Here & There
Das fast vergessene Flugzeug-Accessoire
«Möchtest du etwas loswerden?» – selten war eine Frage so charmant und gleichzeitig so pragmatisch wie die auf lilafarbenem Grund gedruckte Botschaft einer «Kotztüte». Der Spuckbeutel steckt im Flieger brav neben dem Bordmagazin und der Sicherheitskarte in der Rückenlehne. Mal mit Humor bedruckt, mal mit britischem Understatement, mal mit einem Augenzwinkern wird der Passagier daran erinnert, dass auch die Fluggesellschaft weiss, wie unangenehm Reiseübelkeit sein kann.
Die Kotztüte gehört zum Fliegen wie der Tomatensaft oder das Sicherheitsvideo, das kaum jemand wirklich ansieht. Sie ist ein unscheinbares Stück Papier mit wasserfester Innenbeschichtung, funktional bis ins letzte Detail, und doch ein Designklassiker. Kein Schnickschnack, kein Glamour, sondern pure Zweckmässigkeit. Manche Airlines setzen auf Recyclingpapier, andere auf Werbedrucke. Auf Kreuzfahrtschiffen oder Fähren sind die Tüten oft aus stärkerem Material gefertigt, schliesslich müssen sie auch bei Wellengang standhalten.
Als Lebensmittelbeutel gedacht
Die Geschichte der Kotztüten beginnt in den frühen Tagen des kommerziellen Fliegens, als die Kabinen schlecht belüftet waren, die Flugzeuge niedriger flogen und Turbulenzen häufiger auftraten. Im Jahr 1949 erfand ein gewisser Gilmore Tilmen Schjeldahl die moderne Version des Spuckbeutels mit Kunststoffbeschichtung. Ursprünglich war das Ganze als eine Art Lebensmittelbeutel gedacht, doch Northwest Airlines erkannte sofort den wahren Nutzen. Damals war Fliegen eine wackelige Angelegenheit und die Tüten fanden reissenden Absatz. Lebensmittel landeten auch in den Beuteln – allerdings in der Regel zumeist bereits verdaut und rückwärts gegessen …
Heute ist die Situation eine andere. Moderne Flugzeuge sind stabiler, die Kabinenluft besser, Turbulenzen seltener. Der Bedarf an Kotztüten ist deutlich gesunken. So sparen manche Airlines sie schlicht ein. Ryanair etwa hat die Sitztaschen entfernt und verzichtet komplett. Andere Airlines wie Condor kontrollieren noch vor jedem Flug, ob die Tüten vorhanden sind.
Dennoch gibt es Strecken, auf denen die Nachfrage sprunghaft steigt. Wer einmal einen Partytourismus-Flug nach Mallorca oder von Australien nach Bali erlebt hat, weiss, dass der Magen mancher Passagiere weniger flugtauglich ist. Durchzechte Nächte mit reichlich Sangria und Hochprozentigem fordern ihren Preis. Auch Langstreckenflüge über den Pazifik oder die Anden gelten als «Kotztüten-Hotspots». Und auf Schiffen, besonders bei Nordsee- oder Atlantiküberquerungen, sind die Tüten nach wie vor unverzichtbar.
Millionen Tüten und diskrete Helden
Wie viele Kotztüten pro Jahr tatsächlich benötigt werden, lässt sich schwer beziffern, doch Schätzungen gehen von mehreren Millionen weltweit aus. Die meisten bleiben ungenutzt. Doch allein ihr Vorhandensein beruhigt viele Passagiere. Und wenn sie gebraucht werden, dann ist die Crew zur Stelle. Diskret, professionell, ohne grosses Aufsehen werden gefüllte Beutel in speziellen Abfallcontainern entsorgt – hygienisch und geruchssicher. Ein Job, der zur Routine gehört und höchst selten Erwähnung findet, aber Anerkennung verdient.
Interessanterweise sind die Spuckbeutelchen teilweise zu Kultobjekten geworden. Sondereditionen mit Logos, Sprüchen oder Retro-Design erzielen auf Flohmärkten und Online-Plattformen erstaunliche Preise. Manche Sammler sprechen gar von «Air Sickness Bag Art» und sehen in den Tüten kleine Kunstwerke. So gesehen sind die Kotztüten mehr als Notfall-Accessoires. Sie sind ein Stück Reisegeschichte, ein Symbol für die Höhen und Tiefen des Unterwegsseins. Ob auf dem Weg nach Ibiza oder über den Atlantik – sie warten geduldig, dass jemand «etwas loswerden» möchte. Und vielleicht ist es gerade diese stille Präsenz, die sie zu einem der unterschätztesten Helden der Lüfte und Meere macht.