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City-Touren mit Tiefgang: Abstieg in die Unterwelt
Christian HaasBerlin, Paris und Rom assoziieren die meisten Touristen unweigerlich mit Brandenburger Tor, Eiffelturm, Petersdom und vielen anderen Sehenswürdigkeiten. Doch zum ganzen Bild einer Stadt gehört auch der verborgene Teil im Untergrund. Und der hat es oft ganz schön in sich! Mit Betonung auf «ganz schön». Entsprechende Einblicke bieten da unterirische Stadtführungen.
Schliesslich eröffnen sie einen eindrucksvollen Blick auf die Stadtgeschichte und -kultur, indem sie Besuchern versteckte oder unbekannte Bereiche zugänglich machen: Katakomben, Krypten, Abwasserkanäle. Aufregend sind derartige Touren auch aufgrund der Fortbewegung. Mal sind die Besucher zu Fuss in dunklen Gängen unterwegs, mal mit einem U-Bahn-Cabrio oder gar tauchend. Die nachfolgenden sieben Touren erfüllen jedenfalls den Tatbestand «einmaliges Erlebnis» – und an heißen Tagen zudem noch eine angenehme Abkühlung…
Nicht Ost-, nicht West-, sondern Unten-Berlin
Das oberirdische Berlin ist weltweit bekannt, jedoch wissen die wenigsten, dass es im Untergrund noch einmal eine Stadt beachtlichen Ausmasses gibt. Eine der wenigen Türen zu dieser geheimnisvollen Welt ist grün und schmal und befindet sich am U-Bahnhof Gesundbrunnen. Dahinter liegt das 1997 eröffnete Unterwelten-Museum, das verschiedene Touren durch den Berliner Untergrund anbietet.
Eine der Exkursionen – sie heisst «Dunkle Welten» – führt durch die Gesundbrunnen-Bunkeranlage, eine Schutzanlage des Zweiten Weltkrieges. Der Besucher wird dabei durch zahlreiche Räume der Bunkeranlage geführt. Die erfahrenen Guides erzählen nicht nur Spannendes, sondern passen auch auf, dass sich niemand in dem Labyrinth der Korridore verläuft. Ein im wahrsten Sinne schmutziges Kapitel des Museum beschäftigt sich schliesslich anschaulich mit dem Berliner Abwassersystem, das zwar zu den ältesten, aber immer noch zu den besten und grössten in Europa gehört. Mehr Infos gibt es hier.
Oben ohne durchs dunkle Berlin
Eine andere Möglichkeit, Berlins Unterwelten kennenzulernen, stellt eine Tour mit der Cabrio-U-Bahn dar – die wohl ungewöhnlichste Stadtrundfahrt der Hauptstadt. In offenen Wagen geht es an ausgewählten Freitagabenden zwischen April und Oktober über zwei Stunden und über eine Strecke von 35 Kilometern kreuz und quer durch die U-Bahn-Tunnel der deutschen Hauptstadt. Die Fahrt führt dabei entlang gängiger Strecken mehrerer Linien, wobei es freilich besonders lustig ist, einen Blick in die verblüfften Gesichter der auf dem Bahnsteig wartenden Fahrgäste zu werfen.
Doch es geht auch durch nichtöffentliche Verbindungstunnel und vorbei an riesigen Abstellanlagen. Start- und Endpunkt der Fahrt mit dem U-Bahn-Cabrio ist am U-Bahnhof Deutsche Oper. Während der gesamten Rundfahrt erhalten die behelmten Mitfahrer über einen Kopfhörer mit Funkempfänger von einem Moderator Erklärungen zur U-Bahn, Informationen zur U-Bahn-Geschichte in Berlin und über den Tunnelbau. Mehr Infos gibt es hier.
Basel von unten
Von der Spree an den Rhein, konkret nach Basel. Dort öffnet sich beim Lohweg das Tor zur Unterwelt. Und was für eines! Während einer eineinviertelstündigen Führung erzählt ein Guide zuerst etwas zur Stadtentwicklung samt der schrittweisen Überbauung des Flüsschens Birsig, und dann folgt man eben diesem – auf 1,2 Kilometer langen unterirdischen Fusswegen.
Gut zu wissen: Die Tour, für die man sich aufgrund der hohen Nachfrage dringend rechtzeitig anmelden sollte, wird nur mit angemeldeten Gruppen durchgeführt, Einzelpersonen können sich aber eventuell anschliessen. Aber aufgepasst: Ist in den Tagen zuvor viel Regen gefallen, fällt das Angebot buchstäblich ins Wasser. Mehr Infos gibt es hier.
Wiener Kanalkulissen
Den Klassiker unter den unterirdischen Stadtrundgängen stellt die Führung auf den Spuren des «Dritten Mannes» durch die Wiener Unterwelt dar. Auch wenn der Kultfilm noch aus der Schwarz-Weiss-Zeit stammt, hat er bis heute nichts an seiner Faszination verloren. Die grosse Nachfrage an den Dritte-Mann-Touren untermauern das. Und überhaupt: Schwarz-Weiss passt ja auch gut zu den düsteren Originaldrehorten, die sich Grossteils im Untergrund befinden und im Fokus der Spezialtouren stehen. Los geht es an der U-Bahn-Station Karlsplatz gegenüber der Kunsthalle, wo eine Falltür in die Unterwelt führt.
Im weiteren Verlauf weist eine schmiedeeiserne Wendeltreppe den weiteren Weg hinab in das Kanalnetz der österreichischen Hauptstadt, das freilich nicht mehr dem aus dem «Dritte-Mann»-Jahr 1949 entspricht, aber dennoch eine unheimliche Atmosphäre ermöglicht und ein im wahrsten Sinn berauschendes Erlebnis darstellt. Schliesslich sprudeln die Abwässer der Millionenstadt nur allzu rasch durch enge Röhren und unter engen Brücken hindurch.
An jeder Ecke der in schummriges Licht getauchten Gänge lernt man dank den interessanten Ausführungen der Guides Neues über Wien und eventuell auch über die eigenen Fantasien. Davon braucht man nicht einmal besonders viel, um sich vorzustellen, dass einem hier unten jeden Moment der filmische Schmuggelkönig Harry Lime leibhaftig erscheinen könnte. Infos gibt es unter drittemanntour.at und viennawalks.com.
Gruselstimmung in den Pariser Katakomben
Einen noch höheren Gruselfaktor verspricht die Tour durch die Katakomben der französischen Hauptstadt Paris. An der Place Denfert-Rochereau, rund 20 Meter unter der Oberfläche, liegen in den Kammern und Gängen in den ehemaligen Steinbrüchen aus römischer Zeit die Überreste von sechs Millionen Menschen.
Alle Wege führen in die Katakomben von Rom
Auch wenn die Pariser Katakomben als die grössten der Welt gelten, beheimatet Rom mehr: Über 60 bilden in der heiligen Stadt ein riesiges Labyrinth. Einige sind als Pilgerstätten für Besucher zugänglich, unter anderem die San-Sebastiano-Katakomben in der Via Appia Anticain, in der auch die Katakomben von San Callisto liegen, die grösste der derzeit für Besucher zugänglichen Anlagen.
Und Totenköpfe, Moder und die morbide Gesamtstimmung lassen die Touristen Schlange stehen: 600'000 Menschen sind es pro Jahr und damit weit mehr als vor der umfangreichen Renovierung vor einigen Jahren. Seither gibt es nämlich Abflussmöglichkeiten für das überall von der Decke tropfende Wasser, und auch die Knochen sind wieder fein säuberlich aufgestapelt. Mehr Infos gibt es hier.
Über vier Geschosse erstreckt sich dieses Gräberlabyrinth, in dessen rund 150.000 Gräbern auch etliche Heilige bestattet sind. Das Herzstück der San-Callisto-Katakomben stellt die Krypta der Päpste dar: In der mit Säulen und Inschriften verzierten Grabkammer wurden 16 Päpste und Bischöfe beigesetzt. Mehr Infos gibt es hier.
Abtauchen unter der Grossstadt
Normalerweise macht man sich zu Fuss in die städtischen Unterwelten. Nicht so in der ungarischen Hauptstadt Budapest. Dort schlüpfen an Tiefgründigem Interessierte in Trockenanzug und Flossen und schnallen sich Sauerstoffflaschen um.
Dann geht es auf zu einem der vermutlich ungewöhnlichsten Tauchgänge, denn unter der Stadt wartet ein einmaliges Höhlensystem aus riesigen Domen und engen Gängen. Anfänger können zwar nur einen vergleichsweise kleinen Teil erkunden, echte Profis hingegen regelrecht auf Unterwassersafari gehen. Auf ihrem Streifzug in die hintersten Winkel gehören Unterwasserpropeller zur Standardausrüstung. Mehr Infos gibt es hier.