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Prof. Dr. Harald Zeiss fordert Transparenz bei den CO2-Emissionskennzahlen. Bild: Hochschule Harz

«Viele machen sich kaum Gedanken, was sie in den Ferien brauchen»

Gregor Waser

Prof. Dr. Harald Zeiss, Experte für nachhaltigen Tourismus, sagt im Interview, wie die Nachhaltigkeitsbemühungen beschleunigt werden können, was Greenwashing ist und was bei einer nachhaltigen Reise beachtet werden muss.

Herr Zeiss, 2019 wurde die Reisewelt noch von Themen wie Overtourism und Flugscham geprägt, seither aber von Corona, dem russischen Angriffskrieg und einer drohenden Energiekrise. Ist die Nachhaltigkeit im Tourismus in Vergessenheit geraten?

Prof. Dr. Harald Zeiss: Nein, das Thema ist präsent und beinhaltet ja viele Aspekte: Schutz der Ökologie, Verlust der Biodiversität, nun das Fischsterben in der Oder, das ist den Menschen auch bewusst. Ausserdem ist der Klimawandel weiterhin ein ganz grosses Thema, auch die soziale Nachhaltigkeit, etwa bei Jobs, Bezahlung, Fachkräftemangel. Was den nachhaltigen Tourismus betrifft und ob die Menschen nachhaltige Reisen buchen, da ist es so, dass die Corona-Zeit schon die Frage aufgeworfen hat, geht es nicht langsamer oder rücksichtsvoller? Aber nach drei Jahren dominiert aktuell der Nachhol-Effekt, so dass nun alle nochmals in den Urlaub wollen und die Sorge, dass es im Winter mit Corona wieder losgeht. Dies führt nun zu Chaos an den Flughäfen und vollen Hotels. Aber ich glaube insgesamt, und das zeigen auch die Studien, wächst der Trend nach Nachhaltigkeit und nachhaltigem Tourismus.

Wie verfolgen Sie die heutigen Nachhaltigkeitsbemühungen im Tourismus etwa von Reiseveranstaltern? Stagnieren die vor lauter Krise?

Die Bemühungen sind da, wenn man auch sagen muss, dass die Tourismusindustrie nicht federführend ist in diesem Bereich. Früher, als ich bei der TUI war, zeigte sich, dass 80 bis 90 Prozent der CO2-Kompensationen bei der Airline TUIfly von den Geschäftsreisenden kam. Oder ein anderes TUI-Beispiel: die Hotelmarke Viverde, die auf Nachhaltigkeit ausgerichtet war, wurde nach einigen Jahren wieder eingestellt, weil die Nachfrage nicht ausreichend war. Der Gast spielt ein sehr grosse Rolle und wenn diese Rolle gespielt wird, machen sich die Unternehmen auch auf den Weg und überlegen sich, wie sie diese Gäste erreichen können. Was wir stärker erleben, ist dass durch Vorgaben die Themen in grossen Unternehmen ab 3000 Mitarbeitenden angesprochen werden müssen, zum Beispiel wegen des Lieferkettengesetzes (Anm. der Red.: weitere Infos dazu und inwieweit Schweizer Firmen davon betroffen sind: unter diesem Link.). Dieses Gesetz wird in Deutschland ab Januar 2023 aktiv. In dem Moment, wo die Unternehmen direkt betroffen sind, da geht es los. 2024 sind auch Unternehmen ab 1000 Mitarbeiter betroffen. Für den Tourismus könnte das schon zu einem Problem werden, weil es so schwierig ist, die komplexen Lieferketten abzubilden.

Und bei kleineren Veranstaltern?

Im unteren Bereich der kleinen Veranstalter sind ganz viele in die Nachhaltigkeitsnische gegangen, zum Beispiel das «forum anders reisen», wo die Nachhaltigkeit das Geschäftsmodell und die erklärte Strategie ist. Interessant ist der mittlere Bereich, etwa Alltour, FTI oder Bentour, die ganz gut von einer Kundschaft leben, die weder ganz oben noch ganz unten steht und die sich erst in der letzten Zeit intensiver Gedanken machen. Erst langsam reift da die Erkenntnis, dass man beim Thema Nachhaltigkeit aktiv werden muss. FTI hat seit Juli eine Nachhaltigkeitsverantwortliche eingestellt, die nur für dieses Thema arbeitet.

Wie lässt sich der Prozess voranbringen?

Ich befürchte, dass wir mehr Regulierung brauchen, um den Prozess zu beschleunigen und an der Stelle würde ich tatsächlich nach dem Staat rufen in Zusammenarbeit mit den Verbänden. Es braucht gleiche Vorgaben für alle, das muss der Staat übernehmen. Wenn es die Branche alleine macht, ist gleich die Rede von Kartell und Absprache. Aber wir brauchen gleiche Rahmenbedingungen für die Player der Tourismusbranche – sonst macht keiner den ersten Schritt.

Was wären da einzelne Elemente solcher Rahmenbedingungen?

Das Lieferkettengesetz ist ein typisches Beispiel, bei dem es darum geht, welche Leistungsträger einen beliefern und dass dort menschenrechtliche Sorgfaltspflichten eingehalten werden. Gleiche Vorgaben würde ich mir auch wünschen beim Thema Klimaschutz, Kompensation oder Transparenz von CO2-Emissionskennzahlen.

«Greenwashing ist, wenn Easyjet sagt, alle Flüge zu kompensieren, und letztendlich rauskommt, dass sie das mit wenigen Cents pro Flug machen.»

Dieses Hotels verbietet die Plastikröhrchen, jene Airline erhöht den Anteil Sustainable Aviation Fuel auf 1 Prozent, dieses Reiseunternehmen meldet, ein weiteres Nachhaltigkeitslabel erhalten zu haben. Solche Meldungen treffen bei uns fast stündlich ein. Ist das nicht vor allem Greenwashing?

Greenwashing ist, wenn beispielsweise Easyjet sagt, alle Flüge zu kompensieren, und letztendlich rauskommt, dass sie das mit wenigen Cents pro Flug machen. Da wird den Kunden suggeriert, es werde etwas getan, aber es ist offensichtlich, dass das bei weitem nicht reicht. Ich finde das schade und unseriös. Easyjet könnte beispielsweise sagen, wir investieren so und so viele Millionen in Umweltprojekte, dann wäre das korrekt – aber nicht die Kunden glauben lassen, die Klimawirkung der Flüge sei damit kompensiert. Ich glaube in vielen Bereichen der Tourismusbranche sind einfach die Kenntnisse nicht gut genug. Wenn nun ein Unternehmen hervorstreicht, dass es Umweltpapier benutzt, dann ist das noch keine Massnahme. Die Hebel sind andere: die Heizung, die Reduktion der Geschäftsflüge oder die Sensibilisierung der Kundschaft, das sind die richtigen Themen.

Was sagen Sie zu den unzähligen Umwelt-Labels? Wie können Reisende überhaupt noch den Überblick bewahren, welche Labels relevant sind?

Mit dieser Frage beschäftigen wir uns schon seit vielen Jahren. Es gibt rund 400 Labels. Zunächst muss man sagen, ein Umweltlabel kann jeder ausrufen, das ist ein Problem. Zum Glück gibt es den Global Sustainable Tourism Council (GSTC), der sich vorgenommen hat, eine Art Filter zu sein. Und Labels, die es ernst nehmen, können sich bei GSTC registrieren und prüfen lassen. Tourcert, Earthcheck, Greenglobe oder Travelife etwa sind approved und haben damit ein akzeptables Niveau.

Was empfehlen Sie Reisenden? Auf was sollte man bei einer nachhaltigen Reise achten? Wie gilt es die zu planen?

Letztendlich gibt es zwei Wege. Der sachliche Weg ist, Flugreisen zu vermeiden oder reduzieren, Aufenthalte zu verlängern, Hotels aussuchen, die ein GSTC-konformes Zertifikat tragen oder kleinere, inhabergeführte Hotels auswählen, wo die Chance gross ist, dass die Gelder im Land bleiben. Weiter auch Land und Leute kennenzulernen oder Souvenirs kaufen, die nicht gegen das Washingtoner Artenschutzabkommen verstossen.

Und der zweite Weg?

Das ist ein eher philosophischer, den ich spannender finde. Was verbinde ich inhaltlich mit Urlaub oder Ferien, wie Sie in der Schweiz sagen. Viele machen sich kaum Gedanken, was sie in den Ferien brauchen. Benötigen sie körperliche Erholung? Spirituelle Erfahrung? Adventure? Wollen Sie etwas Neues lernen? Diese Prozesse sollten ganz am Anfang stehen. Ich vergleiche das mit dem TV schauen. Viele hauen sich abends müde auf die Couch, drücken auf den Knopf und gucken das, was gerade kommt. Dabei wissen wir alle, dass es meistens sinnvoller wäre, mit Meditation zu entspannen, mit einem Freund einen Abend zu verbringen oder ein interessantes Buch zu lesen. Das passiert nun eben auch mit Ferien, die darüber hinaus auch viel Geld kosten. Da wird die Entscheidung oft viel zu schnell getroffen: so im Stil, wir machen jetzt zwei Wochen Ferien in der Dominikanischen Republik, das wird schon gut sein. Aber was man genau möchte, sich erhofft und wünscht, das wird viel zu wenig überlegt. Schon allein deshalb ist es gut ins Reisebüro zu gehen, um sich beraten zu lassen. Und damit bessere Entscheidungen zu treffen.

Neulich haben Sie sich mit der Fachgruppe Umwelt & Soziales des Schweizer Reise-Verbands zum Austausch getroffen, um über Transparenz von Emissionen zu sprechen. Wie ist der aktuelle Stand?

Stand heute werden die Emissionen einer Urlaubsreise noch nicht überall transparent gemacht. Unser Ziel ist, mit allen Reiseangeboten eine CO2-Kennzahl zu verbinden, damit Reisende sich informieren können, wie gross der klimatische Fussabdruck ist. Damit das kalkuliert werden kann, benötigt die Branche gewisse Standards, Formeln und Methodologien, um das zu berechnen. Damit wir eine einheitliche Methodologie erreichen, arbeiten wir aktuell mit rund 50 Unternehmen, diese Standards zu entwickeln. Und wir benötigen dazu eine IT-Infrastruktur, die diese Berechnungen durchführt und die alle Unternehmen ab 2024 nutzen können. Futouris ist der Initiator. Der DRV, ÖRV und SRV sind als Schirmherren beteiligt. Ich bin überzeugt, das ist ein wichtiger Schritt, um beim Klimaschutz endlich voran zu kommen.