Flug

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Showdown im Check-in 1 am Flughafen Zürich. In diesen Wochen gilt es auf äusserst viele Fragen von Flugpassagieren eine Antwort zu finden. Bild: Flughafen Zürich AG

Kurz durchatmen, bevor der Wahnsinn losgeht

In Coronazeiten gestaltet sich der Arbeitsalltag des Bodenpersonals am Flughafen Zürich alles andere als normal. Eine Flughafen-Mitarbeitende berichtet von Passagieren ohne korrekte Papiere, die einem an die Gurgel wollen und solchen, die auf die Knie gehen und Geld anbieten, um doch noch mitfliegen zu können.

«Uns geht’s gut – obwohl – am besten erzähl ich euch von einem normalen Arbeitstag am Flughafen:

Vor Schichtbeginn meditiere ich gerne auf meinem Weg zum Einstempeln. Kurz durchatmen, bevor der Wahnsinn losgeht. Doch kaum setze ich den ersten Fuss aus dem Aufzug, fragt mich der erste Passagier, ob er für seine Reise wohl alle nötigen Unterlagen beisammen habe ... ähm, vielleicht müsste ich erst mal wissen, wohin er denn fliegen will. Er drückt mir einen Stapel Papiere in die Hand, ich schwöre, dafür musste ein ganzer Baum sein Leben lassen. So viele Papiere! Der Mann zittert, kann kaum atmen. Ich schaue mir alles an, beruhige ihn, schicke ihn ans richtige Check-in. Er bedankt sich, ich sei seine Rettung. Doch das Blatt wird sich wenden, ich verspreche es euch. Von der Heiligen zu ... ihr werdet es noch sehen.

«Wie ein Magnet zieht meine Uniform alle verlorenen Seelen an.»

Weiter geht mein Fussmarsch Richtung Schichtbeginn. Noch 10 Minuten, bis ich anfangen muss. Wie ein Magnet zieht meine Uniform alle verlorenen Seelen an. Jeder, der eine Frage hat, spricht mich an ... Blickkontakt vermeiden, auf den Boden schauen, Schleichwege benutzen. Diese Taktik hilft sonst ganz gut. Aber in Coronazeiten ist alles anders. Normale Menschen verlieren ihre Gabe, zu denken und zu lesen, sobald sie den Flughafen betreten. Glaubt mir, es stimmt. Habe es getestet.

Noch 100 Meter durch das Check-in 1, dann habe ich es geschafft und kann mich anmelden. Doch diese letzten Meter haben es in sich – und wie erwartet springt mich ein Passagier von links an. Er hätte nach einem PCR-Test soeben ein positives Resultat erhalten, was er denn jetzt tun solle? Ja was wohl, von mir wegbleiben, denke ich mir. Ich mache zwei Schritte rückwärts, sage ihm, er solle als erstes die Maske richtig anziehen und als zweites heimgehen auf direktem Weg. Er kommt wieder näher. Ob sein Flugticket nun verloren sei? Ob ihm jemand das Taxi bezahle, ob er in Quarantäne müsse ... Himmel hilf mir. Und ich bin ja noch nicht einmal im Dienst. Also schicke ich den Kontaminierten heim, und versuche, mich hustend durchs Terminal zu retten. Das hilft immer.

Geschafft. Angemeldet. Eine Minute vor Arbeitsbeginn. Und jetzt denkt ihr, es kann nur besser werden? Falsch gedacht. In den nächsten acht Stunden rechne ich gefühlte 1000 Mal, ob ein Antigen- oder PCR-Test für das betreffende Land noch gültig ist, lese nach, ob die Impfung mit Johnson reicht, ob und welche Vorschriften sonst noch gelten, Quarantänehinweise, Einreisebeschränkungen ... immer und immer wieder. Bis ich nicht mehr weiss, welches Jahr wir haben und ob ich heute schon was gegessen habe.

«Dumme Kuh ... blöde Flughafen-Nuss ... elender Drache!»

Nun wird es richtig spannend, nämlich wenn ein Passagier nicht alles korrekt erfüllt. Die Namen, die mir gesagt werden, wurden uns als Kinder verboten, laut auszusprechen. «Dumme Kuh», «blöde Flughafen-Nuss» und «elender Drache» waren gestern das Netteste, was ich zu hören bekam. Ein Passagier wollte mir an die Gurgel, einer trat die Türe zur Fluggastbrücke ein und ein anderer fiel vor mir am Gate auf die Knie und bot mir Geld an, wenn ich ihn trotzdem fliegen liesse. Bestechung hat also auch bei uns Einzug gehalten. Aber nicht mit mir. Ich bin hart wie Stein. Die Polizisten kenne ich mittlerweile mit Vornamen. So oft, wie in diesem Coronajahr habe ich selten Polizeischutz gebraucht am Gate.

Aber wie gesagt, uns geht’s gut neben all dem Stress am Flughafen. Sobald ich zu Hause bin, begrüssen mich die drei Buben, welche alle ein entspanntes Leben geniessen. Einer, weil er die ganze Zeit im Home Office ist, die anderen zwei, weil sie nix tun müssen, ausser zu schlafen und zu essen. Uns geht’s gut. Wir haben zu Essen, haben eine Arbeit (ok, einer von uns hat eine entspannte Arbeit, der andere weniger), wir lachen zusammen, sind gesund, beide doppelt geimpft, ich fast drei Mal ...

Für das nächste Jahr wünsche ich euch und uns, dass es besser wird. Dass wir wieder sorglos leben können, Hände schütteln und uns umarmen können. Habe den Wunsch dort oben so platziert. Habe keine gegenteilige Nachricht bekommen. Also wird dem Antrag wohl stattgegeben.

Ganz ä liebe Gruess!»

(eine Flughafen-Mitarbeitende)

(TN)