Karriere

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Es ist eine faule Ausrede, zu sagen: «Ich bin nun mal, wie ich bin». Bild: Adobe Stock

Ich bin, wie ich bin. – Schade.

Von Felix Frei

Jeder Mensch ist durch sein Temperament, seine Persönlichkeit und seine Individualität geprägt. That's it? Psychologe Felix Frei appelliert, es zu wagen, eine neue Seite an sich zu entdecken.

Wo immer sich jemand an der Eigenart eines anderen stört – Sie an Ihrer Chefin oder Ihre Chefin an Ihnen oder auch Kollegen untereinander – dann taucht das Sätzchen auf: «Ich bin nun mal, wie ich bin.» Als würde dies alles entschuldigen. Als würde es überhaupt etwas entschuldigen.

Was würden Sie mir wohl sagen, wenn ich Sie pauschal für lernunfähig erklärte? Eben.

Es gibt freilich beides: Ziemlich fest Verdrahtetes in uns und Bereiche, in denen wir uns ein Leben lang weiterentwickeln können. Man sollte in seinen Erwartungen an sich und andere diese Bereiche bloss nicht verwechseln. Und man sollte die Verwechslung nicht als faule Ausrede missbrauchen. Dröseln wir die Dinge ein wenig auf:

Jeder Mensch ist in seinem Kern durch ein Temperament geprägt. Es ist biologisch angeboren und ändert sich so gut wie nicht über die Lebensspanne. Ihr Temperament müssen Sie also als solches respektieren – aber Sie müssen auch lernen, sich so zu verhalten, dass es Ihnen keine unnötigen Schwierigkeiten macht. Vielleicht werden Sie eben schneller und heftiger wütend als andere – aber das heisst nicht, dass Sie Ihre Wut an jemandem auslassen müssen. Sie können auch lernen, Ihre Wut zu beherrschen.

Weiter ist jeder Mensch durch seine Persönlichkeit geprägt. In zumindest fünf Aspekten bleibt diese Persönlichkeit – wenn sie so etwa Mitte dreissig voll entwickelt ist – für den Rest des Lebens weitgehend stabil. Diese Aspekte sind: Extraversion/Introversion (wie leicht gehen Sie auf andere Menschen zu), Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Ängstlichkeit/Zwanghaftigkeit sowie Offenheit für neue Erfahrungen. Auch hier gilt: Sie müssen nicht ein anderer werden wollen. Aber Sie müssen sich kennen und bereit sein, einen besonderen Effort dort zu leisten, wo es Ihnen Ihre Persönlichkeit nicht leicht macht.

Sie müssen willens sein, den Spielraum auszunutzen

Schliesslich hat jeder Mensch eine Individualität, die nicht nur Temperament und Persönlichkeit umschliesst, sondern alle biografischen Er- fahrungen und Erlebnisse sowie alles, was man gelernt hat. Und da ist Ihr Spielraum praktisch unbegrenzt. Nur müssen Sie bereit und willens sein, diesen Spielraum auch auszunutzen. Sie müssen sich mit neuen und anderen Erfahrungen und Situationen konfrontieren und so Ihre Individualität bereichern. Es braucht auch hier gewiss einen ganz besonderen Effort, denn es ist viel bequemer, sich nicht zu entwickeln. Aber ist es auch ein interessantes Leben?

Wenn Ihnen also die Entschuldigung/Ausrede «Ich bin, wie ich bin» auf der Zunge liegt, beissen Sie die Zähne fest zusammen. Verscheuchen Sie den Gedanken und sprechen Sie ihn schon gar nicht aus. Fragen Sie sich stattdessen, was Sie tun/wagen/lassen/ändern könnten, um eine neue Seite an sich zu entdecken. Machen Sie neue Erfahrungen. Gehen Sie das Risiko ein, zu scheitern. Scheitern Sie das nächste Mal eleganter. Freuen Sie sich, wenn Sie wieder einmal über Ihren Schatten springen konnten.

Erkennen Sie realistisch, wie Sie sind. Doch leiten Sie daraus nicht ab, dass das auch schon alles war. Das wäre wirklich schade. Es steckt mehr in Ihnen, als Sie sich selbst vielleicht zutrauen.