Hotellerie

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Eine Airbnb-Wohnung wie hier in Marseille hat ihren eigenen Reiz. Bild: Airbnb

Expert Airbnb sorgt für Innovationsschub in der Hotellerie

Von Michael Lidl

Für Hoteliers und Anwohner ein verhasster Nachbar: Der Widerstand gegen Sharing-Plattformen wächst. Hotellerie-Spezialist Michael Lidl sieht für klassische Hotels aber zahlreiche neue Möglichkeiten und Chancen.

Seit dem Start der ersten Sharing-Plattform Airbnb 2008 sind fast zehn Jahre vergangen. Die Plattform versprach günstige Übernachtungspreise und aussergewöhnliche Erlebnisse mit Einheimischen. Sie traf den Nerv der Zeit. Mittlerweile haben der prominente Vorreiter und seine Artgenossen wie Wimdu, 9flats und Gloveler die Branche auf den Kopf gestellt. Die Kritik von Einheimischen, Gemeinden und der Hotellerie wird immer lauter. Welche Optionen ergeben sich für die Hotellerie?

Die Kettenhotellerie wie auch inhabergeführte Häuser haben den Trend lange nicht ernst genommen und sahen in den Plattformen keine Konkurrenz. Dann war von Wettbewerbsverzerrung die Rede. Erst spät fand der Wunsch der Reisenden nach authentischen Erlebnissen und Insidertipps den Weg in Geschäftsmodelle und Konzepte. Viele Gastgeber verfolgen nun zum Beispiel ein neues Hotellobby-Konzept, das die Empfangshalle zum Wohnzimmer werden lässt. So sollen Begegnungen geschaffen werden.

Hoteldesigner setzen mittlerweile verstärkt auf Individualität, Massenware ist out. Sie orientieren sich damit an Wohnungen, die niemals gleich sind. Die Antwort auf diesen Trend sind neue Lifestyle-Marken der grossen Hotelketten. Zudem entstehen völlig neue Design-, Boutique- und Themenhotels. In Wien existiert so beispielsweise neuerdings ein fragmentiertes Hotel, das Grätzl. Als Suiten werden hier alte Ladenflächen mit grossen Schaufenstern hergenommen, die sich über die gesamte Innenstadt verteilen: Das Grätzl ist ein gutes Beispiel eines Hotels, das es schafft, dem Gast den individuellen Aufenthalt zu garantieren, den er verlangt – Übernachten wird hier zum einmaligen Erlebnis.

«Die Stimmen gegen Airbnb & Co werden seitens der Bevölkerung immer lauter»

Wohnungsknappheit, steigende Mietpreise und Lärmbelästigung heissen die Vorwürfe der Anwohner. Aus der Nutzung von freiem Wohnraum ist ein kommerzielles Projekt geworden. Ein Grossteil der Anbieter arbeitet mittlerweile gewerblich. Die Stimmen gegen Airbnb & Co werden seitens der Bevölkerung immer lauter. Transparente wie «keine Touristenwohnung» zieren bereits die Balkone in Barcelonas Strassen. Über 50 Prozent der Berliner Bevölkerung sind bereits gegen Übernachtungen von Touristen in Privatwohnungen.

Städte und Gemeinden sehen das ähnlich kritisch: Ihnen gehen Steuereinnahmen verloren. Wichtige Regelungen zum Brandschutz beispielsweise können umgangen werden. Auch die fehlende Meldepflicht für Airbnb-Gäste ist den Kommunen ein Dorn im Auge. Gesetze in Grossstädten wie Berlin und München schränken die kurzzeitige Beherbergung zahlender Gäste bereits ein. Damit soll die Verdrängung von Mietwohnungen durch Ferienwohnungen eingedämmt werden. Deutschlands Airbnb-Hochburg Berlin ist hierbei besonders streng: Seit 1. Mai 2016 ist es untersagt, Wohnungen ohne Genehmigung mehr als einmal Touristen zu überlassen. Vermittlungsplattformen können dazu aufgefordert werden, Daten über Vermieter preiszugeben.

«Es geht vielmehr um einmalige Erlebnisse, die auf sozialen Netzwerken geteilt werden»

Für Airbnb-Vermieter und Hoteliers existieren aber nicht die gleichen Wettbewerbsbedingungen. Hier muss von Seiten der Gesetzgeber nachjustiert werden. Aus dem anhaltenden Erfolg von Airbnb und anderen Sharing Economy Portalen müssen zwei, für die Hotellerie zentrale, Erkenntnisse gewonnen werden: Zum einen sind heutzutage Eigentümer wie Häuser, Autos oder Boote nicht mehr die Statussymbole der Gesellschaft. Es geht vielmehr um einmalige Erlebnisse, die auf sozialen Netzwerken geteilt werden und um die man in der Gesellschaft beneidet wird.

Der Erlebnisfaktor ist aktuell ein grosser Mehrwert von Airbnb gegenüber gewöhnlichen Hotelaufenthalten. Zum anderen sind Gäste von Airbnb, die normalerweise in Hotels übernachten, zugunsten eines günstigen Übernachtungspreises augenscheinlich bereit auf eine Vielzahl von zentralen Hotelleistungen zu verzichten – wie zum Beispiel auf eine Rezeption, eine tägliche Zimmerreinigung oder Frühstück. Um konkurrenzfähige Hotelprodukte zu schaffen, müssen Hoteliers folglich klassische Dogmen der Hotellerie aufbrechen und neu gestalten. Die zentralen Fragen dabei sind: Wie schaffe ich ein unverwechselbares Erlebnis für meinen Gast? Welche Leistungen schaffen einen tatsächlichen Mehrwert für meinen Hotelgast?“

Muss eine tägliche Zimmerreinigung tatsächlich immer inklusive sein? Diese könnte auch optional dazu gebucht werden. Der Check-in und Serviceleistungen können über mobile Endgeräte angefordert werden. Kostenintensive öffentliche Flächen, wie Lobby, Empfang und Frühstücksraum könnten alternativ genutzt werden. Für all das braucht es kreative Ideen. Nur wer die Gründe für den Nachfrage-Boom von Airbnb versteht, alte Hotel-Dogmen hinterfragt und die Digitalisierung nutzt, wird mit innovativen Ideen sein Hotel zukunfts- und wettbewerbsfähig machen können.