Karriere

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Schon wieder ging etwas schief... Nicht das Scheitern gilt es zu fürchten, sondern die Lesart davon. Bild: Adobestock

Auch Scheitern will gelernt sein

Von Felix Frei

Mit jedem Scheitern winken auch neue Opportunitäten und mögliche Erfolge, schreibt Psychologe Felix Frei – und er wartet mit einem Tipp auf.

Zu scheitern beraubt uns der Illusion, alles sei machbar. Das verletzt unseren Stolz, und es nagt an den stützenden Pfeilern unserer subjektiven Sicherheit. In schöner Ironie beruhigen wir uns ja vor dem ungewissen Ausgang eines Vorhabens mit einem präventiven «Es wird schon schiefgehen.»

Wann sind Sie das letzte Mal gescheitert? Bei einer Stellensuche? Bei einem Liebeswerben? Beim Anspruch auf höheren Lohn? Bei einem Kreuzworträtsel? Beim Versuch, Ihren Chef zu beeindrucken? Beim Bemühen, ein Projektziel zu erreichen? Mit einem gewagten Unterzug beim Jassen?

Wir haben vierundzwanzig Stunden am Tag die Chance zu scheitern – selbst das Einschlafen kann uns ja misslingen. Scheitern fühlt sich nicht gut an. Erfolge dagegen überschwemmen unser Gehirn mit glücksstimulierenden Hormonen, was – wie andere suchtgefährliche Mittel – nach mehr ruft. Scheitern dagegen versuchen wir so rasch als möglich aus unserer Erinnerung zu vertreiben.

Listen Sie Ihr Scheitern auf

Und dann erst können wir beginnen, die Dinge in einem anderen Licht zu sehen. Listen Sie für sich einmal auf, was alles Sie schon als Scheitern in Ihrem Leben empfunden haben, und schreiben Sie dann daneben, was anstelle des nicht erreichten Erfolgs entstanden ist. Eine solche Bilanz kann interessant werden.

Was hätten wir nicht alles verpasst, wenn wir uns nicht öfter auf neue Ziele hätten besinnen müssen, nachdem wir an anderen – warum auch immer – gescheitert sind. Fatalismus ist daraus nicht abzuleiten. Es lohnt sich, weiterhin anzustreben, was uns erstrebenswert erscheint, und in Kauf zu nehmen, damit zu scheitern. Aber wenn wir dann gescheitert sind, können wir den Blick auf die nächste Gelegenheit und unsere Energie aufs nächste Ziel richten. Lottospieler machen das wider besseres Wissen unermüdlich Woche für Woche...

Interessanterweise stellen wir uns ja analoge Fragen nicht, wenn wir erfolgreich waren. Wir freuen uns über unser Glück (seltener) und sind stolz auf unsere Leistung (öfter). Und wir erinnern uns gerne und lange daran. Aber wir fragen uns kaum je, ob wir dabei überhaupt das richtige Ziel verfolgt haben und welche anderen Ziele wir dafür ausser Acht gelassen haben. Mit anderen Worten: Hinter jedem Erfolg versteckt sich vielleicht ein Scheitern! Während uns, wie oben gezeigt, mit jedem Scheitern auch neue Opportunitäten und mögliche Erfolge winken.

Vom US-amerikanischen Geschäftsleben wird erzählt, wer nicht mindestens einmal grandios gescheitert sei, der tauge unternehmerisch nichts. Hierzulande sei das dagegen ein Makel, den es möglichst zu verbergen gelte. Ob das so schwarz-weiss gilt, darf man bezweifeln, aber es zeigt zumindest, dass nicht das Scheitern als solches zu fürchten ist, sondern unsere Lesart davon: Wie wir es interpretieren, wie wir unsere Rolle und die der anderen oder des Zufalls (will sagen: Schicksal, Pech) sehen – das entscheidet über unsere Gefühle. Und darüber, was wir letztlich aus unserem Scheitern machen und lernen.

Was bei Samuel Beckett steht, ist wohl nicht das schlechteste Mantra, das wir uns vornehmen können: «Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.»