Flug

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Kommentar Der Handgepäck-Wahnsinn

Von Gregor Waser

Swiss-Chef Thomas Klühr fordert mehr Pünktlichkeit. Doch schuld an Verspätungen ist die Airline oft selber.

Es war ein langer Tag in Berlin, die Fahrt im Abendverkehr zum Flughafen Tegel zieht sich hin. Der kleine Warteraum am Gate 13 ist brechend voll. LX979 steht bereit. Mehr als bereit sind auch die Passagiere, die dicht beisammen ungeduldig aufs Einsteigen warten, jeder mit einem grossen Handgepäck. Die Maximalgrösse von 55 x 40 x 23 Zentimeter scheint jeder auszuschöpfen, manche haben gar eine zweite Tasche dabei.

Nach etwa 120 von 170 Passagieren betrete dann auch ich den Airbus 320 der Swiss, aber die Kolonne stockt. Bald ist klar wieso. Die Gepäckablage ist bereits randvoll, Passagiere versperren den Gang. Minutenlanges Warten, bis man die hinteren Reihen erreicht. Ich quetsche meine Tasche mit aller Kraft zwischen zwei andere Taschen, setze mich und verfolge das Schauspiel.

Flight Attendants wuseln herum, bitten Passagiere das Gepäck unter den Sitz zu schieben, tragen Koffer nach vorne in die Business Class auf der Suche nach freiem Stauraum. Ein GL-Mitglied der Hotelleriesuisse kommt als einer der letzten Passagiere in die Kabine. Er kann nur noch den Kopf schütteln, zwängt seine Anzugstasche in ein volles Gepäckfach und steht mit dem Kittel verloren im Gang. Hinter mir nimmt eine Dame Gepäck aus der Ablage und legt es auf einen Sitz, um ihr eigenes zu verstauen — sofort der Ruf aus einer Reihe dahinter: „Sie, was machen Sie da? Legen Sie das sofort zurück!“. Das Boarding dauert eine halbe Stunde länger als sonst. Mit der logischen Konsequenz: einer deutlichen Verspätung in Zürich und viel Stress an Bord.

"Light"-Tarif schürt das Problem

Offensichtlich wird auf Europa-Strecken kaum mehr Gepäck eingecheckt, obwohl die Entgegennahme — zumindest in Zürich — kaum zusätzliche zehn Minuten beanspruchen würde. Doch mit den neuen Tarifwelten wird die Handgepäck-Mitnahme gepusht.  Der „Light“-Tarif nach Berlin kostet 25 Franken weniger pro Strecke als der „Classic“-Tarif, der ein Gepäckstück zum Einchecken inkludiert.

Gestern nun, bei der Präsentation des Geschäftsjahres 2015, forderte der neue Swiss-Chef Thomas Klühr mehr Pünktlichkeit. Es könne nicht sein, dass Schweizer Präzision bei vielen Produkten und im öffentlichen Verkehr herrsche, aber am Flughafen Zürich ein Viertel aller Swiss-Flüge mit einer Verspätung von 15 Minuten und mehr starten. Das sei inakzeptabel.

Sicher sind die limitierten Zeitfenster am Klotener Himmel ein Problem, um bei der Pünktlichkeit zu performen. Doch die Verspätung von LX979 von letzter Woche ist einzig und allein dem Umstand geschuldet, dass mit der aktuellen Handgepäck-Regelung der Abflug unnötig verzögert wird.