Karriere

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Das kleine Buch «Böse Worte» von Felix Frei ist ein Bullshit-Detektor in der Welt des modernen Managements. Bild: TN

Das böse Wort der Woche: «Agil»

Von Felix Frei

Psychologe Felix Frei greift wöchentlich einen zeitgeistigen Begriff aus der Managersprache auf und kommentiert mit böser Zunge.

Wenn Sie in einer Präsentation nicht auf jeder Folie mindestens ein Mal «agil» verwenden, haben Sie die Digitalisierung verpasst. Natürlich beweist es Ihre Weltgewandtheit, wenn Sie «agile» – ätschail – sagen. Ihre Möglichkeiten sind unbegrenzt: Alles wird viel agiler sein, und Sie werden total agile Leadership praktizieren. Sie werden nur noch agile Leute einstellen. Und wer nicht über Agilität verfügt, soll sich bitte schön vom Acker machen – möglichst agil, übrigens.

Machen Sie nicht den Fehler, von «beweglich» zu reden: Da würden Ihre Leute vorschnell meinen, verstanden zu haben, um was es Ihnen geht. Das wäre fatal – denn schliesslich ist die Sache ja keineswegs trivial.

Hüten Sie sich davor zu definieren, was Sie unter «agil» verstehen. Das schränkt Sie nur unnötig ein. Besser noch: Je schwammiger und vieldeutiger Sie den Begriff verwenden, desto deutlicher werden Sie sehen, was Ihre Leute draufhaben.

Deren geistige Agilität erweist sich nicht zuletzt in der Lesart neuer theoretischer Konzepte. Wer hier eine grosse strategische Elastizität beweist, ist sicherlich besser geeignet für die Arbeitswelt der Zukunft als jene Hinterbänkler, die leider partout nicht zur Kenntnis nehmen wollen, was der Zeitgeist künftig fordert.

Wichtig ist, dass Sie die Trumpfkarte der Agilität immer als Erster ziehen. Nur dann sticht sie. Das geht so: Wenn Ihnen morgens unter der Dusche eine Idee kommt, dann bringen Sie die baldmöglichst ein – in welchem Gremium und bei welcher Thematik auch immer. Jedes stirnrunzelnde «Ja, aber ...» Ihrer Umgebung ist die entscheidende Gelegenheit, den Trumpf der Agilität zu spielen. «Wie sollen wir die in Zukunft zwingend erforderliche Agilität erreichen, wenn nicht einmal un- sere eigenen Leute geistig flexibel genug und aufgeschlossen für neue Ideen sind?»

Wenn Sie – rege und behände – als Erster den agilen Trumpf spielen, gehört der Punkt Ihnen.

Das wahrhaft Demokratische am Konzept der Agilität ist übrigens seine Nicht-Hierarchität: Dass Sie den Agilitätstrumpf nach unten spielen können, ist logisch. Genial ist aber, dass Sie den auch nach oben spielen können. Zwar nimmt Ihnen Ihr Chef übel, wenn Sie zuerst sind. Aber er wird Ihnen öffentlich recht geben müssen, und dieser Punktgewinn vor Ihren Peers ist unbezahlbar. Dass es Ihren Chef wurmt, können Sie im Rahmen der üblichen Chefpflege wieder gutmachen. Loben Sie ihn für seine strategische Weitsicht, und teilen Sie mit ihm Ihren Kummer über die vielen noch immer nicht-agilen Leute in Ihrem Unternehmen.