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Gestrandete Reisende warten in Dubai auf eine Rückreisemöglichkeit – und werden daran erinnert, dass Heimkehr in die sichere Schweiz ein Privileg ist. Bild: Adobe Stock

Einwurf Gestrandet im Paradies – und sofort empört: Die falsche Erwartung an den Staat

Karin Kofler

Der Krieg im Nahen Osten zeigt einmal mehr: Ferien im Ausland sind mit Risiko verbunden. Doch viele Schweizer Reisende reagieren mit einer erstaunlichen Vollkasko-Mentalität, wenn ihre Ferienpläne durchkreuzt werden.

Der Ton ist emotional: «Ich hätte nie gedacht, dass ich mich im Paradies so gefangen fühle», schreibt Ex-Bachelorette Frieda Hodel in einem Instagram-Post. Sie sitzt offenbar mit ihrer Familie wegen des neuen Krieges im Nahen Osten auf den Malediven fest. «Wir hängen komplett in der Luft, keine Planungssicherheit». Dazu der Hashtag #safetyfirst.

Hodel findet die Ungewissheit, in der sie schwebt, «mental nicht ohne» - und ist damit nicht allein. In der rund 3000 Kilometer entfernten Luxusmetropole Dubai, aber auch in Doha oder Abu Dhabi sind mehrere Tausend Schweizer Touristinnen und Touristen gestrandet, nachdem der Luftverkehr aufgrund von iranischen Angriffen auch auf die Emirate eingestellt worden war.

Über die Befindlichkeiten der unfreiwilligen Feriengäste im Krisengebiet wurde in den letzten Tagen intensiv berichtet. «Bund lässt 4300 Schweizer im Krieg sitzen», titelte der «Blick» am Dienstag und zitierte verschiedene betroffene Schweizer, die sich über mangelnde Unterstützung und fehlende Extraflüge beklagten und über spärliche Informationen seitens der zuständigen Behörde EDA (Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten). «Für uns, aus der reichen Schweiz, ist das nicht wirklich nachvollziehbar», diktierte eine 67-jährige Schweizer Touristin dem Boulevardblatt.

Der Satz widerspiegelt ziemlich genau die Denkweise vieler Schweizerinnen und Schweizer. Sie reisen gerne und viel ins Ausland. Doch wenn ihre Pläne, wie jetzt, durch höhere Gewalt durchkreuzt werden, rufen sie in einer Art Vollkaskomentalität sofort nach dem Staat.  

Das Selbstverständnis, aus einem ökonomisch potenten, gut organisierten Land wie der Schweiz zu stammen, widerspiegelt sich auch in den Ansprüchen an dieses. Der Staat soll bitteschön für ihre Sicherheit sorgen, und womöglich auch noch dafür zahlen.

Ein bisschen Demut täte gut

Nun ist es zwar total nachvollziehbar, dass alle Reisenden angesichts der Bedrohungen in Nahen Osten sofort heim wollen. Die Lage ist beängstigend, ja. Doch einfach das EDA zu beschuldigen, ist verfehlt. Erstens kann die Behörde nicht zaubern, wenn der Luftraum schlicht und einfach geschlossen ist. Zweitens geht Reisen mit einer gewissen Eigenverantwortung einher.

Dass es zwischen Iran und den USA grosse Spannungen gibt, haben schon die Verhandlungen der beiden Länder in den Tagen zuvor gezeigt. Natürlich kam der massive Angriff für Aussenstehende letztlich überraschend, doch er erinnert eben daran, dass die politische Lage im Nahen Osten immer hochgradig fragil ist.

Und last but not least: Manchmal muss man eine unangenehme Situation auch einfach aushalten, ob es einem passt oder nicht. Doch in einem perfekt funktionierenden, krisenfreien Staat wie der Schweiz degeneriert diese Kompetenz möglicherweise irgendwann.

Deshalb sollten Schweizer Touristinnen und Touristen, die festsitzen, in der aktuellen Situation trotz aller Unsicherheit auch ein bisschen Milde, ja vielleicht Demut zeigen. Hans-Peter Nehmer, der frühere Kommunikationschef von Hotelplan, hat das verstanden.

«Nicht so weit weg von hier sterben Menschen», sagte er in seinem Hotel in Dubai gegenüber der Sendung «10vor10». Er hingegen, so Nehmer, habe die Perspektive, bald in ein Flugzeug in die sichere Schweiz zurückzufliegen. «Das ist ein grosses Privileg». Dem ist nichts hinzuzufügen.