Karriere

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So präsentiert sich heute die Webseite von DER Touristik: Die Anerkennung der zentralen Themen des Frauenstreiks ist vorhanden. Aber wird dies auch zu Änderungen führen? Und tun die (Reisebranchen-) Frauen genug in ihrem eigenen Interesse? Bildmontage: TN

Kommentar Der Frauenstreik lässt die Reisefrauen weitgehend kalt

Von Jean-Claude Raemy

Heute wird am Frauenstreik landesweit für Lohngleichheit und faire Karrierechancen sowie gegen sexuelle Gewalt und tiefere Renten gekämpft. Die Reisebranche wäre auch betroffen: Frauen sind in Kaderpositionen unterrepräsentiert und wegen Teilzeitarbeit etc. auch tieferen Renten ausgesetzt. Die meisten Reisebranchenfrauen bleiben der Diskussion - und dem Streik - aber offenbar fern.

Travelnews hat bereits vor einem Monat gefragt, ob am heutigen 14. Juni die Reisebranche wegen dem landesweiten Frauenstreik stillstehen würde. Davon ist angesichts der Rückmeldungen auf Umfragen bei Arbeitnehmern und Arbeitgebern der Reisebranche sicher nicht auszugehen. Wir haben dann letzte Woche nochmals nachgefragt, ob es denn aus Sicht der Arbeitnehmenden wirklich so sein, wie es die Grossveranstalter gerne kolportieren - nämlich, dass die Arbeitsleistung bei Frauen und Männern gleich entlöhnt wird. Niemand weiss genau, ob dem so ist.

Unser Aufruf zu Feedback verhallte weitgehend. Es gab schon vereinzelt Feedback, etwa von Barbara Wohlfahrt (Reiserezept, Affoltern a.A.): «Es war oft so, ich war besser qualifiziert, doch die Kaderjobs bekamen Männer [...]. Ich war fachlich top qualifiziert, aber hatte mit Kind im Hintergrund trotz 100%-Pensum keine Karrierechance. [...] Mir persönlich blieb nur der Weg in die Selbständigkeit, um Ernst genommen zu werden. Ich will Karriere machen. Schaut man sich die Topkader in der Reisebranche an, dann sind dort trotz 80% Frauen an der Front fast nur Männer vertreten. Es gibt ganz klar eine gläserne Decke in der Reisebranche. Der Frauenstreik ist wichtig, meine Firma Reiserezept hat an diesem Tag zu. Weil gerade in der Reisebranche ist die Gleichberechtigung nicht vorhanden. Junge Frauen die was anders sagen, sind einfach zu wenig lange dabei oder stiessen noch nicht an die gläserne Decke.»

Das Büro bleibt auch bei Nathalie Sassine (Webook.ch) geschlossen. Auch sie hat den Weg in die Selbständigkeit genommen und inzwischen sieben Angestellte - allesamt Mütter. Auch sie hat sich bei uns gemeldet und ist heute an vorderster Front auf der Strasse mit dabei. Feedbacks von Mitarbeitenden aus grösseren Reisebranchen-Gebilden? Fehlanzeige.

Lohngleichheit in der Reisebranche?

Wir haben auf anderem Weg versucht, an Daten zu kommen. Es gibt beispielsweise «Salarium», den statistischen Lohnrechner der Eidgenossenschaft. Basiert zwar auf Daten von 2016, aber immerhin. Wenn man dort diverse Varianten durchspielt, wird man schnell merken, dass der Medianlohn für Frauen in der Regel kleiner ist als für Männer. Nur wer bei der Branche nach Daten von Nr. 79 «Reisebüros, Reiseveranstalter und Reservierungsdienstleistungen» sucht, erhält keine Angaben. Da war auch beim Bund die Datenlage anscheinend zu dünn.

Die Daten entstammen einer Modellrechnung und basieren auf den im Jahr 2016 effektiv ausbezahlten Löhnen. Interessanter Hinweis des BFS: «Die Ergebnisse können aus gleichstellungsrechtlicher Sicht möglicherweise verfassungswidrig sein (Art. 8 Abs. 3 BV) und gegen das Diskriminierungsverbot (Art. 3 GlG) sowie das Recht auf Inländerbehandlung gemäss dem Freizügigkeitsabkommen Schweiz-EU verstossen.» Gab's deswegen einen Aufschrei? Nö.

Tja, liebe Frauen, eigentlich darf man das gerade heute nicht sagen, aber wenn ihr was ändern wollt, dann müsst ihr schon auch dafür sorgen, dass Fakten auf dem Tisch liegen und dass man euch hört. Die Schweiz ist in Sachen Gleichstellung ziemlich weit hintendrein. Das Frauenstimmrecht auf Bundesebene gibt's seit gerade mal 48 Jahren, das Gleichstellungsgesetz (wonach Frauen nicht mehr am Arbeitsplatz diskriminiert werden dürfen) seit 23 Jahren - ohne dass dadurch aber wirklich eine klare Lohngleichheit Tatsache wurde. Den Anspruch auf 14 Wochen vergüteten Mutterschaftsurlaub gibt's erst seit 14 Jahren, seit gerade mal fünf Jahren darf Frau hierzulande auch den eigenen Familiennamen nach der Hochzeit behalten. Für diese Rechte wurde gekämpft und lobbyiert. Das ist auch die Idee hinter dem heutigen Frauenstreik - welcher offenbar mit nur sehr wenigen Vertreterinnen der Reisebranche steigen wird.

Dafür mangelt es nicht an «Solidaritätszeichen». DER Touristik Suisse nennt sich heute einen ganzen Tag lang «DIE Touristik Suisse». Trittbrettfahren? Nun ja, DER Touristik Suisse hat immerhin 50% Frauen in der Geschäftsleitung, 62% Frauen in Führungspositionen und flexible Arbeitszeit-Modelle. Davon können sich andere Unternehmen was abschneiden. Und was ist mit den KMU? Auch solche können mit etwas gutem Willen viel Flexibilität bieten. Sicher ist auf jeden Fall, dass die Welt heute wegen dem Streik nicht untergehen wird. Dafür sorgen die Frauen schon.