Here & There
Südtiroler Bergdorf zieht die Reissleine
Es ist das perfekte Bild: Die grazile Kirche Santa Maddalena, dahinter die schroffen, schneebestäubten Zacken der Geislergruppe. Für die einen ist es gelebte Heimat, für Millionen andere das «Berg-Emoji» ⛰️ in der Realität.
Doch die Idylle trügt. Während der Neuschnee das Villnösser Tal in Watte packt, brodelt es hinter den Fassaden der schmucken Bauernhäuser. Der Grund: Overtourism in seiner modernsten, flüchtigsten Form.
Vom Werbemotiv zur Belastungsprobe
Der Hype um das kleine Dorf im Villnösser Tal (italienisch: Funes) hat skurrile Ursprünge. Ein chinesischer Mobilfunkanbieter druckte das Panorama bereits 2005 auf Millionen von SIM-Karten; später nutzte Apple ein Foto der Geislergruppe zur Präsentation des iPhone 15. Was für Marketer ein Erfolg war, wurde für die 2500 Einwohner der Gemeinde zum «Schlamassel», wie Bürgermeister Peter Pernthaler gegenüber dem «Corriere dell’Alto Adige» deutlich formuliert.
Täglich fluten Reisebusse aus dem 200 Kilometer entfernten Verona das Tal. Das Ziel ist fast immer dasselbe: aussteigen, Smartphone zücken, posten – und wieder weg. «Klick-und-weg-Tourismus» nennen es die Einheimischen. «Sie hinterlassen nichts ausser ihrem Müll», klagt Pernthaler. Die Infrastruktur bricht unter der Last der Mietwagen und Wildparker zusammen.
Digitale Pilgerströme und analoge Barrieren
Besonders auf Plattformen wie TikTok oder dem chinesischen Pendant Xiaohongshu verbreiten sich Videoguides, die zeigen, wie man das perfekte Alpenfoto macht, ohne auch nur einen Wanderschuh binden zu müssen.
Um die Lebensqualität der Anwohner zu retten, führt die Gemeinde ab Mai 2026 nun aber ein striktes Reglement ein: Neue Schranken und Kamerasysteme sperren die direkten Wege nach St. Magdalena. Nur wer eine Übernachtung im Dorf nachweisen kann oder dort wohnt, darf passieren.
Zudem werden Hürden für Tagestouristen etabliert: Wer nur für ein Selfie kommt, muss im Tal parkieren. Der «Preis» für das Foto? Ein 15-minütiger Fussweg und deutlich erhöhte Parkgebühren.
Entschleunigung statt Absperrung
Es gehe nicht darum, Besucher komplett auszusperren, betont die Gemeinde. Vielmehr wolle man eine Selektion erzwingen: weg vom flüchtigen Konsum, hin zum bewussten Erleben. Wer bereit ist, sein Auto stehen zu lassen und das Dorf zu Fuss zu erkunden, bleibt willkommen.
Funes ist damit ein Vorreiter für viele Gemeinden im Alpenraum, die durch die Algorithmen des Silicon Valley unfreiwillig zu Weltstars wurden. Die Botschaft der Südtiroler ist klar: Die Berge sind keine Fotokulisse, sondern ein Lebensraum. Wer das «Berg-Emoji» live sehen will, muss künftig zumindest ein bisschen dafür wandern.