Here & There

Strandleben nach brasilianischer Art... hier am Beispiel des Pontal do Atalaia in Arraial do Cabo, unweit von Rio de Janeiro. Bild: Mateus Pontes

Brasilien nutzt sein touristisches Potenzial noch ungenügend

Seit Kurzem lässt sich auch das grösste südamerikanische Land Brasilien wieder weitestgehend umstandslos bereisen. Travelnews hat beim Schweizer Michael Bonin (Brazil Insider Incentives & Tourism) nachgefragt, wie die Situation vor Ort ist und wie sich der brasilianische Tourismus infolge der Pandemie verändert hat.

Vorletzte Woche vermeldete Travelnews, dass Brasilien nun auch auf die Impfpflicht verzichtet und die Einreise für alle Touristen möglich ist. Die Meldung kam zu einem idealen Zeitpunkt: Dieser bietet genügend Zeit, um noch für die brasilianische Hauptreisesaison (Dezember bis März) eine Reise ins grösste südamerikanische Land zu buchen.

Wie ist es aber dem brasilianischen Tourismus in der Pandemie ergangen, und worauf bauen die lokalen Anbieter jetzt? Dazu haben wir uns mit Michael Bonin, der Schweizer Inhaber der DMC Brazil Insider Incentives & Tourism in Rio de Janeiro, ausgetauscht.


Michael Bonin

Herr Bonin, wie ist es dem brasilianischen Tourismus während der Pandemie ergangen? Wie kam man über die Runden? Und wie ist die aktuelle Situation?

Michael Bonin: Es traf die Tourismusindustrie sehr hart. Es gibt keine genaue Zahlen dazu, wieviele Unternehmen ganz oder zumindest temporär schliessen mussten und wie viele Arbeitsplätze netto verloren gingen. Dank dem Inlandtourismus ging es immerhin sehr schnell wieder aufwärts. Neue Anbieter, neue Hotels und Restaurants sind entstanden und der Tourismus läuft insgesamt gut, allerdings fehlen die ausländischen Gäste noch weitgehend.

Mit dem Wegfallen der Zertifikatpflicht im vergangenen September bessert sich das nun hoffentlich. Es gibt teilweise sogar Kapazitätsengpässe in den Hotels in Rio de Janeiro, aber das hat damit zu tun, dass aufgrund der Fussball-WM 2014 und den Olympischen Spielen 2016 eine Überkapazität vorhanden war und es nun eine Bereinigung gab. Dieser Reduzierungs-Prozess begann bereits nach den Olympischen Spielen statt und wurde durch Corona verstärkt.

Sie haben angedeutet, dass Brasiliens Tourismus während der Krise auch Innovationskraft bewies, also neue Produkte kreiert wurden. Was muss man hierzu wissen?

Es gibt sehr viele Neuheiten, vor allem in den Bereichen Natur, Sport, Outdoor, Abenteuer und Erlebnis-Touren. Die Nationalparks sind besonders gefragt. Wir haben das Angebot an Aktivitäten wie Outdoor-Übernachtungen, Trekkings oder Expeditionen deutlich erweitert und in unsere Reise-Vorschläge eingearbeitet.

Was ist mit der Erreichbarkeit auf dem Luftweg?

International verkehren die Flüge normal und die Einreisebestimmungen haben sich ja auch deutlich entspannt. Die Swiss fliegt weiterhin nonstop ab Zürich nach Sao Paulo. Ob Edelweiss einst wieder nonstop nach Rio fliegt, wird sich zeigen.

Spannend ist es vor allem im Inland: Manche Airlines fliegen vermehrt kleinere Hubs abseits der grossen Städte an. Hier gibt es ein spannendes neues Produkt: Die Azul bietet «Panorama-Flüge» an mit folgenden Stopovers: São Luiz – Barreirinhas (Nationalpark Lençois Maranhenses) – Jericoacoara (Nationalpark) – Fortaleza, oder vice versa. Die einzelnen Strecken kosten umgerechnet zwischen 130 und 180 Franken, also etwa gleich viel wie mit Chauffeur und 4x4-Privatfahrzeug.

Sie sagen, die Einreiseprozedur hat sich entspannt. Alles easy?

Ja, alles easy, die Einreise verursacht aktuell keinerlei Probleme. Das Zertifikat ist nicht mehr obligatorisch, Ungeimfpte brauchen entweder einen Antigen-Test oder einen PCR-Test. Wer noch mehr Details zur Situation will, findet solche auf unserer Website.

«Zitat 1»

Hat sich der Tourismus gegenüber 2019 in Bezug auf die Nachfrage oder das Besucherverhalten verändert?

Individuelles Reisen und exklusive Erlebnisse sind noch mehr gefragt. Das ist nicht einfach das teuerste Luxus-Hotel oder Restaurant, sondern die Kunden definieren offensichtlich «exklusiv» als etwas, das für sie persönlich ein besonderes Erlebnis oder Abenteuer ist. Wir haben deshalb unser Angebot besonders auch in ländlichen Gegenden, etwa im Amazonas, im Nord-Pantanal oder der Gegend um Lençóis, deutlich ausgebaut und bieten dort allerhand aussergewöhnliche und interaktive Erlebnisse.

Immer bekannter und gefragter wird die sehr kreative und vielseitige Gastronomie. Brasilien ist bekanntlich Energie- und Lebensmittel-autark. Jegliche Art von Lebensmitteln ist lokal erhältlich und als klassisches Einwanderungsland geniesst der Gast eine sehr kreative, qualitativ hochstehende Küche. Wir bieten folglich auch spezielle Gastronomie-/Bartouren für herkömmliche Touristen sowie auch für Gastro-Fachleute an, ebenso «Kochunterricht mit einheimischen Köchen inklusive gemeinsamem Einkaufen auf dem Markt».

Wo sehen Sie noch Potenzial für Brasiliens Tourismus? Sehen Sie auch anhaltende Probleme?

Ich sage es mal so: Brasilien verzeichnete bislang rund 6 Millionen ausländische Touristen. Das Potenzial liegt um ein Mehrfaches höher! Dieses Land mit seinen enormen Ausmassen und seiner Vielseitigkeit bietet fast alles, was sich Touristen wünschen können. Doch das Potenzial wird nicht ausgeschöpft. Das grösste Problem hierbei liegt darin, dass die Bundesregierung kaum Marketing betreibt und Image-Aufbau respektive PR in Ausland weitgehend fehlt. Grund dafür ist vor allem die Konzentration auf den sehr starken Domestic-Tourismus. Das muss sich ändern.

Dann übernehmen wir das ein bisschen: Für wen ist Brasilien als Reiseziel besonders geeignet?

Ich will eigentlich nicht eine besondere Zielgruppe herausheben. Brasilien bietet praktisch alles ausser Wintersport nach europäischem Vorbild. Wer diesen nicht mag, sollte nach Brasilien kommen - da ist es dann nämlich Sommer und herrlich warm.

Haben Sie besondere Empfehlungen an - erstmalige - Brasilien-Reisende?

Ich empfehle, die enormen Distanzen zu berücksichtigen, nicht zu viele Destinationen bereisen zu wollen, das Programm nicht vollzupacken, sich genügend Auszeiten zu nehmen und individuelle Wünsche schon bei der Planung mitzuteilen. Wenn immer möglich, sollte man Städte, Nationalparks und Strände kombinieren. Für eine Brasilien-Reise ist eine Zeitdauer von 2 bis 3 Wochen ideal.

(JCR)