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Warum der Hype um die jemenitische Insel Sokotra?
Marilin LeuthardEine einzigartige Flora und Fauna, komplette Abgeschiedenheit und unberührte Natur – eine Kombination mit Seltenheitswert. Die jemenitische Insel Sokotra wird nicht umsonst gerne die «fremdartigste Insel der Welt» genannt oder als «Galápagos des Indischen Ozeans» bezeichnet.
Flächenmässig mit Mallorca vergleichbar, leben auf Sokotra Schätzungen zufolge rund 60'000 Menschen. Politisch gehört die Insel zum vom Bürgerkrieg geprägten Jemen und liegt rund 350 Kilometer von dessen Festland entfernt im Arabischen Meer.
Mehr Besucher denn je
In den vergangenen Jahren haben Reiseagenturen vermehrt Influencer und Filmemacher eingeladen, um die Sichtbarkeit für den aussergewöhnlichen Ort zu erhöhen. Auf diese Weise hat sich der Tourismus in den letzten drei Jahren nahezu verdreifacht – trotz zahlreicher Reisewarnungen.
Von Reisen in den Jemen und von Aufenthalten jeder Art werde abgeraten, einschliesslich der Insel Sokotra, heisst es auf der Webseite des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA).
Dass die Schweiz im Notfall nicht zur Hilfe schreitet, wurde vergangene Woche diversen Schweizer Reisenden bewusst. Nachdem die Kämpfe im Süden des Jemens wieder aufgeflammt waren, wurde der Luftraum gesperrt, und alle Flüge nach Sokotra wurden gestrichen. Hunderte Touristen strandeten tagelang auf der Insel, darunter auch Schweizer Reisende.
Der deutsche Naturfotograf und Filmemacher Nick Schmid lässt sich davon nicht einschüchtern. Nach mehreren Reisen kennt er die Insel bestens und weiss: «Diese Insel ist friedlich, sicher und bereisbar.»
Er selbst hat einen Dokumentarfilm über Sokotra gedreht und ist am stetig zunehmenden Interesse wohl nicht ganz unschuldig. Aufgrund der hohen Nachfrage bietet er mittlerweile selbst Reisen auf den abgeschiedenen Archipel an. Der Konflikt auf dem Festland habe keinerlei Auswirkungen auf die Insel, bis auf gelegentliche Sperrungen des Luftraumes, wie es in der vergangenen Woche geschehen sei, so Schmid.
Reise ist nicht risikofrei
Schweizer Reiseveranstalter sehen jedoch davon ab, Touren auf die abgelegene Insel anzubieten, nicht zuletzt wegen der Reisewarnungen des EDA. «Von Reisen nach Sokotra respektive Jemen wird vom EDA weiterhin grundsätzlich abgeraten, insofern ist die Destination für uns aktuell und bis auf Weiteres kein Thema», hält Arabien-Spezialist Marcel Gray von Let’s go Tours fest.
«Es ist nicht das erste Mal, dass Menschen auf Sokotra festsitzen. Das Risiko von Flugannullierungen ist schlicht zu gross, weshalb wir bislang nie Reisen nach Sokotra angeboten haben. Anfragen dazu erhalten wir jedoch immer wieder – das Potenzial von Sokotra und des gesamten Jemen wäre riesig», erklärt Philippe Raselli, Inhaber und Geschäftsführer von Holiday Maker Tours, gegenüber Travelnews.
«Sokotra ist mein absoluter Lieblingsort auf dieser Erde»
Die An- und Abreise, die zurzeit ausschliesslich mit Chartern über Abu Dhabi erfolgt, war auch für Nick Schmid die bisher grösste Herausforderung, weil die Flüge je nach politischer Lage kurzfristig verschoben oder gestrichen werden können.
«Es gibt keine regulären Linienflüge, die man einfach online buchen kann. Die Organisation lief meist über Whatsapp, mit einer Kontaktperson in Abu Dhabi: Flüge wurden organisiert, Geld überwiesen, Tickets verschickt – alles über Messenger. Völlig verrückt, aber es hat funktioniert.»
Wer auf eine isolierte Insel reise, gerade bei solch einer geografischen Lage, sollte sich aber bewusst sein, dass es immer gewisse Risiken gebe. «Es wäre unseriös zu behaupten, diese Reise sei vollkommen risikofrei», so Schmid.
Ein Abenteuer für sich
Seine Erfahrungen auf der Insel seien aber durchweg positiv. Es gebe keinerlei Anzeichen von Kriminalität, und die Friedlichkeit, Herzlichkeit und Ehrlichkeit der Menschen sei beeindruckend. «Sokotra ist mein absoluter Lieblingsort auf dieser Erde. Die Menschen, ihre Lebensweise, der tiefe Bezug zur Natur und diese einzigartige Landschaft machen jede Reise dorthin zu einem unvergesslichen Erlebnis.»
Sokotra ist eine Insel für Entdecker und Abenteurer: kaum entwickelt und ohne klassischen Komfort. Ausserhalb der Hauptstadt Hadibu gibt es keine Hotels, es wird also in der Natur gecampt und mit Land Cruisern und Pick-ups gereist.
Begleitet wird man von lokalen Guides, die einen rund um die Uhr betreuen. Sanitäre Anlagen gibt es nicht überall, genauso wie Strom und Internet. Bezahlt wird auf der Insel ausschliesslich mit Bargeld.
Mittlerweile konnten die gestrandeten Touristen die Insel wieder verlassen. In den Medien werde die Situation oft dramatischer dargestellt, als sie tatsächlich sei, sagt Schmid. «Die lokale Bevölkerung hat in dieser Zeit ihr Möglichstes getan, um den Aufenthalt für die Gestrandeten so angenehm wie möglich zu gestalten.»
Die Reisenden wurden mit mehreren Evakuierungsflügen in die saudi-arabische Hafenstadt Dschidda gebracht. «Sokotra war und ist ein sehr sicherer Ort und steht in keinerlei direktem Zusammenhang mit den Konflikten zwischen den Emiraten, dem Jemen und Saudi-Arabien», betont Schmid.