Karriere

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Reden Sie von Kompetenzen – und Sie sind dabei. Es gibt nicht eine Kompetenz, die unerwünscht wäre. Bild: Adobe Stock

Mit spitzer Feder aufgespiesst: «Kompetenzen»

Von Felix Frei

Psychologe Felix Frei greift wöchentlich einen zeitgeistigen Begriff aus der Managersprache auf und kommentiert mit böser Zunge.

Es gab Zeiten, da kam man mit Wissen, Fertigkeiten und Fähigkeiten weit im Beruf. Wenn dann noch bekömmliche Charaktereigenschaften dazu kamen, stand einer erfolgreichen Laufbahn kaum noch etwas im Wege. Heute reicht das nicht mehr. Heute brauchen Sie Kompetenzen. Und zwar nicht zu knapp. Dies ist ein freies Land, also steht es jedem Personaler, Psychologen, Pädagogen oder Publizisten frei, neue Kompetenzen zu erfinden und Ihnen abzufordern.

Das Praktische am Kompetenz-Begriff ist, dass er stone-washed ist: Er wurde so lange in allen Laugen der Gedankenlosigkeit gewaschen, dass er keinerlei Farben und Konturen mehr hat. Aber modisch ist er. Reden Sie von Kompetenzen – und Sie sind dabei. Es gibt nicht eine Kompetenz, die unerwünscht wäre.

Das Niedliche am Kompetenz-Begriff ist, welche Trivialpsychologie dahintersteckt. Kompetenzen sind wie Apps – man hat sie geladen oder nicht. Wenn also beispielsweise Home-Office und Grossraumbüros ohne fest zugeteilte Arbeitsplätze Mode werden, dann bietet der Psychomarkt subito eine Raum-Kompetenz an (nicht meine Erfindung!): Diese geistige App müssen Sie laden, damit Sie morgens entscheiden können, ob Sie heute zuhause arbeiten oder ins Büro gehen und um einen Schreibtisch kämpfen oder ihre Ellbogen im Bürowagen der SBB-Pendler trainieren.

Das Nützliche am Kompetenz-Begriff ist, dass spätestens dann, wenn die Human-Resources-Abteilung ein wohlklingendes Kompetenzen-Modell entwickelt hat, ein Unternehmen zu glauben beginnt, sein Management würde diesem Wohlklang auch entsprechen. Zumindest das oberste.

Das Geniale am Kompetenz-Begriff ist die Wortwahl. Wenn wir jemand als kompetent im Job erleben, macht uns das happy. Selbst wenn wir ja nicht genau wissen, wie die Verkäuferin, der Barkeeper, der Schuhmacher oder die Garagistin das machen – wir spüren es, wir fühlen uns wohl, und unsere Erwartungen werden erfüllt. Und da liegt der Schluss nahe: Der Kompetente besitzt die richtigen Kompetenzen. Sicher? Und besitzt die Musikalische auch die richtige Musik? Und der Sportliche den richtigen Sport? – Nicht immer führen Assoziationen zu korrekten Schlüssen.

Das Grässliche am Kompetenz-Begriff ist, dass wir ihn nie mehr loswerden können. Es sei denn, irgendeinem Personaler, Psychologen, Pädagogen oder Publizisten gelingt es, einen noch tolleren Begriff zu erfinden, mit dem wir dannzumal noch kompetenter ausdrücken können, wer’s bringt und wer nicht. Die diesbezügliche Begriffserfindungskompetenz ist derzeit freilich noch etwas unterentwickelt.