Karriere

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Dem Arbeitskollegen oder dem Chef gilt es zu sagen, was einem gut gefällt oder nicht passt. Bild: Adobestock

Ohne Resonanz sind wir niemand

Von Felix Frei

Zu lernen, seinen Kolleginnen und Kollegen – und auch dem eigenen Chef – bewusst und gezielt die Resonanz zu geben, die wir tatsächlich meinen, gehört ins Pflichtenheft für Geführte, sagt Psychologe Felix Frei.

Wir sind Sozialwesen. Wir brauchen Resonanz aus dem sozialen Umfeld: eine Reaktion, einen Widerhall, ein explizites Feedback – kurzum, ein Zeichen, dass wir wahrgenommen wurden. Schon ein Säugling sucht und braucht den Blickkontakt mit der Mutter – und bis zu unserem Lebensende nehmen wir wahr, ob und wie man uns wahrnimmt. Resonanz ist ein wertfreier Begriff. Er gilt dafür, dass man uns lobt oder wertschätzt, wie auch dass man uns tadelt oder abwertet. Unsere Identität baut sich darüber auf. Ohne Resonanz sind wir niemand. Die Resonanz, die wir bei anderen finden, prägt mit, wer wir sind.

Mit den modernen sozialen Medien ist eine gigantische Maschine entstanden, die diesem urmenschlichen Resonanzbedürfnis vielfältigste Befriedigungsmöglichkeiten verschafft. Wir zählen Followers und ergatterte Likes. Wir verschaffen uns selbst Resonanz mit Selfies. Wir haben die Macht, alle und alles zu bewerten. Und wir werden laufend bewertet. Das mag manch einem bescheuert vorkommen. Ich kann Sie beruhigen: Neu daran ist nur die technische Lösung – das Problem ist so alt wie die Menschheit.

Mehr als ein neutrales, unverbindliches Echo

Betrachten wir nun aber einmal nur die eine Hälfte des Themas: Die Resonanz, die wir anderen geben. Lassen wir die andere Hälfte – welche Resonanz wir bekommen – weg. Die Resonanz, die wir anderen geben, ist nicht nur einfach unsere Reaktion darauf, wie diese anderen sind oder sich verhalten. Sie ist vielmehr eine Ursache dafür, wie diese sind oder sich verhalten. Zwar nur eine, aber immerhin.

Daraus resultiert für uns die Chance (man könnte auch von einer Pflicht sprechen), heute zu beeinflussen, mit wem wir es morgen zu tun haben. Diese Chance vergeben wir uns, wenn die Resonanz, die wir geben, stets bloss ein neutrales und unverbindliches Echo ist – sei es beispielsweise, weil wir zu neidisch sind, um einen Kollegen zu rühmen, oder zu ängstlich, um eine Kollegin zu kritisieren. Oder den Chef. «Ich brauche keinen Freund, der sich jedes Mal mit mir verändert und mein Kopfnicken erwidert, denn das tut mein Schatten besser», sagte der griechische Philosoph Plutarch (um 45–125 n.Chr.).

Wenn wir also wollen, dass sich unsere Kollegen – und unser Chef übrigens auch – auf eine gute Weise weiterentwickeln, dann sollten wir wohl bedenken, welche Resonanz wir ihnen geben: Womit erhalten sie am ehesten Resonanz von uns (und wann beachten wir sie gar nicht)? Wann und wie sagen wir ihnen, wenn uns etwas nicht passt (oder wirklich gut gefällt)? Wo und warum sagen wir Dritten über sie etwas ganz anderes als direkt zu ihnen? Auf welchen Kommunikationsschienen drückt sich diese Resonanz aus (etwas direkt anzusprechen, ist ja nur eine unter vielen Möglichkeiten)?

Was bisher nur im Lehrbuch für Führungskräfte unter Titeln wie «Mitarbeitergespräch» oder «Feedback» abgehandelt wurde, gehört zwingend ins Pflichtenheft für Geführte: Zu lernen, seinen Kolleginnen und Kollegen – und auch dem eigenen Chef – bewusst und gezielt die Resonanz zu geben, die wir tatsächlich meinen. Erwarten Sie keine Wunder. Die Resonanz, die Ihre Resonanz auf andere wiederum auslöst, ist nicht immer gefreut. Gemessen daran, wie erfolgreich Sie schon als Säugling Ihre Mutter steuern konnten, haben Sie jedoch eine faire Chance, in Ihrer Arbeit positive Resonanz zu erzeugen.