Karriere

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Stellen Sie sicher: sind die vereinbarten Ziele aus Ihrer Sicht wirklich S.M.A.R.T. (spezifisch, messbar, aktiv beeinflussbar, realistisch, terminiert)? Bild: Adobe Stock

Zu viel Zielfixierung führt in die Hundekurve

Von Felix Frei

Wo das Konzept «Management by Objectives» an Grenzen stösst und was eine Hundekurve ist, erklärt Psychologe Felix Frei.

Falls Sie selbst keine Führungskraft sind, haben Sie es vielleicht nur selten mit Managementkonzepten zu tun – mit einer Ausnahme: Das Führen über Zielvereinbarungen, vor über sechzig Jahren vom grossen Peter F. Drucker erfunden, ist inzwischen derart verbreitet, dass Sie mit aller Wahrscheinlichkeit auch davon betroffen sind. MbO (Management by Objectives), wie das heisst, grenzte sich ab gegen eine Führung durch Befehle: Mach jetzt das und dann dies und schliesslich jenes! An Stelle solcher Befehle sollten Ziele treten: Das musst du erreichen, finde selbst deinen Weg (wobei du diese Mittel hast und jene Rahmenbedingungen berücksichtigen musst). So weit eine gute Sache, denn sie baut auf Ihre Verantwortung und stärkt sie gleichzeitig.

Wie bei jedem in die Jahre gekommenen Konzept gibt es aber auch ausgeleierte Anwendungen davon. Dazu gehören die Fälle, wo jemand mit seiner Aufgabenbeschreibung genügend genau weiss, was er oder sie zu tun hat (eine Empfangsdame soll immer freundlich sein; sie braucht kein messbares Ziel von der Art «In achtzig Prozent der Fälle höflich grüssen» – wenn ich das mal überspitzen darf). Weiter gehören dazu die Fälle, wo etwas zum Ziel wird, weil es einfach messbar ist – auch wenn es eigentlich den Sinn der Sache nicht trifft (ganz so wie in der Sowjetunion, wo Schraubenfabriken im Fünfjahresplan eine Tonnenvorgabe erhielten, worauf sie nur noch Riesenschrauben produzierten, die kein Mensch brauchte, was in dem Fall nicht ich, sondern die Planwirtschaft überspitzte). Natürlich ist es primär die Aufgabe des Managements, ausgeleierte Anwendungen des MbO zu erkennen und zu korrigieren.

Aber das System funktioniert ja via Zielvereinbarungen. Das heisst, dass Sie als Vereinbarungspartner auch eine Verantwortung tragen, nicht nur Ihre Chefin. Immer vorausgesetzt natürlich, dass es wirklich eine Zielvereinbarung und nicht eher eine Zielverkündigung ist... Ihre Verantwortung ist es zunächst, aufgrund Ihrer Fachkompetenz und Ihrer Sachkenntnis sicherzustellen, dass die vereinbarten Ziele aus Ihrer Sicht wirklich S.M.A.R.T. sind (spezifisch, messbar, aktiv beeinflussbar, realistisch, terminiert). Und Sie müssen danach – auf dem Weg zur Zielerreichung – merken, wenn sich die Voraussetzungen dieser Zielvereinbarungen geändert haben.

Sie müssen Ihrer Chefin aufzeigen können, wenn sich unterjährig Entscheidendes ändert

Wenn ein Hund einen Fluss durchschwimmt, weil er zu Herrchen auf der anderen Uferseite gelangen will, so nimmt er dieses Ziel fest in den Blick und schwimmt unbeirrt darauf zu. Da ihn das Wasser des Flusses aber abtreibt, beschreibt er von oben betrachtet eine ganz und gar ineffiziente Kurve und schwimmt einen viel zu langen Weg: die berühmte Hundekurve.

Natürlich sind Sie intelligenter als dieser Vierbeiner und würden mit einem geeigneten Vorhaltewinkel gegen den Strom schwimmen und so in objektiv gerader Linie ans Ziel kommen. Genau diese Intelligenz zu haben, gehört auch in Ihre Verantwortung beim MbO. Denn Sie sind am Schwimmen. Sie spüren die Strömung. Sie müssen Ihrer Chefin aufzeigen können, wenn sich unterjährig Entscheidendes ändert (und warum), so dass Ihre Zielvereinbarung überdacht werden muss. Das zu ignorieren und stattdessen unbeirrt weiter auf das Ziel hinzuschwimmen, führt nur in eine nutzlose Hundekurve.