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Gemäss Wissenschaftlern ist es unmöglich, Tieren wie Grossen Tümmlern in Gefangenschaft auch nur annähernd gerecht zu werden. Bild: vipfit

Tierschützer kritisieren TUI wegen Delfin-Attraktionen

Die TUI Group gerät unter Zugzwang. Während eine Gruppe namhafter Wissenschaftler in einem offenen Brief das Ende von Wal- und Delfinshows fordert, werfen Tierschutzorganisationen dem Touristikriesen «Greenwashing» vor. Der Streitpunkt: Kann man Meeressäuger in Gefangenschaft überhaupt artgerecht halten?

Für die einen ist es das Highlight der Familienferien, für die anderen ein Relikt aus einer Zeit, in der Tierwohl zweitrangig war. Die Debatte um Delfinarien hat durch einen Brief internationaler Forscher an TUI-CEO Sebastian Ebel neue Nahrung erhalten. Wissenschaftler aus Italien, England, den USA und Neuseeland finden darin deutliche Worte für das Angebot des Reisekonzerns, wie das niederländische Fachportal «Reisbizz.nl» schreibt.

Die Kritik der Experten lautet, dass es physisch unmöglich sei, Tieren wie Grossen Tümmlern in Gefangenschaft auch nur annähernd gerecht zu werden. «Tümmler haben in freier Wildbahn Lebensräume von mehr als 100 Quadratkilometern und tauchen in Tiefen, die keine Einrichtung nachahmen kann», so das Kernargument im Schreiben an die Konzernführung.

Die Folgen der räumlichen Enge seien demnach nicht nur körperlicher Natur, sondern äusserten sich in massiven psychischen Belastungen. Die Forscher berichten von «stereotypem Verhalten» – einem ziellosen Kreisen und der ständigen Wiederholung von Handlungsabläufen –, was als klarer Indikator für mangelndes Wohlergehen gewertet wird.

TUI setzt auf Einfluss statt Ausstieg

Der Reiseveranstalter reagiert auf die Vorwürfe mit Verweis auf seine internen Standards. Auf der Unternehmenswebsite betont TUI, man setze sich dafür ein, dass Tiere mit Respekt behandelt werden. Das Argument des Konzerns: Nur wer im Geschäft bleibe, könne die Bedingungen vor Ort verbessern. «Durch den Verkauf von Tickets haben wir Einfluss auf die Veranstalter», so das Unternehmen.

Da aktuelle Branchenrichtlinien laut TUI nicht weit genug gingen, habe man 2024 eigene, strengere Regeln implementiert. Diese untersagen unter anderem die Zucht zu rein kommerziellen Zwecken, den Einsatz von Medikamenten zur Verhaltensbeeinflussung und den Fang von Tieren in freier Wildbahn.

Vorwurf Greenwashing

Diese Argumentation stösst bei Tierschützern auf massiven Widerstand. Die Organisation World Animal Protection wirft TUI Doppelmoral vor. Ein prominentes Beispiel ist der Loro Parque auf Teneriffa. Während Tickets dort auf der niederländischen TUI-Website nicht mehr aktiv beworben werden, seien sie über die internationale TUI-App weiterhin problemlos buchbar.

Sanne Kuijpers, Kampagnenmanagerin bei World Animal Protection Nederland, findet scharfe Worte: «Die TUI Group ist sich des Leidens dieser Tiere voll bewusst, steckt aber bewusst den Kopf in den Sand.» Während Wettbewerber ihr Portfolio bereits bereinigt hätten, weigere sich der Marktführer, den Kurs konsequent zu ändern.

Die Kritik kommt für das Management zur Unzeit. World Animal Protection hat bereits angekündigt, die anstehende Hauptversammlung der TUI Group als Bühne zu nutzen. Das Ziel: Die Aktionäre sollen das Management direkt zur Rechenschaft ziehen. Die Botschaft der Aktivisten ist simpel, aber radikal: «Wildtiere gehören nicht in Betonbecken, sondern in die Freiheit.» Für TUI geht es am Dienstag nicht nur um Zahlen, sondern um die Frage, wie viel ein «nachhaltiges» Image wert ist, wenn die Wissenschaft dem Kerngeschäft widerspricht.

(TN)