werden!». Wenn sie sagt, «Ich habe die Prozesse gestrafft», so unterschlägt sie wie schon bei Cäsar den Koch – plus in der Regel noch ein paar weitere Mitstreiter.

Während es in der Bibel heisst, «an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen», gilt im Führungsleben: «An ihren Personalpronomen sollt ihr sie erkennen».

Es ist eben schon ein Unterschied, ob ein Geschäftsleitungsmitglied seinen Leuten sagt, «Die GL hat XY entschieden», oder ob es sagt, «Wir in der GL haben XY entschieden». Und es ist ebenso ein Unterschied, ob ein Vorgesetzter sagt, «Wir müssen das und das tun», oder ob er sagt, «Ich habe entschieden, dass wir das und das machen» (und dann auch wirklich persönlich dazu steht, dass das sein Entscheid war – selbst wenn sich die Sache als Flop erweist ...).

Die Geführten wiederum sind solidarisch im selben Spital krank. Das Wörtchen «ich» kommt auffallend selten im Zusammenhang mit Fehlern vor. Kritisierte Managemententscheide verlieren sich in einem nebulösen «die da oben». Kulturelle Missstände werden einem kollektiven «bei uns» angelastet – wobei das dabei unterstellte Wir in aller Regel ausgerechnet das Ich des Sprechers ausklammert. Natürlich nur implizit, aber doch unmissverständlich.

Und dann kommen noch die Wirtschaftsjournalisten ins Spiel. Die vereinfachen sich die Sache, indem sie flugs aus einer juristischen Person (dem Unternehmen) eine natürliche machen: Novartis hat entschieden ... UBS will ... Oder aber sie fallen ins Cäsar-Problem (das ja Brecht nicht dem Imperator und seiner Autobiografie anlastete, sondern den Geschichtsschreibern): Dann ist Facebook gleich Marc Zuckerberg. Und Apple sogar posthum oft noch Steve Jobs.

Die wahre Meisterschaft im Umgang mit Personalpronomen hat die Wirtschaftswelt jedenfalls noch nicht erreicht. Anders als die Bild-Zeitung mit ihrer unvergessenen Headline: «Wir sind Papst!».