Karriere

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Ärger über den Chef, Ärger über die Kollegen, Ärger über Kunden. Bild: Adobe Stock

Mensch, ärgere dich!

Von Felix Frei

Es gilt das Gute im Ärger zu erkennen, schreibt Psychologe Felix Frei – und er erklärt den Begriff «resignative Reife».

Wahrscheinlich gehört es bei vielen Familien ebenso fest zum Abendessen wie das berühmte Amen in die Kirche: das Berichten über Ärgernisse im Geschäft. Ärger über die Chefin, Ärger über Kollegen, Ärger über Kunden, Ärger über Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – und nicht zuletzt: Ärger über mangelnde Ressourcen oder schlechte technische Mittel. Bei den Jüngeren unter Ihnen findet das vielleicht nicht beim Familienabendessen, sondern im Work-out, beim Apéro, auf Facebook oder sonstwo statt – aber es findet statt.

Gleichzeitig schreiben heute alle modernen Unternehmen Arbeitszufriedenheit gross auf ihre Fahne. Eigentlich müsste jeder Ärger schon längst ausgerottet sein im Berufsleben. Friede, Freude, Eierkuchen.

Jetzt stelle man sich einmal vor, unser beruflicher Alltag wäre durchs Band ärgerfrei. Schauderhaft! Das wäre, also ob in den Medien nur noch «good news» berichtet würden. Das würde nun gar keiner mehr lesen.

Ärger verhindert Gleichgültigkeit

Im Gegensatz zum schon über 100-jährigen Gesellschaftsspiel «Mensch ärgere dich nicht» fordere ich dazu auf: Mensch, ärgere dich! Denn Ärger gehört zum Berufsalltag – nicht weil ich pessimistisch wäre, sondern weil Ärger durchaus nützlich ist. Ärger justiert unsere Emotionen. Ärger verhindert Gleichgültigkeit. Ärger lässt uns – wenn das Ärgernis mal weggeräumt ist – Freude stärker erleben. Ärger gibt uns oft auch die Chance, unsere Erwartungen deutlich zu machen oder Standpunkte zu klären. Ärger ist – wenn er zu permanent da ist – für uns der Weckruf, dass wir vielleicht die Stelle wechseln sollten. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Damit es klar ist: Wer sich ärgert, ärgert sich – und findet in dem Moment überhaupt nichts gut daran. Das muss auch so sein. Nur ärgerlicher Ärger ist Ärger. Nicht so ein bisschen Stirnrunzeln ohne emotionale Bewegung. Im Moment des Ärgers sollten Sie meinen Aufruf also durchaus blöd finden.

Aber ausserhalb der ärgerlichen Vorfälle, vor allem nach einem ärgerlichen Ereignis, tun Sie gut daran, das Gute im Ärger zu erkennen. Fachleute sprechen von einer resignativen Reife, die es zu entwickeln gilt. Der Begriff stammt aus der Paarpsychologie und meint die abgeklärte Einsicht, dass mein Partner nicht der fehlerlose und ideale Mensch unserer romantischen Träume ist, dessen einzige Aufgabe es ist, mich glücklich zu machen.

In Führungs- und Zusammenarbeitsbeziehungen würde diese Einsicht auch nicht schaden. Führung ist kein Beliebtheitswettbewerb. Geführtwerden und Zusammenarbeiten ebenso wenig. Und würden wir nicht immer wieder unserem Ärger über schlechte technische Mittel lautstark Ausdruck verleihen, gäbe es überhaupt keinen Fortschritt.

Auch beim Ärger gilt es allerdings, massvoll zu bleiben. Und zu wissen, wann genug genug ist. Denn auffressen lassen dürfen wir uns nicht durch den Ärger. Sonst nimmt unsere Seele Schaden.