Here & There
«Das war die grösste Herausforderung meines Berufslebens»
Reto SuterEs hätte eine Reise werden sollen, wie es schon viele davon gab. Armand Zenklusen ist mit knapp 30 Gästen aus dem Oberwallis auf einer einwöchigen Kreuzfahrt mit der MSC Euribia im Persischen Golf unterwegs – unterstützt von seiner Tochter und seinem Schwiegersohn. Für den 62-Jährigen, seit 32 Jahren Kuoni Travel Partner mit Standorten in Brig und Visp, ein vertrautes Terrain: Es ist bereits seine zwölfte Gruppenreise in der Golfregion.
Zunächst läuft alles wie am Schnürchen. Die Route führt ab Dubai über Katar, Bahrain, Abu Dhabi und Sir Bani Yas Island zurück nach Dubai. Doch am 28. Februar 2026, kurz vor dem geplanten Rückflug nach Genf, kippt die Lage. Aus der entspannten Gruppenreise wird eine unerwartete Ausnahmesituation.
Der Moment, als alles kippt
Die Gruppe steht am Flughafen von Dubai. Der Rückflug nach Genf ist für den Samstagnachmittag geplant. Doch Verspätungen und Annullationen häufen sich. Zenklusen verfolgt parallel die neusten Nachrichten auf dem Handy und erkennt schnell die Tragweite: Angriffe der USA und Israels auf den Iran. Als er das sieht, sagt er seiner Gruppe: «Wir werden heute nicht mehr fliegen.»
Was folgt, sind elfeinhalb Stunden am Flughafen. Die Situation bleibt angespannt, aber ruhig. Zenklusen beginnt sofort zu organisieren: Transfer- und Hotelgutscheine, Verpflegung für die Gruppe. «Mir war wichtig, dass sich die Gäste um nichts kümmern müssen», erzählt er im Gespräch mit Travelnews.
Am Abend bringt er die Gruppe im JW Marriott Marquis unter, einem Fünf-Sterne-Hotel. Kaum angekommen, folgt der nächste Moment der Unsicherheit: Ein Alarm auf den Handys. «In diesem Moment erschrak ich – und das ging der ganzen Gruppe so.»
Das Hotelpersonal reagiert umgehend. Den Gästen wird geraten, sich von den Fenstern fernzuhalten, um sich vor möglichen Splittern zu schützen. Die Betten seien bewusst nicht direkt an den Fensterfronten platziert.
Für den Ernstfall gebe es klare Anweisungen: Man solle sich bei einem möglichen Alarm in der Nacht in die Badewanne stellen und sich mit Duvet oder Handtuch schützen. Im Extremfall diene die Tiefgarage als sicherer Rückzugsort. Trotz dieser Hinweise bleibt die Lage kontrolliert. «Es lief alles sehr ruhig und gesittet ab – ohne Panik», sagt Zenklusen.
Zwischen Organisation und Verantwortung
In den folgenden Tagen wird Zenklusen zum Krisenmanager. Es geht auch um medizinische Versorgung. Vier Gäste benötigen dringend Medikamente, deren Vorräte aufgebraucht sind. Zenklusen findet eine Apotheke, organisiert Nachschub – teilweise aus anderen Emiraten.
Was Zenklusen immer die nötige Energie gibt, ist das Vertrauen seiner Gruppe. «Sie stand geschlossen hinter mir. Entsprechend blieb die Stimmung vor Ort durchgehend gut bis sehr gut. Geprägt weniger von Angst als von einem gesunden Respekt gegenüber der Situation», erzählt er.
Unterdessen kehrt in Dubai wieder etwas Alltag ein. Die Gäste können sich frei bewegen. Der Oberwalliser Reiseprofi sorgt dafür, dass die Gruppe beschäftigt bleibt. «Ich musste Programme zusammenstellen, damit den Leuten nicht die Decke auf den Kopf fällt», erzählt er. Ausflüge in die Dubai Mall, zum Dubai Frame, das Museum der Zukunft oder in die Altstadt wechseln sich mit Gesellschaftsspielen im Hotel ab.
Dennoch bleibt die Unsicherheit bestehen. Ein geplanter Repatriierungsflug nach Frankfurt wird kurzfristig gestrichen. Alternativen wie eine Ausreise über die omanische Hauptstadt Maskat verwirft Zenklusen schnell. «Mit 30 Personen und stundenlangen Wartezeiten am Zoll wäre das zu riskant gewesen», sagt er.
Kritisch sieht er die Unterstützung durch das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA): «Wir erhielten nur generische Nachrichten aufs Handy. «Ich hätte mir deutlich mehr konkrete Hilfe gewünscht. Etwa in Form von Repatriierungsflügen, wie sie andere Länder organisiert haben.»
Der Weg zurück – und grosse Erleichterung
Die Situation bleibt dynamisch. Die Gruppe muss das Fünf-Sterne-Hotel verlassen und wird in ein Drei-Sterne-Hotel umquartiert in der Nähe des Flughafens – ein kleiner Dämpfer, auch wenn die Infrastruktur des benachbarten Hotels genutzt werden kann.
Schliesslich zeichnet sich eine Lösung ab: Ein Rückflug wird zunächst für den 10. März organisiert. Doch Zenklusen gibt sich damit nicht zufrieden. In einer schlaflosen Nacht geht er hinunter zum Emirates-Schalter im Hotel, schildert die Situation und erhält tatsächlich eine frühere Option. Am 8. März soll die Gruppe nach Genf fliegen können.
Was folgt, ist eine Nacht-und-Nebel-Aktion: Zenklusen organisiert den Transfer, checkt die gesamte Gruppe eigenhändig ein und kümmert sich darum, dass alle ihren Boarding-Pass auf dem Handy haben.
Am Abflugtag kommt nochmals Nervosität auf. Der Heimflug startet eine Stunde früher als eigentlich geplant. Doch die Oberwalliser sind bereit. Es klappt alles reibungslos. Kaum am Flughafen angekommen, ist die Gruppe bereits durch die Sicherheitskontrolle geschleust. Und: Der Flieger hebt pünktlich ab.
Als die Maschine in Genf landet, entlädt sich die Anspannung. Es wird applaudiert, es fliessen Tränen, man umarmt sich. Dann geht es mit dem Bus zurück ins Oberwallis. Für viele ist es ein Moment der Erleichterung und der Dankbarkeit. Diese zeigt sich auch in den Tagen danach: Gäste bringen Zenklusen Wein und Schokolade vorbei.
Für den Reiseprofi selbst ist klar: «Das war die grösste Herausforderung meines Berufslebens», bilanziert er. Nach der Rückkehr bremst ihn seine Frau zunächst und verordnet ihm eine kurze Pause.
Aber lange dauert es nicht, bis der Alltag zurückkehrt: Im Büro warten bereits neue Dossiers von gestrandeten Reisenden – etwa aus Bali oder den Malediven. «Da denkt man im ersten Moment: Bitte nicht schon wieder», erzählt Zenklusen.
Heute sind alle seine Kundinnen und Kunden wieder zu Hause. Und für den Reiseprofi bleibt die Gewissheit, in einer Ausnahmesituation die Verantwortung getragen und seine Gruppe sicher zurückgebracht zu haben.