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Chinas Provinzen wollen mehr Ausländer
Urs WälterlinZwar gibt es in Peking und Shanghai keine öffentlich verfügbare, verlässliche Statistik darüber, wie viele Schweizerinnen und Schweizer jährlich nach China reisen. Verschiedene Datenbanken bieten zwar Zahlen zu in- und ausländischen Gästen an. Sie veröffentlichen jedoch meist aggregierte Daten – etwa «Europäer» – nicht spezifisch für Schweizer, die nach China reisen.
Delegierte der jüngsten Fachmesse ITB China in Shanghai gingen aber davon aus, dass nicht nur die Zahl der Eidgenossen, sondern generell der Besucher aus Ländern Europas in den letzten Monaten deutlich zugenommen haben dürfte. Der Hauptgrund: seit März 2024 ist es Gästen aus vielen Teilen der Welt erlaubt, bis zu 15 Tage visafrei einzureisen. So muss nicht erstaunen, dass verschiedene Delegierte an die chinesische Regierung appellierten, die noch provisorischen Erleichterungen dauerhaft zu machen.
Fern von Chinesischer Mauer und Verbotener Stadt
Peking täte gut daran, auf die Experten zu hören. Denn von einem steigenden Besuchervolumen würde nicht zuletzt das regionale China profitieren. Viele lokale und regionale Regierungen erweitern ihren Fokus vom traditionellen Binnenmarkt in Richtung ausländischer Besucher. Sie haben erkannt, welches Potenzial nicht-chinesische Gäste für den Tourismus haben können. An der ITB China in Shanghai waren mehrere Regionen prominent und vertreten und boten ihre Attraktionen eigenständig an – fern von Chinesischer Mauer, Verbotener Stadt und den Tonsoldaten von Xi‘an.
Einzelne Provinzen haben Massnahmen entwickelt, um mehr ausländische Besucher anzulocken. Fujian in Südostchina etwa arbeitet an einer Strategie für «Weltklasse-Kultur- und Tourismusprodukte» und verzeichnete während der Neujahrsferien einen deutlichen Anstieg an Grenzübertritten ausländischer Besucher. Auch Zhuhai (nahe Macau/Guangdong) profitiert von den Visaerleichterungen. Dort stiegen die Hotelbuchungen von AusländerInnen im letzten Jahr um 70 Prozent, in Wuhan (Hubei) um 50 Prozent.
Reich an verborgenen Schätzen
Eine Provinz, die das Interesse ausländischer Touristen stark auf sich zieht, ist Zhejiang – mit Hangzhou als Hauptstadt. Die Metropole und ihre Umgebung sind besonders für BesucherInnen mit wenig Zeit besonders attraktiv, weil sie von Shanghai in nur knapp einer Stunde im Hochgeschwindigkeitszug erreichbar sind. Strategisch günstig in der südöstlichen Küstenregion Chinas gelegen, erstreckt sich Hangzhou über 16'900 Quadratkilometer – das ist mehr als zwölfmal so gross wie Los Angeles. Ende 2023 lebten 12,52 Millionen Menschen in der Stadt.
Hangzhou gilt heute als Chinas Silicon Valley – angetrieben von einem florierenden Startup-Ökosystem. Weltweit bekannte Unternehmen wie Alibaba Group, Game Science, DeepSeek und Unitree Robotics sind in Hangzhou zuhause. Die Stadt hat aber auch eine Jahrtausende alte Geschichte. Marco Polo beschrieb sie einst als «die schönste und prächtigste Stadt der Welt». Sie lässt sich in einer Vielzahl gut entwickelter touristischer Produkte entdecken.
Nördlich des Stadtzentrums liegt der Distrikt Yuhang – oft übersehen von Touristen, aber reich an verborgenen Schätzen und tiefer Geschichte. Von antiken Ruinen bis hin zu ruhigen Feuchtgebieten bietet Yuhang eine fesselnde Reise durch Chinas Vergangenheit und Gegenwart.
Die archäologischen Ruinen der Stadt Liangzhu
Als UNESCO-Weltkulturerbe seit 2019 sind die archäologischen Stätten von Liangzhu ein eindrucksvolles Zeugnis einer der frühesten und fortschrittlichsten neolithischen Zivilisationen Chinas. Über 5000 Jahre alt, offenbaren die Ausgrabungen Spuren von Palastanlagen, ausgeklügelten Wasserbewirtschaftungssystemen und kunstvollen Jade-Artefakten. Ein Besuch im Liangzhu-Museum ermöglicht einen faszinierenden Einblick in eine geheimnisvolle Kultur, die lange vor dem Aufstieg der chinesischen Dynastien existierte – ein Ort, der die globale Zivilisationsgeschichte neu schreibt.
Jingshan-Tempel: Ein spiritueller Rückzugsort in den Hügeln
Eingebettet in die grünen Hügel des westlichen Yuhang ist der Jingshan-Tempel eine Oase der Stille. Mit über 1200 Jahren Geschichte war er ein bedeutendes Zentrum der Zen-Buddhismus-Bewegung. Auch heute noch ist es ein aktives Kloster, in dem Mönche täglich meditieren und Rituale vollziehen. Umgeben von Bambuswäldern und nebelverhangenen Gipfeln lädt der Tempel auch Besucher zur Besinnung ein. Er ist ein Ort von schlichter Schönheit und tiefer spiritueller Bedeutung.
Jingshan-Dorf: Teekultur und zeitlose Traditionen
Nur einen kurzen Weg vom Tempel entfernt liegt das Jingshan-Dorf, eine malerische Siedlung mit einer jahrhundertealten Teekultur. Das Dorf ist berühmt für seine Jingshan-Teezeremonie, eine Tradition aus der Tang-Dynastie. Besucher sind eingeladen, in einfachen Bauernhäusern dem meditativen Aufguss des Tees beizuwohnen – mit frischem Quellwasser und handverlesenen Blättern. Auf terrassierten Hängen wachsen leuchtend grüne Teesträucher, die nicht nur ein wunderschönes Landschaftsbild, sondern auch Einblicke in eine nachhaltige Landwirtschaft bieten.
Xixi-Feuchtgebiete: Ein Naturparadies mitten in der Stadt
Im Kontrast zu Tempeln und antiken Stätten präsentiert sich der Xixi-Nationalpark als modernes Beispiel für ökologischen Schutz. Nur wenige Minuten vom Technologiezentrum Hangzhous entfernt, erstreckt sich dieses 11 Quadratkilometer grosse Feuchtgebiet mit Wasserläufen, Schilffeldern und traditionellen Wasserdörfern. Besucher können mit Bambusbooten durch Kanäle gleiten, Vögel wie Eisvögel und Reiher beobachten oder saisonale Blüten bestaunen. Besonders lebendig wird Xixi während des Drachenbootfestes, wenn bunte Rennen über die stillen Wasserflächen donnern.
Der Kaiserkanal: Lebensader eines Reiches
Hangzhou bildet das südliche Ende des Grossen Kaiserkanals, der mit über 1700 Kilometern die längste von Menschenhand geschaffene Wasserstrasse der Welt ist. Der Kanal verband jahrhundertelang Nord- und Südchina und trieb Handel, Kultur und Kommunikation voran. In Yuhang und im historischen Stadtzentrum sind restaurierte Abschnitte mit alten Brücken, Uferhäusern und lebhaften Märkten zu sehen. Eine Bootsfahrt entlang des Kanals ist nicht nur romantisch, sondern auch lehrreich – ein Fenster in die wirtschaftliche Seele des alten China.
Hefang-Strasse: Ein Spaziergang durch die Geschichte
Ein Besuch in Hangzhou wäre nicht komplett ohne einen Bummel über die Hefang-Strasse, eine restaurierte Fußgängerzone nahe dem Westsee. Einst ein geschäftiges Handelszentrum der Südlichen Song-Dynastie, ist die Strasse heute ein lebendiges Museum chinesischer Alltagskultur. Hier reihen sich Apotheken für traditionelle Medizin, Garküchen, Tee- und Handwerksläden aneinander. Besucher können Spezialitäten wie Drachenbart-Zucker oder Bettlerhuhn probieren und dabei Kunsthandwerkern beim Schnitzen oder Kalligraphieren.