Karriere

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Wo jemand seine Intelligenz primär dafür einsetzt, zu zeigen, was für ein toller Hecht er ist und wie viel besser als alle anderen um ihn oder unter ihm, da ist der Schaden dieser Intelligenz schnell einmal grösser als der Nutzen. Bild: Adobe Stock

Was machen Sie mit Ihrer Intelligenz?

Von Felix Frei

Ob Sie mit Ihrer Intelligenz andere stärker oder schwächer machen, lautet die Frage, die Psychologe Felix Frei stellt.

Sie werden es gehört haben: Unternehmen wollen überall die besten Leute, die Wägsten und Brävsten. Bewundernd sagt man von einem Kandidaten – für welchen Job auch immer –, er sei sehr intelligent. Ein kluges Kerlchen eben (oder eine kluge Frau).

Ist Intelligenz tatsächlich immer eine gute Sache? Es kommt drauf an. Und zwar nicht nur auf die Anforderungen des Jobs (die wir hier einmal weglassen wollen). Es kommt drauf an, was Sie mit Ihrer Intelligenz (oder Ihrer Fachkompetenz oder Ihren Talenten oder Ihren Erfahrungen) machen:

Machen Sie mit Ihrer Intelligenz andere stärker oder schwächer?

Wenn ich mich bei der Beurteilung von Führungskräften auf ein einziges Kriterium beschränken müsste, dann würde ich diese Frage stellen. Auch in der Beurteilung der Eignung von Nicht-Führungskräften ist die Frage zentral, denn heute müssen immer mehr Menschen mit immer mehr Menschen kooperieren können. Bei Führungskräften zeigt sich die Bedeutung dieser Frage nur deshalb besonders deutlich, weil Führungskräfte eine gewisse Macht haben, die sie auch missbrauchen können.

Es gibt solche und solche

Wo jemand seine Intelligenz primär dafür einsetzt, zu zeigen, was für ein toller Hecht er ist und wie viel besser als alle anderen um ihn oder unter ihm, da ist der Schaden dieser Intelligenz schnell einmal grösser als der Nutzen. Wo jemand seine Intelligenz primär dafür einsetzt, andere – neben, unter oder über ihm – stärker zu machen, da ist sie eine unzweifelhaft gute Sache. Davon wünschte man sich mehr.

Sie werden solche und solche kennen. Aber es hilft nichts, wenn Sie jetzt kräftig über die herziehen, mit denen Sie diesbezüglich schlechte Erfahrungen gemacht haben. Worauf Sie Ihr Augenmerk vielleicht lieber richten würden, ist die Frage: Mache ich mit meiner Intelligenz andere stärker oder schwächer?

Absicht und Wirkung sind leicht zu verwechseln. «Ich wollte dir ja nur zeigen, wie man es noch besser machen könnte» ist die vielleicht redliche Absicht, «Warum muss er mir jetzt wieder unter die Nase reiben, wie doof ich bin?» vielleicht die faktische Wirkung. Es kommt wohl auf ganz Verschiedenes an: Wie ist der Tonfall? Wie ist die «Chemie» der Beziehung? Wie ist der gegenseitige Respekt? Wie intelligent ist die Intelligenz wirklich, respektive: was ist eher Einbildung? Wie waren frühere Erfahrungen mit der anderen Person und deren Intelligenz? – Auf die Absicht kommt es hier fast gar nicht an: Manch einer wirkt als stärkendes Vorbild für andere, ohne dass er sich dessen überhaupt bewusst ist.

Was also tun? Wohlfeile Tipps gibt es nicht. Richtig ist sicher, die persönlichen Erfahrungen mit der Intelligenz anderer zu durchleuchten und daraus zu lernen. Wichtig ist aber auch, dann nicht einfach von sich auf andere zu schliessen. Es gilt: Achten Sie bewusst darauf, ob Sie nicht unabsichtlich andere schwächen, indem Sie selbst möglichst gut sind. Achten Sie auf Ihre Wirkung, nicht auf Ihre Absicht.

Tröstlich, umgekehrt: Manchmal macht vermutlich eher unsere Dummheit andere stärker. Umso besser. Keiner ist so schlecht, dass er nicht wenigstens als abschreckendes Beispiel dienen könnte.