Karriere

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Warten darauf, dass der andere den ersten Schritt macht, scheint eine äusserst beliebte Verhaltensweise auf allen hierarchischen Stufen in Unternehmen zu sein. Bild: Adobe Stock

Die da oben/unten sollten endlich einmal...

Von Felix Frei

Psychologe Felix Frei erläutert den Teufelskreis, in dem viele Firmen gefangen sind – und wie man diesen durchbrechen kann.

Immer wieder habe ich als Unternehmensberater das Privileg, in Firmen mit Menschen sämtlicher Hierarchiestufen zu reden. Ein typisches Muster wiederholt sich dabei oft: Ich spreche mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ohne Führungsverantwortung, und wir reden über das Problem, das mich ins Unternehmen geführt hat. Ich frage sie: «Warum tun Sie denn nicht X? Damit würde die Sache doch schon besser.» Man antwortet mir: «Stimmt. Wir täten X ja gerne, aber dazu müsste unsere Teamleiterin Y machen.» Das leuchtet mir dann sofort ein, und ich gehe zu den Teamleitern.

Diese sagen mir, es sei schon so – bloss könnten sie Y nicht tun, solange ihre Abteilungsleiter nicht Z sicherstellten. Auch das leuchtet mir selbstredend sofort ein. Und so wandere ich mit meinen Gesprächen die Hierarchieleiter hinauf, bis ich schliesslich beim CEO lande und dem Buchstaben, den dieser zu leisten hätte. Auch der pflichtet mir mit Überzeugung bei, weist aber darauf hin, dass er seinen Teil erst erfüllen könne, wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ganz zuunterst endlich X anpackten. Und auch das leuchtet mir sofort ein.

So schliesst sich der Argumentationskreis. Und alle haben sie recht.

Das Traurige an diesem Karussell ist, dass es ewig weiterdrehen kann. Auch die Musik ändert sich nie. Und überhaupt ändert sich so nichts. Es ist ein Teufelskreis.

Das Gute an einem Teufelskreis ist, dass es völlig egal ist, an welcher Stelle man ihn durchbricht. Hauptsache, man durchbricht ihn endlich. Dann ändert sich etwas. Klar: Es ist nicht sicher, dass die Dinge besser werden, wenn sich etwas ändert. Aber sie werden nur besser, wenn sich etwas ändert.

Sie können warten – bis zum St. Nimmerleinstag

Wann haben Sie zum letzten Mal gesagt oder gedacht, Sie würden ja gerne mehr Verantwortung übernehmen, selbstständiger entscheiden, mehr Initiative ergreifen, anderen Hilfe leisten, fürs Ganze denken und handeln, Termine besser einhalten, Betroffene von sich aus informieren, mit Dritten zusammenarbeiten – oder was auch immer Ihr X ist –, wenn nur Ihre Vorgesetzte (oder aber Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter) ...?

Warten darauf, dass der andere den ersten Schritt macht, scheint eine äusserst beliebte Verhaltensweise auf allen hierarchischen Stufen in Unternehmen zu sein. Obwohl alle dabei die Erfahrung machen, dass sie lange, sehr lange warten können. Meist bis zum St. Nimmerleinstag.

Natürlich haben Sie recht, wenn Sie darauf hinweisen, dass es aber doch in der Verantwortung der anderen – jenen da oben oder unten oder vorne oder hinten – läge, den ersten Schritt zu tun. Nur dass Ihnen das absolut nichts nützt. Ausser natürlich, dass Sie recht behalten!

Cleverer ist es wahrscheinlich, sich stattdessen zu fragen: «Was kann ich tun?» Zugegeben, das artet womöglich in Arbeit aus, gibt dafür aber das Gefühl, der Spielmacher zu sein. Auf welcher hierarchischen Ebene Sie dabei stehen, ist glücklicherweise völlig egal.