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Wenn Ihre Chefin Ihnen plötzlich sagt, es sei eben sehr wichtig, dass sie Ihnen vertrauen könne, was denken Sie sich dann? Richtig: Will sie mir sagen, sie könne mir nicht vertrauen? Bild: AdobeStock

Reden Sie niemals von Vertrauen!

Von Felix Frei

Vertrauen lebt von der Selbstverständlichkeit, erklärt Psychologe Felix Frei. Ohne diese Selbstverständlichkeit wird es zu etwas, das man beweisen muss.

Zusammenarbeit und Führung sind darauf angewiesen, dass sich die Beteiligten vertrauen können. Glücklich, wer weiss, dass man ihm oder ihr vertraut. Glücklich auch, wer seinen wichtigsten Bezugspersonen vertrauen kann. Was aber, wenn man sich da nicht so sicher ist?

Natürlich hat man manchmal die Option, eine Kooperationsbeziehung mangels Vertrauen abzubrechen, aber diesen Fall lassen wir jetzt mal weg und unterstellen, Ihr Ziel sei, Vertrauen (wieder-)herzustellen – also selbst voll vertrauen zu können oder zu erreichen, dass man Ihnen voll vertraut.

Die spontane, aber eben völlig kontraproduktive Strategie besteht darin, das Thema anzusprechen. Schliesslich haben uns meine psychologischen Berufsgenossen seit Jahrzehnten eingeredet, «darüber reden» sei immer gut. Ist es nicht.

Vertrauen ist eine riskante Vorleistung

Nur schon, wenn Ihre Chefin Ihnen plötzlich sagt, es sei eben sehr wichtig, dass sie Ihnen vertrauen könne, was denken Sie sich dann? Richtig: Will sie mir sagen, sie könne mir nicht vertrauen? Und schon beginnen Sie, jede Nachfrage Ihrer Chefin als Indiz dafür zu lesen, dass sie Ihnen nicht vertraut.

Natürlich kann man problemlos über Vertrauen ganz im Allgemeinen reden (so wie wir das jetzt auch grad tun). Aber niemals innerhalb einer Beziehung mit Bezug auf das Vertrauensverhältnis innerhalb dieser Beziehung. Denn Vertrauen lebt von der Selbstverständlichkeit, mit der es geschenkt und vorausgesetzt wird. Ohne diese Selbstverständlichkeit wird es zu etwas, das man beweisen muss – und das macht den Kern von Vertrauen zunichte: Vertrauen ist eine riskante Vorleistung. Vertrauen zu schenken bedeutet, in Kauf zu nehmen, dass man enttäuscht werden könnte. Wer dieses Risiko nicht tragen will und stattdessen Gewissheit sucht, untergräbt jedes Vertrauen.

Rechtfertigungen sind das exakte Gegenteil von Selbstverständlichkeiten: Fragen Sie Ihren Ehepartner niemals: Schatz, warum liebst Du mich eigentlich? (Was, nur wegen meiner Schönheit? Meine Intelligenz ist Dir wohl nicht gut genug!) Spätestens zehn Tage nach seiner/ihrer Antwort werden Sie die Scheidung einreichen...

Hingegen muss man sehr wohl ansprechen, wenn das konkrete Verhalten eines Kooperationspartners das Vertrauensverhältnis zu ihm belastet. Aber man muss von diesem Verhalten sprechen, man kann Vereinbarungen erwähnen und Erwartungen äussern. Sogar über eigene (vermutlich schlechte) Gefühle darf man reden – nur eben nicht über Vertrauen.

Wenn Sie mir nicht glauben: Prüfen Sie Ihre Reaktion, wenn eine für Sie wichtige Person Sie auf mangelndes Vertrauen anspricht. Es führt nur zu Rissen in der Beziehung, die meistens lange nicht verheilen oder schlecht vernarben. Das Thema ist so fragil, dass man noch nicht einmal ansprechen kann, dass man jemandem vertraut. Denn selbst dies wirft die Frage auf, warum das wohl betont werden müsse.

Vertrauen ist entweder selbstverständlich. Oder es ist nicht.