Karriere

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Immer wieder lassen wir uns von der allgemeinen Hektik aller anstecken und packen vieles allzu übereilt an. Bild: Adobe Stock

Nicht Vollgas führt zuerst ins Ziel, sondern Denken

Von Felix Frei

Gemach, gemach: Psychologe Felix Frei findet, dass Vorausdenken mehr Gewinn bringen würde als die Hopp-hopp-Mentalität.

Beschleunigung ist vielleicht das Merkmal unserer Zeit. Unternehmen verkürzen ihre «Time to Market» – also die Zeit von der Entwicklung eines Produkts bis zu seiner Marktreife – und beschleunigen ihre internen Abläufe durch eine konsequente und systematische Prozessorientierung und -beherrschung.

Auch im persönlichen Alltag muss immer alles schneller gehen. Die Computerleistung und die Internetbandbreite, die Ihnen heute als zu knapp erscheinen, übertreffen die kühnsten Träume, die Sie noch vor wenigen Jahren hatten. Wer eine E-Mail absendet und nach fünf Minuten keine Antwort hat, hakt gerne schon mal mit einer SMS nach, um zu fragen, ob denn die Nachricht nicht angekommen sei.

Die Informationsverarbeitung etwa im Finanzwesen steht unter einem derartigen Geschwindigkeitsdruck, dass ein Finanzinstitut einen dreistelligen Millionenbetrag investiert, um die Datenübertragung zur Börse pro Transaktion um ein paar Millionstelsekunden zu beschleunigen – denn mit diesem Vorsprung lässt sich viel Geld verdienen. Und auch der öffentliche Verkehr investiert Millionen, um eine Strecke um ein paar Minuten zu verkürzen.

Ist schneller wirklich immer besser?

Vollgas allenthalben! Und offenkundig mit Erfolg! Doch gilt dies auch für unsere Arbeit? Ist auch da schneller wirklich immer besser? Mir scheint, wir haben heute ein Geschwindigkeitsproblem. Wir haben beispielsweise viele Tools, die helfen, die Arbeit zu beschleunigen. Wie leicht ist es etwa, eine passable Präsentation in kürzester Zeit zu erstellen. Wie leicht wäre es, müsste man sagen, denn es zählt zur Ironie der Geschichte, dass wir die eingesparte Zeit durch eine Detailversessenheit wieder verlieren, die zur Qualität der Präsentation kaum noch beiträgt, aber liebevolles und stundenlanges Basteln an überflüssigen grafischen Details erlaubt. Dort, wo wir Zeit gewinnen, wissen wir sie also oft nicht zu nutzen.

Immer wieder lassen wir uns von der allgemeinen Hektik aller anstecken und packen vieles allzu übereilt an. Menschen neigen dazu, sich im Rhythmus an ihre Umgebung anzupassen. Es braucht schon Nerven, um ohne schlechtes Gewissen bedächtiger voranzugehen als alle anderen (zum Beispiel als der vielleicht hoch getaktete eigene Chef!). Dabei weiss man, dass ununterbrochen Vollgas zu geben keineswegs die kürzeste Fahrzeit, sondern allenfalls den längsten Spitalaufenthalt bedeutet.

Übers Ganze gesehen würde statt permanenter Hopp-hopp-Mentalität in jeder Lage Vorausdenken meist mehr Gewinn bringen: Muss ich das tatsächlich tun? Muss ich es tun? Muss es so genau/ausführlich/detailliert/perfekt getan werden? Muss es jetzt sein?

Das würde sich auszahlen: Denn bedachter und sorgfältiger vorgehen hilft, die richtigen Dinge und die Dinge richtig zu tun. Doch das gilt aber nur, wenn man statt zu «hypern» tatsächlich bedachter und sorgfältiger vorgeht – nicht einfach bloss langsamer. Denn Gas geben muss man mitunter schon auch.

Es ist schwierig, die richtige Geschwindigkeit zu finden. Oder ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass jeder, der langsamer als Sie fährt, ein Idiot, und jeder, der schneller als Sie fährt, ein Verrückter ist?