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«Wenn man viel bezahlt, erwartet man natürlich auch entsprechenden Service»
Urs WälterlinDie Australian Tourism Exchange (ATE) ist ein Muss für jeden ernsthaften Australien-Veranstalter. Entsprechend gross war der Andrang auch in diesem Jahr. 782 Einkäufer von 652 Firmen aus aller Welt waren nach Brisbane gereist, unter ihnen vier aus der Schweiz: Dreamtime Travel, Knecht Reisen, Travelhouse und Ozeania Reisen. 640 Anbieter stellten ihre Produkte zur Schau. 61 waren zum ersten Mal an der ATE.
«Wir sind sehr zufrieden», fasste Phillipa Harrison das Jahr zusammen. 8,3 Millionen Menschen hätten im abgelaufenen Finanzjahr Australien besucht – neun Prozent mehr als im Vorjahr, so die Chefin von Tourism Australia (TA). Die Körperschaft ist für das globale Marketing der Destination Australien verantwortlich.
Der Grossteil der Kurzzeitbesucher sei für Ferien nach Australien geflogen – 14 Prozent mehr als im Vorjahr. Aus der Schweiz reisten im selben Zeitraum 44'900 Gäste nach Australien, (plus 3,1 Prozent). Ganz klar der wichtigste Markt sei China mit 1,2 Millionen Ankünften. Auch Indien werde immer wichtiger, mit 448'000 Reisenden. Was die Zukunft angeht, hat TA grosse Pläne: Bis 2029 soll die Zahl der Besucher in Australien auf 13,19 Millionen steigen.
Viel Positives zu berichten hatte Harrison zu den Flugverbindungen. «Wir sind wieder auf dem Stand von vor Beginn der Covid-Krise 2019», so die TA-Chefin. Sowohl die heimische Fluglinie Qantas als auch Emirates und Turkish Airlines hätten in den letzten Monaten ihre Kapazitäten erhöht. Besonderes Lob hatte sie für die Istanbuler Flugline: «Turkish Airlines haben ein fantastisches Netzwerk in Europa, über das sie Australien direkt anbinden.»
Im Flugverkehr werde sich in den kommenden Jahren viel entwickeln, so Harrison. Nicht nur würden schon 2026 deutlich mehr Ultra-Longhaul-Verbindungen angeboten – Direktflüge zwischen Australien, New York, London und Istanbul. Auch werde dann der neue Flughafen in Sydney eröffnet. Damit würden zusätzlich zehn Millionen Menschen in der australischen Stadt landen können – rund um die Uhr. Der Western Sydney Airport wird kein Nachtflugverbot haben, wie der bestehende Flughafen.
Farmleben wird zum Trend
Auf der Angebotsseite waren vergleichsweise wenige Neuigkeiten zu verzeichnen. Auf der 2020 zur Hälfte abgebrannten Kangaroo Island hat sich «Sea Dragon Kangaroo Island» als kleinere, laut einem Einkäufer aber ebenbürtige und vor allem kostengünstigere Alternative zum wieder aufgebauten Luxusresort Southern Ocean Lodge aufgestellt.
Ein klarer Trend gehe in Richtung Agritourismus, meldeten mehrere Branchenvertreter. Das Leben und Erleben auf einer Farm, das Zuschauen oder sogar Anpacken beim Rinder zusammentreiben, Wein kosten, Schafe scheren also. Dominic Eckert von Dreamtime Travel, sieht in der westaustralischen «Station Stay Collective» ein «echt neues, interessantes Angebot» für seine Kunden.
Laut Eckert bleibt der Grossteil seiner Gäste zwischen drei und vier Wochen im Land. Es gebe jedoch «recht viele Leute, die eine Auszeit vom Beruf nutzen, um zwei Monate durch Australien zu reisen.» Während Selfdrive immer noch ein wichtiges Segment sei, buchten seine Kunden zunehmend auch Touren. «Nicht zuletzt auch deshalb, weil diese sonst ausgebucht sein könnten, wenn die Reisenden an einer Destination ankommen.»
Dasselbe gelte inzwischen sogar für Campingplätze, «nicht nur in der Hochsaison, sondern auch sonst». Die Gefahr eines Verlustes von Spontanität beim Reisen durch das Land führe gelegentlich dazu, dass sich ein Kunde gegen einen Camper entscheide und stattdessen einen Mietwagen buche. Die Unterkunft – ein Hotel oder Motel -, Flüge sowie Aktivitäten werden dann «alles von uns sauber im Voraus gebucht».
Schweizerinnen und Schweizer könnten auf ihrer Selfdrive-Tour bald mehr chinesische Gäste antreffen. Laut Phillipa Harrison entscheiden sich Besucher aus China immer häufiger für mehr Individualität statt Gruppenreisen, für mehr «Abenteuer und Reisen auf dem Land». China sei für TA bezüglich Wachstumspotenzial «einer unserer Super-Märkte».
Preisexplosion sorgt für Unmut
Wie bereits in den vergangenen Jahren lieferten die Preise Grund für Kritik unter Einkäufern – nicht nur von jenen aus Europa. Eine amerikanische Veranstalterin sprach gegenüber Travelnews von «nicht mehr nachhaltigen Kosten» für einen Australien-Aufenthalt. Sie kritisierte auch eine «gewisse Arroganz von Seiten der Anbieter, die meinen, wir seien bereit, jeden Preis zu bezahlen und jede Preiserhöhung einfach so hinzunehmen».
Auch Dominic Eckert bereitet die Preisentwicklung Sorge. Er sei zwar noch zufrieden mit dem Australien-Geschäft seiner Firma. «Die Kosten sind aber erheblich gestiegen. Nicht nur für unsere touristischen Produkte». Er sei vor der ATE eine Woche lang durch das Land gereist und erstaunt gewesen über die hohen Kosten. «Die Preise sind in australischen Dollar höher als bei uns in der Schweiz», so Eckert.
Im Moment habe die Schweizer Reiseindustrie das Glück, dass der Kurs tief ist, weil der Schweizer Franken so stark ist. Für einen Franken erhält man derzeit 1.87 australische Dollar. «Wenn die Kurssituation so wäre wie noch vor fünf, sechs Jahren, wäre Australien einfach zu teuer. Teurer als bei uns», sagt Eckert.
Schweizerinnen und Schweizer seien zwar «nicht so preissensitiv», so der Australien-Spezialist. «Irgendeinmal aber kommt der Punkt, wo sie sagen: so, jetzt ist es langsam am oberen Limit.» Die Situation werde dadurch verschärft, dass das Preis-Leistungsverhältnis oftmals nicht stimme. «Touristische Leistungen sind zwar teuer, aber nicht überall auf dem Standard, den man dafür erwarten würde. Wenn man viel bezahlt, erwartet man natürlich auch entsprechenden Service».
Gerade beim Essen habe er grosse Diskrepanzen festgestellt. «Es gibt wirklich sehr gute Orte, andere aber, wo es sicher noch Möglichkeiten zur Verbesserung gibt», so Eckert diplomatisch. Beispiele habe er etwa auf verschiedenen Inseln am Grossen Barrier Reef gefunden. «Die Region lebt von ihrer natürlichen Schönheit. Aber im Bereich Essen und Service hat sie noch etwas gut zu machen».
Eckert vermutet, dass «der lokale Markt da nicht ganz so sensibel ist wie der internationale». Er macht einen Vergleich mit den klassischen Australien-Konkurrenzländern Südafrika und Namibia. «Da haben wir deutlich bessere Situation bei den Preisen und in der Gastronomie», Das könne für die Destination Australien früher oder später ein Problem werden, so Eckert. «Vor allem wenn sich die Kurssituation wieder ändert.»