Karriere

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Wenn die Emotionen hochkochen und man dabei in die Tasten haut, sollte man vor dem Abschicken eine Pause einlegen. Bild: Fotolia

Schreiben Sie das Mail, aber senden Sie es nicht

Von Felix Frei

Schlafen Sie erst einmal darüber und bedenken Sie die Sache anderntags nochmals, empfiehlt Psychologe Felix Frei den Verfassern von aggressiven Mails.

Ob sie Friedrich der Grosse oder schon sein Vater, Friedrich Wilhelm I. (der Soldatenkönig), in der preussischen Armee eingeführt hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Vielleicht stammt sie weder vom einen noch vom anderen und ist schon viel älter. Aber nach ihnen ist sie benannt: Die preussische Nacht.

Es ist die Regelung, Beschwerden und Ähnliches erst nach Ablauf einer Nacht zuzulassen, um ein Überdenken des Anlasses zu gewährleisten. In vielen Armeen ist das formell entsprechend geregelt – doch die dahinterstehende Idee ist auch im Zivilleben äusserst nützlich.

Vielleicht wird es einmal eine Software geben, die unsere Mails nicht nur auf Orthografie checkt, sondern auch auf die Aggressivität in ihrer Tonalität. Und diese Software könnte dann ein Alarmfenster öffnen, wenn ein Schwellenwert überschritten wird, und hartnäckig fragen: «Wollen Sie dieses Mail wirklich absenden? – Wir empfehlen Ihnen eine preussische Nacht!» Will heissen: Schlafen Sie erst einmal darüber und bedenken Sie die Sache anderntags nochmals. Entweder werden Sie dann das Mail einfach wieder löschen oder zumindest anständiger formulieren.

Das Verfahren spart Ihnen den Psychiater

Solange es diese Software noch nicht gibt, übernimmt unser Stirnhirn diese Aufgabe – halt mal zuverlässiger und mal nicht ganz so zuverlässig. Denn allzu oft ist es nicht dieser Teil unseres Gehirns (in dem die Vernunft sitzt), der das letzte Wort hat. Emotionen können ihn leicht übersteuern.

Und jetzt kommts: Es wäre gar nicht gut, wenn die Vernunft stets das Sagen hätte. Wir würden dann eine zornige Antwort auf eine beleidigende Unterstellung eines Kollegen oder Kunden oder Lieferanten gar nicht erst formulieren, sondern schön höflich bleiben. Und tatsächlich ist das oft auch vernünftig. Aber eben, nicht immer.

Manchmal sollte man alles, was einem emotional hochkocht, in die Tasten hauen. Überarbeiten Sie den Text ruhig, damit er noch etwas schärfer auf den Punkt bringt, was Sie diesem Kerl nun wirklich sagen müssen. Speichern Sie Ihren messerscharf formulierten Mailtext dann ab. Dann gönnen Sie sich eine preussische Nacht. Schlafen Sie gut!

Und anderntags lesen Sie Ihr Mail nochmals durch – und löschen es, ohne es abgesendet zu haben.

Psychologisch tut einem dieses Verfahren (zumindest ab und zu angewendet) durchaus gut. Es spart Ihnen den Psychiater. Und es berücksichtigt gleichzeitig die überaus vernünftige Einsicht, dass man Kommunikationen nicht eskalieren lassen sollte. Das heisst, dass Sie – nachdem Sie den geharnischten Mailentwurf gelöscht haben – zum Telefon greifen und den Verursacher Ihres Ärgers anrufen sollten. Entweder können Sie die Sache da direkt bereden oder Sie verabreden sich, um in Ruhe darüber reden zu können. Das spendiert Ihnen womöglich gleich noch eine preussische Nacht.

So weit, so einfach. Der kleine Haken an der Sache ist, dass dieses Vorgehen Ihnen keinen siegreichen Abgang mit vernichtetem Feind ermöglicht. Aber es erspart Ihnen so manchen künftigen Krieg.