Flug

bjørn_max.jpg
Björn Kjos hat Norwegian gegründet und hält aktuell 20 Prozent an der Airline. Er wolle nicht verkaufen. Doch die Schuldenlast drückt. Bild: Norwegian

Gelingt der Übernahmepoker um Norwegian?

Norwegian sei an einem Verkauf an IAG nicht interessiert - lässt deren Gründer wissen. Dieser hält aber nur eine Minderheit. Wenn der Preis stimmt, könnte Norwegian sehr wohl in die Hände der IAG fallen.

Letzte Woche kündigte die IAG (Eigentümerin unter anderem von British Airways und Iberia) die Übernahme von 4,61 Prozent des Aktionariats von Norwegian an – mit Blick auf eine vollständige Übernahme. Gleichentags noch publizierte Norwegian eine Stellungnahme auf ihrer Website, wonach sie über die Transaktion von British nicht vorgängig informiert wurde und wonach auch keine Gespräche in Gang seien. Nicht ohne Stolz wurde in der Mitteilung aber auch angeführt, dass die Beteiligung einer grossen Luftfahrtgesellschaft zeige, dass das Geschäftsmodell und die globale Wachstumsstrategie von Norwegian «vertrauenswürdig» seien.

Norwegian-Gründer Björn Kjos, der selber 20 Prozent an der Airline hält, liess medial wissen, er sei nicht an einem Verkauf interessiert, sondern sei nur «am Betrieb der Airline» interessiert. Doch der springende Punkt hier ist: Wenn die Norwegian-Aktionäre bereit sind, ein Angebot anzunehmen, könnte er gezwungen sein, zu verkaufen.

Aktuell liegt noch kein konkretes Übernahmeangebot vor. Möglicherweise wartet IAG noch etwas zu. Nach der Ankündigung vom letzten Donnerstag stieg der Aktienkurs von Norwegian um 47 Prozent. Klar ist aber auch: Wenn der Preis hoch genug ist, kann sich eine Unternehmensleitung kaum herausreden, den Aktionären einen Verkauf zu empfehlen.

Was ebenfalls für einen Verkauf spricht: Die enorme Verschuldung von Norwegian. Die lange Expansionsphase kostet; allein im ersten Halbjahr 2018 stossen neun Boeing 787 Dreamliner zur Flotte. In diesem Jahr werden rund 1,5 Milliarden Dollar investiert. Zu Jahresbeginn sass Norwegian aber bereits auf einem Schuldenberg von 23,3 Milliarden Kronen, umgerechnet fast 2,9 Milliarden Franken. Und Norwegian hat für das abgelaufene Geschäftsjahr einen Nettoverlust melden müssen. Obwohl Norwegian zweifellos viel Expertise im Langstrecken-Low-Cost-Bereich erlangt hat und dieses Geschäftsfeld die «Grossen» wie IAG zum Reagieren zwingt: Allen Norwegian-Aktionären ist die kapitalintensive Expansion nicht geheuer. Die Volatilität des Flugwesens trägt das ihre dazu bei: Ob Aschewolken, Terror, Lieferprobleme von Flugzeugen oder hausgemachte Fehler in der Routen- oder Pilotenplanung: Norwegian kann sich aktuell keine Krise leisten. Der Ausblick auf riesige Erträge, wenn man sich tatsächlich als Platzhirsch im Langstrecken-Low-Cost etablieren kann, kann wie Zweckoptimismus wirken.

Atlantic Joint Business verkauft «Basic»-Tarife im Transatlantikverkehr

Spannend ist in diesem Zusammenhang, dass seit letzter Woche die IAG-Carrier gemeinsam mit American Airlines und Finnair – also die «Atlantic Joint Business»-Partner – selber «Basic»-Tarife im Transatlantikmarkt bieten, also das Modell von Norwegian und weiterer Low-Cost-Carrier zumindest tariflich kopieren. Damit ist IAG bis auf Weiteres weiterhin auf Konkurrenzkurs zu Norwegian.

Das norwegische Wirtschaftsportal «E24» geht allerdings davon aus, dass IAG bis 340 Kronen (ca. 42 Franken) pro Aktie bezahlen würde. Der Höchstkurs nach Bekanntwerden des IAG-Interesses lag bei 264 Kronen (rund 32,60 Franken). Selbst wenn man glaubt, dass Kjos und Geschäftsführer Björn Kise selber nicht am Verkauf interessiert sind (welcher ihnen beim genannten Preis aber umgerechnet 500 Millionen Franken einbringen würde), heisst das noch lange nichts.

(JCR)